Für Anglerinnen und Angler an der Ostsee beginnt ein neues Kapitel. Wer künftig in der Ostsee fischt, muss sich verpflichtend per Smartphone-App registrieren und bestimmte Fänge elektronisch melden. Die neue Regelung betrifft Freizeit- und Meeresangler in Mecklenburg-Vorpommern ebenso wie Angler in ganz Deutschland und der Europäischen Union. Grundlage ist eine neue EU-Kontrollverordnung, die den Schutz stark gefährdeter Fischarten verbessern soll.
Hintergrund der Neuregelung ist der dramatische Zustand mehrerer Fischbestände. Arten wie Dorsch, Aal oder Wildlachs sind in der Ostsee stark zurückgegangen. Zwar dürfen sie teilweise noch als Beifang an den Haken gehen, doch genau diese Fänge müssen künftig dokumentiert werden. Dafür wurde die Smartphone-App RecFishing eingeführt, über die Angler ihre Aktivitäten erfassen und melden sollen.
Skepsis und Sorgen bei den Anglern
In der Praxis stößt die neue Pflicht bei vielen Anglern auf Skepsis. Vor allem ältere Menschen fühlen sich von der rein digitalen Lösung überfordert. Nicht jeder verfüge über ein Smartphone oder wisse, wie eine App korrekt bedient wird. Hinzu kommen ganz praktische Probleme auf See: In vielen Bereichen der Ostsee gibt es kaum oder gar keinen Mobilfunkempfang. Für viele Angler ist es schwer nachvollziehbar, warum sie ihre Fänge später zu Hause nachtragen sollen, statt dies direkt vor Ort zu erledigen.
Die Sorge: Aus einem entspannenden Freizeitvergnügen könnte ein bürokratischer Kraftakt werden – mit zusätzlichem Zeitaufwand und der Angst vor Fehlern, die möglicherweise sanktioniert werden.
Daten für Kontrolle und Wissenschaft
Aus Sicht der Wissenschaft und der Behörden verfolgt die neue Regelung jedoch klare Ziele. Der Meeresbiologe Harry Strehlow vom Thünen-Institut für Ostseefischerei erklärt, dass die App nicht nur der Kontrolle diene, sondern vor allem eine wichtige Datenquelle für die nachhaltige Bewirtschaftung der Fischbestände sei. Um Fischbestände sinnvoll zu managen, müsse bekannt sein, wie viele Fische existieren, wie hoch der Nachwuchs ist und wie viel tatsächlich entnommen wird – auch durch Freizeitfischerei.
Langfristig plant die Europäische Kommission, die Meldepflicht auszuweiten. Ab dem Jahr 2030 sollen nicht mehr nur stark gefährdete Arten erfasst werden, sondern auch weitere Meeresfische wie etwa Schollen. Ziel ist ein vollständigeres Bild der tatsächlichen Fischentnahme in der Ostsee.
Technische Lösungen – aber offene Fragen
Die Behörden betonen, dass die App auch ohne Netzabdeckung funktionieren soll. Fangdaten können demnach offline gespeichert und später automatisch übermittelt werden, sobald wieder eine Verbindung besteht. Damit soll ein zentrales Argument der Angler entschärft werden.
Ungeklärt bleibt jedoch die Frage nach Alternativen zur App. Eine rein digitale Lösung schließt Menschen ohne Smartphone faktisch aus. Die Europäische Kommission räumt diesen Kritikpunkt ein und prüft derzeit, ob zusätzlich eine webbasierte Meldeoption eingeführt werden kann, über die Fänge auch über eine Internetseite gemeldet werden könnten.
Balance zwischen Schutz und Akzeptanz
Die neue Meldepflicht zeigt den wachsenden Spagat zwischen Artenschutz und gesellschaftlicher Akzeptanz. Während Politik und Wissenschaft auf verlässliche Daten und strengere Kontrolle setzen, fühlen sich viele Angler bevormundet oder technisch überfordert. Ob die App-Pflicht langfristig zum Schutz der Ostsee beiträgt oder eher Frust erzeugt, dürfte maßgeblich davon abhängen, wie praxisnah und flexibel die Umsetzung letztlich ausfällt.