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„Wir wohnen hier hinterm Mond“ – Delmenhorster Ortsteil kämpft verzweifelt um Netzanschluss

karlherl (CC0), Pixabay

In Zeiten von Streaming, Homeoffice und digitaler Verwaltung klingt es wie ein schlechter Scherz: Im Delmenhorster Ortsteil Schohasbergen herrscht fast Funkstille. Kein stabiles Internet, kaum Mobilfunkempfang – und manchmal gar keiner. Was für viele unvorstellbar ist, ist für die Anwohner längst bittere Realität.

„Wir wohnen hier hinterm Mond“, sagt Volker Wilsmann kopfschüttelnd. Der Hochschulmitarbeiter ist auf schnelles Internet angewiesen – doch mit einer Downloadrate von 6,4 Mbit und 0,0 im Upload ist an digitale Arbeit kaum zu denken.

🚨 Kein Empfang – auch im Notfall

Wie gravierend die Situation ist, zeigte ein Notfall auf der Straße:
Als ein Rettungswagen gerufen wurde, konnte der Notruf zwar noch abgesetzt werden. Doch als das Einsatzteam zur genauen Adresse zurückrufen wollte, brach die Verbindung ab.

„Zum Glück ist alles gut ausgegangen“, erzählt Anwohner Frank Welzel, „aber das war pures Glück. Wenn bei uns jemand dringend Hilfe braucht, darf das Netz nicht versagen.“

📡 Bundesnetzagentur: „Schohasbergen wird nur peripher abgedeckt“

Dabei hatte die Bundesnetzagentur noch vor einem Jahr stolz verkündet, dass Delmenhorst zu den Regionen mit dem flächendeckendsten Mobilfunknetz Deutschlands gehöre. Für die Bewohner von Schohasbergen klingt das wie Hohn.

Inzwischen rudert die Behörde zurück:

„Der Ortsteil wird derzeit lediglich peripher von den umliegenden Mobilfunkstandorten ausgeleuchtet, da die Hauptausstrahlungswinkel der Anlagen auf die umliegenden Siedlungskerne oder Verkehrswege ausgerichtet sind“, so ein Sprecher.

Heißt übersetzt: Keiner der Sendemasten zeigt auf Schohasbergen.

Und wer ist schuld? Laut Bundesnetzagentur seien die Anbieter selbst verantwortlich – doch die sehen offenbar keinen Handlungsbedarf.

💻 Internet aus den 50ern

Auch das Festnetz ist keine Lösung: Die Telefonleitungen stammen noch aus den 1950er-Jahren, Internet über Kupferkabel ist damit praktisch nutzlos.

„Mit diesen Leitungen kann man höchstens noch eine Postkarte schicken, aber keine E-Mail“, witzelt ein Anwohner verbittert.

Alternativen? Fehlanzeige.
Satelliteninternet über Anbieter wie Starlink kommt für viele nicht infrage – zu teuer, zu aufwendig, zu unzuverlässig.

👥 Bürger wehren sich – und gründen Initiative

Aus Frust ist nun eine Interessengemeinschaft entstanden. Volker Wilsmann und seine Nachbarn kämpfen gemeinsam für eine Lösung – und fordern von der Stadt einen geförderten Glasfaser-Ausbau.

„Private Anbieter winken ab, weil sich das für sie nicht lohnt. Aber wir sind hier keine Menschen zweiter Klasse. Auch wir haben ein Recht auf Anschluss“, sagt Wilsmann.

Mitstreiter Frank Welzel ergänzt:

„Wir haben mehrfach an die Verwaltung geschrieben – keine Reaktion. Nicht einmal eine Eingangsbestätigung. Das ist wirklich enttäuschend.“

🏛️ Stadtverwaltung: „Ausschreibung kommt – irgendwann“

Auf Anfrage wollte die Stadt Delmenhorst mit dem NDR nicht persönlich sprechen. Schriftlich teilte man mit, dass Fördergelder von Bund und Land bereits eingeworben seien – aber die Umsetzung hakt.

In der Stellungnahme heißt es:

„Diese Fördermittel gilt es nunmehr im Wettbewerb einer öffentlichen Ausschreibung zu vergeben. Diese zweistufige Vergabe verzögert sich aktuell aufgrund der begrenzten Leistungsfähigkeit der Verwaltung in Konkurrenz zu anderen kommunalen Pflichtaufgaben.“

Übersetzt: Es fehlt Personal, Zeit und Priorität. Immerhin – so die Stadt – solle die Ausschreibung noch in diesem Jahr erfolgen.

🕳️ Leben im Funkloch

Für die Bewohner klingt das wie eine endlose Hängepartie. Während in anderen Regionen Glasfasernetze wachsen und 5G-Masten schießen, sitzen sie weiterhin im digitalen Dunkel.

„Wenn die Bundesregierung über Digitalisierung redet, müssen wir lachen“, sagt Wilsmann. „Hier gibt’s nicht mal Empfang für den Wetterbericht.“

⚡ Fazit: Fortschritt bleibt stecken

Der Fall Schohasbergen zeigt exemplarisch, wie groß die digitale Kluft zwischen Stadtzentren und ländlichen Ortsteilen weiterhin ist. Zwischen bürokratischer Trägheit, wirtschaftlichem Desinteresse und politischer Prioritätenlosigkeit droht eine ganze Region vom digitalen Fortschritt abgehängt zu werden.

Während die Regierung den Glasfaserausbau zur „Chefsache“ erklärt, wartet Schohasbergen weiter – auf Empfang, auf Antworten und auf Anschluss.

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