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Bilanzielle Überschuldung – stabile Liquidität: Der Windpark Gilmerdingen zwischen Risiko und Fortbestand

geralt (CC0), Pixabay

1. Ausgangslage: Ein Windpark mit Kapitalproblemen, aber funktionsfähigem Betrieb

Die Bilanz zeigt zwei gegensätzliche Realitäten:

  • Operativ läuft der Windpark weiter stabil.

  • Bilanzrechtlich ist die Gesellschaft überschuldet, weil die Kommanditistenkonten ins Minus rutschen.

Ein klassisches Szenario im Windenergie-Sektor, aber keines, das Anleger ignorieren sollten.

2. Anlagevermögen: Werterhalt verständlich, aber Rückgang setzt fort

Das Anlagevermögen sinkt von 18,13 Mio. € auf 17,25 Mio. €.

Das ist normal – die Anlagen sind im regulären Abschreibungsprozess (25 Jahre linear).
Keine außerplanmäßigen Abschreibungen sind ein positives Signal.

Auffällig ist jedoch:

  • Immaterielle Vermögenswerte (875.000 €) → ungewöhnlich hoch für einen Windpark
    → wahrscheinlich projektspezifische Rechte, Gutachten oder Earn-out-Anteile

Bewertung:
Die Substanz nimmt planmäßig ab, aber bleibt stabil – kein unmittelbarer Alarm.

3. Umlaufvermögen: Liquidität auffallend gut, aber Rückgang der Forderungen

Die liquiden Mittel sind mit 4,68 Mio. € weiterhin auf sehr hohem Niveau – fast 20 % der Bilanzsumme.
Das ist außergewöhnlich viel für einen Windpark und spricht für:

  • vorsichtige Liquiditätsplanung

  • Zurückhalten von Ausschüttungen

  • Vorbereitung auf Earn-out-Zahlungen oder größere Wartungskosten

Die Forderungen sinken leicht – unproblematisch.

Bewertung:
Liquidität ist der große Pluspunkt des Windparks.
Sie kompensiert das negative Eigenkapital faktisch – aber nicht bilanziell.

4. Bilanzielle Überschuldung: Das zentrale Risiko

Die Bilanz weist einen nicht durch Vermögenseinlagen gedeckten Verlustanteil der Kommanditisten aus:

–225.794,91 € (Vorjahr –312.337,23 €)

Damit ist das Eigenkapital formal = 0.

Wichtig:
Das bedeutet nicht, dass der Windpark insolvent ist – aber die Gesellschaft ist bilanziell überschuldet.

Die Geschäftsführung beruft sich auf:

  • positive Fortbestehensprognose

  • ausreichende Liquidität

  • gesicherte Einnahmen aus 20-jägigen EEG-Vergütungen

  • stabile Cashflows

Bewertung:
Bilanziell problematisch, wirtschaftlich (noch) solide.
Anleger sollten diese Lage jedoch sehr ernst nehmen.

5. Earn-out-Klausel: Eine versteckte Belastung

Ein hoch relevanter Punkt:

Der Generalunternehmer erhält Earn-out-Zahlungen, wenn der Windpark besser läuft als die vertraglich definierten Referenzwerte.

  • Earn-out-Phase: 2017–2025

  • Zahlungen werden rückwirkend als Anschaffungskosten aktiviert

  • Rückstellungen müssen gleichzeitig aufgezinst werden

Risiko:
Die Earn-outs belasten:

  • die Liquidität (Auszahlung)

  • die Abschreibungen (höhere Aktivwerte)

  • die Passiva (Zinsaufwand auf Rückstellungen)

Gerade zum Ende der Earn-out-Periode (2025!) können hier Rückstellungsanpassungen anfallen.

6. Rückstellungen: Hoch und langfristig bindend

Rückstellungen betragen 2,15 Mio. € (Vorjahr 2,25 Mio. €).

Sie beinhalten:

  • Earn-out-Rückstellungen

  • Rückbauverpflichtungen

  • sonstige Unsicherheiten

Der Rückstellungsblock ist einer der größten strukturellen Belastungen des Windparks.

7. Verbindlichkeiten: Typischer Finanzierungshebel, aber langfristig hoch

Gesamtverbindlichkeiten: 20,49 Mio. €

Davon gegenüber Banken: 11,58 Mio. €

Die Sicherheiten sind umfassend:

  • Sicherungsübereignung der Anlagen

  • Abtretung der Einspeiseerlöse

  • Globalzession

Alles branchenüblich – aber das bedeutet:

➡️ Der Windpark ist nahezu vollständig „verpfändet“ – Investoren tragen wirtschaftliches Risiko, Banken die Sicherheiten.

8. Passive latente Steuern: auffälliger Anstieg

Anstieg von 113.000 € auf 244.000 €.

Das zeigt:

  • Temporäre steuerliche Mehrbelastungen

  • insbesondere durch unterschiedliche Abschreibungsmethoden

  • Earn-out-Bewertung

  • Ergänzungsbilanzen

Bewertung:
Nicht dramatisch, aber ein deutlicher Hinweis auf steuerliche Komplexität.

9. Sonstige finanzielle Verpflichtungen: hoch bis 2037

Langfristige vertragliche Bindungen summieren sich auf 579.700 € pro Jahr.

Darin enthalten:

  • Pachtverträge bis 2037

  • Wartung bis 2037

  • kaufmännische und technische Betriebsführung

Das sind Fixkosten, die nicht flexibel sind.

Bewertung:
Solange der Windpark hohe Liquidität hält, tragbar.
In schwachen Windjahren jedoch potenziell riskant.

10. Gesamtfazit für Anleger

Stärken

  • sehr hohe Liquidität (über 4,6 Mio. €)

  • stabile Cashflows

  • keine drohende Zahlungsunfähigkeit

  • perspektivisch positives Fortbestehen

  • Earn-out-Phase endet bald (2025) – Entlastung wahrscheinlich

Risiken

  • bilanzielle Überschuldung – der größte Warnpunkt

  • langfristig hohe Fixkosten

  • hohe Bankverbindlichkeiten

  • Earn-out-Klauseln können Liquidität abrupt belasten

  • Substanzwert nimmt ab (normal, aber spürbar)

  • keine Ausschüttungsfähigkeit gegeben, solange Verlustanteil negativ bleibt

Gesamturteil

Der Windpark Gilmerdingen ist operativ gesund, aber bilanziell fragil. Die hohe Liquidität sichert den Betrieb, aber strukturelle Risiken – vor allem Earn-out-Verpflichtungen und die Überschuldung – sollten Anleger aufmerksam beobachten.

Die gute Nachricht: Die bilanzielle Lage kann sich nach Ende der Earn-out-Phase verbessern.
Die schlechte: Bis dahin bleibt der Windpark ein Finanzierungs- und Bilanzierungs-Spagat.

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