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Schleswig-Holstein zieht die Reißleine: Warum das Land seine staatlichen Casinos jetzt verkaufen will

tourque (CC0), Pixabay

Vor fast 30 Jahren hat Schleswig-Holstein einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen: Das Land verstaatlichte seine Casinos – ein Modell, das bundesweit lange als Sonderfall galt. Doch nun steht eine Kehrtwende an. Die Landesregierung möchte die Spielbanken endlich privatisieren und drückt dabei kräftig aufs Tempo. Während das Finanzministerium bereits konkrete Fristen nennt, gibt es zugleich deutliche Kritik an dem Vorhaben.

🏛️ Vom Staatscasino zum Verkaufsobjekt

Wer am Roulette-Tisch in Lübeck, Flensburg, Kiel oder Schenefeld verliert, speist indirekt das schleswig-holsteinische Finanzministerium. Die Gewinne der Spielbanken fließen seit Jahren in den Landeshaushalt – ein nicht unerheblicher Beitrag angesichts angespannter Finanzen.

Doch damit könnte bald Schluss sein. Bereits im Koalitionsvertrag der „Küstenkoalition“ von 2012 wurde der Verkauf der Spielbanken als Ziel festgehalten. Nun will die aktuelle Landesregierung den Plan umsetzen. Laut einer Antwort des Finanzministeriums auf eine Kleine Anfrage der SPD soll die Privatisierung bis Oktober 2026 abgeschlossen sein. Danach könnten private Glücksspielunternehmen die Casinos übernehmen.

Parallel diskutiert das Land, ob ein weiterer Standort im Raum Bargteheide eröffnet werden könnte – ebenfalls mit Blick auf den späteren Verkauf.

🎲 Warum Casinos so besonders streng reguliert sind

In Schleswig-Holstein sind Spielbanken seit 1949 staatlich kontrolliert. Gesetzlich festgelegt sind:

  • die maximale Anzahl der Casinos,

  • ihre Standorte,

  • und besondere Rahmenbedingungen des Spielbetriebs.

Anders als in normalen Spielhallen gibt es in Casinos keine Einsatzlimits. Spielerinnen und Spieler können theoretisch mit jedem Betrag an den Tisch gehen – ein Risiko, das staatliche Kontrolle notwendig macht, um Spielsucht und massive finanzielle Schäden zu begrenzen.

💰 Ein Millionengeschäft – glänzende Zahlen für den Staat

Wirtschaftlich läuft es für die staatlichen Häuser hervorragend:

  • 289.000 Besucher im vergangenen Jahr – Tendenz steigend.

  • 52 Millionen Euro Umsatz insgesamt.

  • 16 Millionen Euro Überschuss – ein bemerkenswerter Gewinn im Glücksspielsektor.

Besonders erfolgreich ist das Casino Schenefeld, das alleine rund 23 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet. Etwa die Hälfte des Gewinns wird jährlich an die landeseigene Muttergesellschaft abgeführt – und landet damit indirekt im Landeshaushalt.

Geschäftsführer Reiner Schepull beschreibt das Modell selbstbewusst:

„Wir sind ein golden glänzender Honigtopf mit dem wirtschaftlichen Erfolg, den wir haben.“

🛡️ Warum der Geschäftsführer die Staatsform verteidigt

Für Schepull bietet das Land als Eigentümer massive Vorteile:

  • Keine Renditeforderungen eines Investors

  • Günstigere Verhandlungen, etwa bei Mietverträgen

  • Mehr Personal pro Gast, um Spielsucht vorzubeugen

  • Stärkere soziale Verantwortung statt reiner Gewinnmaximierung

Gerade im Bereich Prävention sieht er die staatliche Struktur als Vorteil. Man habe die Möglichkeit, engeren Kontakt zu den Gästen zu halten, deren Verhalten zu beobachten und frühzeitig einzugreifen.

🧩 Suchtexperten: Privatisierung kein Risiko – Staat war zuletzt nicht besser

Steffen Hittmeyer von der Kieler Suchtberatungsstelle „Stadtmission Mensch“ sieht die Entwicklung deutlich entspannter.
Sein Fazit: Eine Privatisierung muss kein Nachteil sein.

„Auch ein privater Betreiber muss sich an den Glücksspielstaatsvertrag halten und ordnungsgemäßes Spiel gewährleisten.“

Nach seiner Beobachtung seien die landeseigenen Casinos zuletzt nicht unbedingt vorbildlicher gewesen. Der Fokus habe sich zunehmend auf Umsatzsteigerung verlagert – auf Kosten der Prävention. Ein privater Betreiber sei daher nicht automatisch schlechter.

🔮 Wie geht es nun weiter?

Bis 2026 soll der Verkauf vollzogen sein. Die Landesregierung arbeitet bereits an den Rahmenbedingungen, während Opposition und Fachstellen weitere Prüfungen fordern.

Offen bleibt:

  • Wird der Landeshaushalt durch den Verkauf entlastet oder langfristig geschwächt?

  • Können private Betreiber den Spagat zwischen Gewinnorientierung und Suchtprävention meistern?

  • Und wie verändert sich die Glücksspiel-Landschaft, wenn das Land seine Casinos vollständig abgibt?

Fakt ist: Die Debatte über Sinn und Risiken staatlicher Spielbanken dürfte Schleswig-Holstein noch lange begleiten – bis weit über den geplanten Verkaufstermin hinaus.

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