Für viele Menschen sind Weihnachten und Silvester Tage der Gemeinschaft – für Hunderttausende jedoch genau das Gegenteil. Gerade rund um die Feiertage fühlen sich viele besonders einsam. Die Erwartungen an Harmonie, Familie und Geselligkeit seien in dieser Zeit besonders hoch, erklärt die Psychiaterin Karin Gutierrez-Lobos gegenüber ORF.at. Wer diesen Erwartungen nicht entsprechen kann oder will, empfindet Einsamkeit oft noch intensiver.
Einsamkeit ist dabei kein Randphänomen. Einer Studie von Caritas und dem SORA-Institut zufolge fühlen sich rund 570.000 Menschen in Österreich mehr als die Hälfte der Zeit einsam. Besonders auffällig ist der Anstieg bei jungen Menschen. Eine Auswertung der Notrufnummer 147 zeigt, dass die Beratungsgespräche von Jänner bis November 2025 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als ein Drittel zugenommen haben. Einsamkeit betrifft damit längst nicht nur ältere Menschen, sondern zieht sich durch alle Altersgruppen.
Ein Ansatz, dieser Isolation etwas entgegenzusetzen, ist die Initiative „Keinerbleibtallein“. Ins Leben gerufen wurde sie von Christian Fein, der selbst aus persönlicher Erfahrung handelte. Vor acht Jahren verbrachte er Weihnachten und Silvester allein. Aus diesem Gefühl heraus entstand zunächst der Hashtag „#KeinerTwittertAllein“ auf der Plattform X. Die Resonanz war so groß, dass Fein beschloss, aus der digitalen Aktion eine reale Vermittlungsinitiative zu machen.
Heute bringt „Keinerbleibtallein“ Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen – insbesondere rund um die Feiertage. Interessierte können über Facebook oder Instagram angeben, ob sie Gesellschaft suchen oder anbieten möchten. Das ehrenamtliche Team versucht dann, vor Ort passende Kontakte zu vermitteln. Dabei werden Alter, Geschlecht und – soweit bekannt – auch persönliche Einstellungen berücksichtigt. Seit 2017 zählt die Initiative rund 350.000 Teilnahmen, davon zwischen 20.000 und 30.000 allein in Österreich. Ein besonderer Schwerpunkt liegt in Wien, doch auch in anderen Städten wächst das Interesse stetig.
Eine Garantie für eine erfolgreiche Vermittlung gibt es jedoch nicht. Anfragen werden zwar noch bis kurz vor Weihnachten bearbeitet, doch die Nachfrage übersteigt teilweise die Möglichkeiten. Fein rät deshalb dringend zu einem „Plan B“. Ein strukturierter Tagesablauf – etwa ein Spaziergang, ein Film oder eine Serie und ein bewusst gestaltetes Abendessen – könne helfen, die Feiertage besser zu bewältigen. Ungeplante, leere Tage könnten das Gefühl der Einsamkeit dagegen verstärken.
Aus medizinischer Sicht ist Einsamkeit mehr als bloßes Alleinsein. Gutierrez-Lobos beschreibt sie als subjektives Gefühl einer Lücke zwischen den bestehenden und den gewünschten Beziehungen. Entscheidend ist dabei nicht die Anzahl der Menschen um einen herum. Auch wer Heiligabend im Kreis der Familie verbringt, kann sich einsam fühlen – ebenso wie jemand, der allein ist, aber innerlich zufrieden.
Angebote wie „Keinerbleibtallein“ zeigen, dass Einsamkeit kein individuelles Versagen ist, sondern ein gesellschaftliches Thema. Gerade in einer Zeit, die stark von sozialen Ritualen geprägt ist, können niedrigschwellige Begegnungen, Gespräche oder gemeinsame Aktivitäten einen Unterschied machen. Sie ersetzen keine tiefen Beziehungen, schaffen aber etwas, das vielen fehlt: das Gefühl, gesehen und nicht allein zu sein.