Trotz alarmierender Zahlen über zunehmendes Übergewicht und Adipositas bei Kindern hat die Bundesregierung bislang keine wirksamen Gegenmaßnahmen eingeleitet. Fachgesellschaften, Ärzteverbände und Verbraucherschützer kritisieren die fehlende Strategie im Kampf gegen ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel und die aggressive Vermarktung zuckerhaltiger Produkte an Minderjährige.
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist inzwischen jedes sechste Kind in Deutschland übergewichtig – Tendenz steigend. Besonders besorgniserregend sei die Entwicklung in sozial schwächeren Haushalten, wo ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel häufiger vorkämen. Schon Grundschulkinder litten zunehmend unter gesundheitlichen Folgen wie Bluthochdruck, Fettleber oder Typ-2-Diabetes, warnen Experten.
Fehlende Prävention und politische Zurückhaltung
Gesundheitsexperten kritisieren, dass die Bundesregierung bislang keine nationale Präventionsstrategie umgesetzt hat. Zwar liegen Konzepte für eine Zuckersteuer, ein Verbot von Junkfood-Werbung an Kinder oder verbindliche Ernährungsstandards in Kitas und Schulen seit Jahren auf dem Tisch – umgesetzt wurde bislang kaum etwas.
„Während andere Länder wie Großbritannien oder Spanien längst handeln, bleibt Deutschland im Abwarten stecken“, sagte die Kinderärztin und Ernährungsexpertin Dr. Anja Kiefer. Studien zeigten deutlich, dass Werbebeschränkungen und höhere Steuern auf stark gezuckerte Produkte die Zahl übergewichtiger Kinder deutlich senken könnten.
Ministerium sieht „Handlungsbedarf“ – aber keine konkreten Pläne
Das Bundesgesundheitsministerium erkennt laut eigenen Angaben zwar Handlungsbedarf, verweist aber auf laufende Gespräche mit der Lebensmittelindustrie. Freiwillige Selbstverpflichtungen hätten sich jedoch in der Vergangenheit als weitgehend wirkungslos erwiesen. Eine verbindliche Regelung, etwa zur Zuckerreduktion in Softdrinks und Fertigprodukten, ist weiterhin nicht in Sicht.
Folgen für Gesundheitssystem und Gesellschaft
Laut einer aktuellen Studie des Robert Koch-Instituts (RKI) hat sich die Zahl der übergewichtigen Kinder in Deutschland in den letzten 20 Jahren um mehr als 50 Prozent erhöht. Die gesundheitlichen Folgen verursachen langfristig erhebliche Kosten für das Gesundheitssystem. Experten warnen, dass sich chronische Krankheiten bereits im Jugendalter manifestieren könnten.
Forderung nach politischem Umdenken
Verbraucherschützer und Ärzte fordern daher ein entschiedenes Vorgehen – etwa durch eine gesetzlich geregelte Zuckersteuer, klare Werbebeschränkungen für ungesunde Lebensmittel und eine Verankerung gesunder Ernährung im Bildungsbereich.
„Wenn wir jetzt nicht handeln, verlieren wir eine ganze Generation an vermeidbaren Krankheiten“, warnte die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE).
Bislang bleibt die Bundesregierung jedoch passiv – und überlässt das Problem weitgehend der Eigenverantwortung von Familien und der freiwilligen Einsicht der Industrie.