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Wasserkrise in Kabul: Eine Hauptstadt kurz vor dem Austrocknen

mohammadhu1 (CC0), Pixabay

Kabul – Zum ersten Mal in der modernen Geschichte steht eine Hauptstadt kurz davor, buchstäblich auf dem Trockenen zu sitzen. Die afghanische Metropole Kabul, Heimat von mehreren Millionen Menschen, kämpft mit einer dramatischen Wasserkrise. Laut der Hilfsorganisation Mercy Corps droht der Stadt innerhalb weniger Jahre das vollständige Versiegen ihrer Wasservorräte – mit weitreichenden Folgen für Gesundheit, Wirtschaft und Gesellschaft.

Schon heute ist der Alltag vieler Menschen vom Wassermangel geprägt. Die 42-jährige Mutter Raheela, die wie viele in Afghanistan nur einen Namen verwendet, steht täglich mit Kanistern bereit, sobald die Wasserlaster in ihr Viertel fahren. Jede Füllung ist teuer – und überlebensnotwendig. „Wir haben überhaupt keinen Zugang zu Trinkwasser“, sagt sie. „Jeder Tag ist ein Kampf.“

Bevölkerung wächst, Grundwasser schrumpft

Noch vor 30 Jahren zählte Kabul unter zwei Millionen Einwohner. Seit dem Sturz der Taliban 2001 zog es jedoch viele Menschen in die Stadt – auf der Suche nach Sicherheit und wirtschaftlicher Perspektive. Heute lebt ein Vielfaches dieser Zahl in der afghanischen Hauptstadt. Der Wasserbedarf ist entsprechend explodiert.

Kabul ist fast vollständig auf Grundwasser angewiesen, das normalerweise durch Schneeschmelze aus dem nahegelegenen Hindukusch gespeist wird. Doch die Folgen des Klimawandels – weniger Schnee, mehr Regen, dafür aber unkontrollierte Sturzfluten – und jahrelange Übernutzung haben die Reserven stark geschwächt. Mercy Corps zufolge liegt der Grundwasserspiegel in manchen Gegenden heute 30 Meter tiefer als noch vor zehn Jahren. Jährlich werden rund 44 Millionen Kubikmeter mehr Wasser entnommen als sich auf natürlichem Weg erneuern können.

Die Armen trifft es besonders hart

Viele Familien versuchen, durch eigene Brunnen unabhängig zu werden – mit enormem Aufwand. Ahmad Yasin etwa hat mit seinem Bruder sechs Monate lang gespart, um einen 120 Meter tiefen Brunnen zu graben. Kosten: rund 40.000 Afghanis (550 US-Dollar). Das Wasser reicht zum Waschen und Putzen, ist aber zum Trinken ungeeignet. Ein Wasserfilter? „Unbezahlbar“, sagt Yasin. Stattdessen wird das Wasser abgekocht – so gut es eben geht.

Das ist gefährlich. Mercy Corps geht davon aus, dass rund 80 % des Grundwassers in Kabul mit Fäkalien und Industrieabfällen verunreinigt sind. Durchfallerkrankungen und Vergiftungen seien „an der Tagesordnung“, berichten Bewohner.

Hinzu kommen soziale Belastungen: Kinder verbringen täglich Stunden damit, Wasser zu holen – oft auf Kosten des Schulbesuchs. Frauen müssen kilometerweit laufen, teilweise unter Gefahr. Denn unter der aktuellen Taliban-Herrschaft dürfen sie sich nur in Begleitung eines männlichen Verwandten draußen bewegen. „Es ist nicht sicher für eine Frau, alleine Wasser zu holen“, sagt eine 22-jährige Kabulerin, die anonym bleiben will.

Eine Katastrophe mit Ansage

Der afghanische Wasserexperte Najibullah Sadid sieht in der Kombination aus Klimakrise, Bevölkerungswachstum und staatlichem Versagen eine gefährliche Mischung. „Der Schnee war unser Puffer. Der fehlt jetzt“, sagt er. Wenn sich nichts ändere, könne Kabul laut UNICEF bis 2030 komplett austrocknen.

Dabei ist die Lage auch politisch verkompliziert: Seit der Machtübernahme der Taliban 2021 ist internationale Entwicklungs- und Sicherheitsunterstützung nahezu vollständig eingebrochen. Zwar fließt weiter begrenzt humanitäre Hilfe über NGOs – doch reicht diese bei Weitem nicht aus. Laut Mercy Corps wurden Anfang 2025 nur 8 Millionen der benötigten 264 Millionen US-Dollar für Wasser- und Sanitärversorgung bereitgestellt. Und die Entscheidung der USA, Entwicklungshilfe komplett einzufrieren, hat die Lage weiter verschärft.

„Was wir sehen, ist ein toxischer Cocktail aus kollabierenden lokalen Strukturen, eingefrorener Finanzierung und wachsender Not – mit Millionen Menschen im Zentrum dieser Krise“, so Mercy-Corps-Vertreterin Marianna von Zahn.

Die Hoffnung schwindet

Viele Bewohner Kabuls wissen nicht, wie es weitergehen soll. Raheela erinnert sich: „Als wir hierherzogen, war das Wasser aus der Moschee zugänglich, die Miete günstig, das Leben erträglich.“ Heute ist davon kaum etwas geblieben. „Wenn es so weitergeht, bleibt uns nichts anderes, als erneut zu fliehen. Aber wohin – das weiß ich nicht.“

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