Madagaskar erlebt derzeit eine dramatische politische Zuspitzung. Präsident Andry Rajoelina soll nach einer Meuterei innerhalb der Streitkräfte das Land verlassen haben. Das bestätigte der Oppositionspolitiker Siteny Randrianasoloniaiko am Montag gegenüber lokalen Medien. „Rajoelina ist geflohen, nachdem eine Eliteeinheit des Militärs gegen ihn aufgestanden ist“, erklärte Randrianasoloniaiko und sprach von einem „Zusammenbruch der staatlichen Autorität“.
Die Regierung des Inselstaates äußerte sich bislang nicht offiziell zu den Vorgängen. Eine geplante Fernsehansprache des Präsidenten, die für Montagabend vorgesehen war, wurde kurzfristig abgesagt. Beobachter werteten dies als weiteres Indiz dafür, dass der Präsident sich tatsächlich außer Landes befindet.
Meuterei und Machtvakuum
Die Unruhen sollen von einer Spezialeinheit der Armee ausgegangen sein, die sich gegen die Regierung gestellt und strategisch wichtige Punkte in der Hauptstadt Antananarivo besetzt haben soll – darunter das Verteidigungsministerium und Teile des Präsidentenpalastes. Augenzeugen berichten von schwer bewaffneten Soldaten in den Straßen und vereinzelten Schusswechseln, während Zivilisten versuchten, sich in Sicherheit zu bringen.
Lokale Medien sprechen von einem „fragilen Machtvakuum“, da unklar ist, wer aktuell die Kontrolle über die staatlichen Institutionen ausübt. Der Generalstab des Militärs veröffentlichte am Montag eine Erklärung, in der er zur „Einheit und Ruhe“ aufrief, sich aber nicht eindeutig auf die Seite des Präsidenten stellte.
Wochenlange Proteste als Auslöser
Die politische Eskalation ist das Ergebnis wochenlanger Proteste gegen die Regierung. Seit Ende September gehen Tausende Menschen auf die Straßen, um gegen Stromausfälle, Wassermangel und steigende Lebenshaltungskosten zu demonstrieren. In weiten Teilen des Landes kommt es regelmäßig zu mehrstündigen Stromausfällen, während Trinkwasser knapp und teuer geworden ist.
Viele Bürger machen Rajoelinas Regierung für das Missmanagement staatlicher Ressourcen und Korruption verantwortlich. Insbesondere im Energiesektor sollen laut Oppositionskreisen Millionenbeträge verschwunden sein, während die Infrastruktur verfällt.
Historische Parallelen und internationale Reaktionen
Rajoelina selbst war 2009 durch einen Militärputsch an die Macht gekommen, nachdem er den damaligen Präsidenten Marc Ravalomanana gestürzt hatte. Dass nun erneut das Militär gegen ihn vorgeht, sehen viele Madagassen als „Ironie der Geschichte“.
Internationale Organisationen beobachten die Lage mit Sorge. Die Afrikanische Union (AU) rief zur Zurückhaltung und zum Dialog auf. Auch die Vereinten Nationen äußerten sich besorgt über die Entwicklung und betonten die Notwendigkeit, die verfassungsmäßige Ordnung zu wahren. Frankreich, die ehemalige Kolonialmacht, zeigte sich „zutiefst beunruhigt“ und forderte seine Staatsbürger in Madagaskar zu „äußerster Vorsicht“ auf.
Ungewisse Zukunft
Wo sich Rajoelina derzeit befindet, bleibt unklar. Einige Medienberichte deuten darauf hin, dass er zunächst nach Mauritius geflohen sein könnte, andere Quellen sprechen von einer möglichen Flucht nach Südafrika, wo er politische Verbündete haben soll.
Währenddessen kündigte die Opposition an, eine Übergangsregierung bilden zu wollen. Oppositionsführer Randrianasoloniaiko erklärte: „Wir werden nicht zulassen, dass das Land im Chaos versinkt. Madagaskar braucht jetzt Stabilität, nicht Machtkämpfe.“
Die Lage bleibt weiter hochgradig instabil. Sollte Rajoelina tatsächlich zurückkehren wollen, droht dem Land eine neue Welle der Gewalt. Internationale Vermittlungsversuche laufen bereits hinter den Kulissen – doch ob sie Erfolg haben, ist fraglich.
Madagaskar, eines der ärmsten Länder der Welt, steht erneut am Rande einer politischen Zerreißprobe, die das Vertrauen der Bevölkerung in ihre Institutionen weiter erschüttern dürfte.