Wie viel USA ist zu viel? Diese Frage treibt nicht mehr nur Regierungen um, sondern zunehmend auch Investoren rund um den Globus. Die Antwort fällt an den Finanzmärkten immer häufiger eindeutig aus: Weniger Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten, mehr Streuung – und damit mehr Sicherheit.
„De-Risking“ ist längst ein fest etablierter Begriff in der internationalen Wirtschaftspolitik. Doch während es in den vergangenen Jahren vor allem um die Reduzierung von Abhängigkeiten von China ging, rücken nun die USA selbst in den Fokus. Unter Präsident Donald Trump gelten sie vielen als politisch und wirtschaftlich unberechenbar – mit spürbaren Folgen für Kapitalströme weltweit.
Trumps nationalistisch geprägte Machtpolitik schreckt dabei nicht einmal vor langjährigen Partnern zurück. Strafzölle, Drohgebärden und politische Provokationen treffen auch enge Alliierte wie Deutschland, Frankreich oder Großbritannien. Selbst die Diskussion um Grönland und wiederholte Zollandrohungen haben das Vertrauen in die Verlässlichkeit der USA weiter erschüttert. Für Staaten wie für Anleger wächst damit das politische Risiko, das mit US-Engagements verbunden ist.
Entsprechend reagieren Regierungen und Finanzmärkte. Bezeichnend ist etwa, dass Kanadas Premierminister noch vor dem Weltwirtschaftstreffen im schweizerischen Davos Gespräche in China suchte und dort eine „strategische Partnerschaft“ vereinbarte. Auch in Europa gewinnen Alternativen an Bedeutung – vom Mercosur-Abkommen bis zu neuen Debatten über eine engere europäische Zusammenarbeit.
Besonders deutlich zeigt sich der Stimmungswandel an den Finanzmärkten. Jahrzehntelang galten der Dollar und US-Staatsanleihen als unerschütterlicher „sicherer Hafen“. In Krisenzeiten floss Kapital reflexartig in amerikanische Anleihen – selbst dann, wenn die Krise ihren Ursprung in den USA hatte. Dieser Mechanismus beginnt zu bröckeln.
Nach Trumps aggressiven Zollankündigungen – etwa rund um den sogenannten „Liberation Day“ – war zunächst noch ein klassisches Fluchtverhalten zu beobachten: Die Nachfrage nach US-Staatsanleihen stieg. Doch kurz darauf setzte ein Umdenken ein. Investoren begannen, sich schrittweise aus US-Bonds zurückzuziehen und stattdessen auf Alternativen zu setzen. Besonders gefragt sind derzeit deutsche und japanische Staatsanleihen.
Auch große Marktakteure reagieren. Der Anleihe-Gigant Pimco kündigte an, seine Anlagen stärker außerhalb der USA zu diversifizieren. Für Washington könnte das teuer werden: Sinkt die Nachfrage nach US-Staatsanleihen, steigen die Zinsen – und damit die Kosten für die ohnehin hohe Staatsverschuldung.
Parallel verliert der Dollar an Glanz. Seit Beginn von Trumps zweiter Amtszeit hat er gegenüber dem Euro rund zwölf Prozent an Wert eingebüßt. Institutionelle Investoren wie auch Privatanleger verlagern ihr Kapital zunehmend in Aktienmärkte außerhalb der USA. Der deutsche Dax und der Aktienmarkt in Shanghai haben auf Jahressicht deutlich besser abgeschnitten als der S&P 500.
Besonders augenfällig ist das „De-Risking“ beim Gold. Als klassischer sicherer Hafen profitiert das Edelmetall massiv von der Unsicherheit: Seit Trumps Amtsantritt in seiner zweiten Amtszeit ist der Goldpreis um mehr als 70 Prozent gestiegen – ein klares Misstrauensvotum gegenüber Dollar und US-Politik.
Wenn Trump in diesen Tagen beim World Economic Forum in Davos auftritt, dürfte genau dieses Thema über den Fluren schweben. Seine Ankündigung, es werde ein „sehr interessantes Davos“, klingt für viele weniger nach Dialog als nach weiterer Eskalation. Für Investoren ist das vor allem eines: ein weiteres Argument, Risiken zu reduzieren – und sich von den USA ein Stück weit zu lösen.