Geschichte ist bekanntlich eine Frage der Perspektive. Und wenn man lange genug daran arbeitet, wird aus einem gewaltsamen Sturm auf das Kapitol offenbar ein „ordentliches, fröhliches Treffen mit Fahnen“. Genau das liefert nun eine neue Webseite aus dem Umfeld des Weißen Hauses, die den 6. Januar 2021 endlich richtigstellt – also aus Sicht Donald Trumps.
Jahrelang hatte Trump versucht, die Ereignisse rund um den Angriff seiner Anhänger auf den Kongress weichzuspülen. Doch die neue Online-Präsentation geht weiter: Sie verleiht längst widerlegten Behauptungen den offiziellen Glanz staatlicher Seriosität. Der rote Faden: Die Wahl 2020 sei gestohlen worden. Beweise? Altmodisch. Gefühlte Wahrheit reicht.
In einer sorgfältig handverlesenen „Timeline“ wird Trumps Rede vor dem Kapitol als sachliche Beweisführung zu Wahlbetrug beschrieben. Dass er seine Anhänger aufforderte, „wie die Hölle zu kämpfen“, fehlt – vermutlich aus Platzgründen. Ebenso ausgelassen werden zerbrochene Fenster, verletzte Polizisten und der kleine Umstand, dass Menschen versuchten, den demokratischen Machtwechsel zu verhindern.
Stattdessen trifft es die eigentlichen Übeltäter: die Polizei. Laut Webseite eskalierte sie mit „provokativen Maßnahmen“ eine eigentlich friedliche Demo. Tränengas? Ganz bestimmt grundlos. Videoaufnahmen, die zeigen, wie Beamte angegriffen werden, gelten offenbar als alternative Kameraperspektive.
Auch bei den Todesfällen wird kreativ formuliert. Menschen, die an Herzinfarkt oder Schlaganfall starben, seien „getötet“ worden, während gleichzeitig behauptet wird, kein Polizist habe sein Leben verloren. Officer Brian Sicknick, der nach einem Angriff starb, passt da wohl nicht ins Storyboard. Ebenso wenig wie über 140 verletzte Beamte.
Schuldige müssen dennoch gefunden werden. Mike Pence wird als feiger Saboteur dargestellt, weil er sich weigerte, die Verfassung spontan umzuschreiben. Nancy Pelosi darf ebenfalls mitspielen – ihre Aussage, man hätte besser vorbereitet sein müssen, wird zur ultimativen Beweisführung für Trumps nie belegtes Angebot von 10.000 Nationalgardisten.
Am Ende steht Trump selbst als Opfer: zensiert, entbankt, missverstanden. Die Krönung: die Begnadigung von rund 1.600 Beteiligten am Kapitolsturm – laut Webseite allesamt „patriotische Amerikaner“. Ob Polizistenverprügler, Milizionäre oder Extremisten: Patriotismus ist offenbar dehnbar.
So wird aus einem Angriff auf die Demokratie eine Heldensaga. Man muss Geschichte eben nur oft genug neu schreiben.