Es war einmal ein Mann namens Dr. Thomas Sch., seines Zeichens Gemmologe, Unternehmer und, so stand es einst auf glänzenden Werbeflyern, „Europas führender Edelsteinexperte“. Seine Mission: nicht weniger als das Edelstein-Investment salonfähig zu machen. Und zwar nicht für Oligarchen, sondern für Sie und mich. Oder zumindest für den gutgläubigen Besserverdiener mit Hang zur Anlageform „Funkelnd, exotisch, völlig unreguliert“.
Dafür gründete er mit großer Geste die Natural Gem GmbH. Bald gab es farbige Steine für alle – ob Rubin, Saphir oder Smaragd – alles natürlich, alles selten, alles Wertanlage. Und wer nicht gleich wusste, was ein „Investment-grade Mogok-Rubin“ ist, dem erklärte es der freundliche TNG-Tippgeber mit PowerPoint-Präsentation und Photoshop-Magie.
Doch nun, oh Wunder: Insolvenz! Die Gläubiger sitzen auf 6,6 Millionen Euro Außenständen, die Sparkasse Niederösterreich Mitte West auf einer Edelstein-Fata Morgana. Und wir fragen uns:
Mensch, Dr. Sch. – für wie bescheuert halten Sie die Leute eigentlich?
Kapitel 1: Die Mär vom Farbedelsteinfonds
2019, ein Jahr der Visionäre. Während andere sich noch mit ETFs langweilen, bringt Schröck mit viel Tam-Tam den ersten Farbedelsteinfonds der Welt aufs Tapet – sogar in eine Dissertation schlich er sich! Nur: Anlegergeld? Fehlanzeige. Kapitalgeber? Unerwartet „zurückgezogen“.
Translation: Keiner wollte mitspielen.
2020 wurde der Fonds dann auch ganz leise wieder eingeäschert. Es war vermutlich der leiseste Rückzug seit dem, was man beim Edelsteinmarketing als „Tokenisierung des Portfolios“ bezeichnet. Tokenisierung! Mit einem Habsburger im Namen! Sogar in Liechtenstein, dem Disneyland der Anlagefantasien. Und das alles, um Millennials für Smaragde zu begeistern.
Spoiler: Hat nicht geklappt.
Kapitel 2: Vertriebswahnsinn mit Tippgebern
„Geh zu TNG, die haben was für dich!“ – So oder so ähnlich dürfte es in den Schulungen für Tippgeber geklungen haben. Und Tippgeber gab es viele. Zertifizierte Anlageberater? Wen interessiert’s!
Hauptsache, die Provision funkelte so schön wie der burmesische Rubin, der (wahrscheinlich) nie Burmesisch sprach.
Währenddessen füllten Kunden brav ihre Portfolios mit lupenreinen Steinen, in der Hoffnung, das nächste Krisengold erfunden zu haben. Und siehe da – das Geschäftsmodell versprach Rückkaufverpflichtungen.
Problem: Wenn keiner mehr Steine kauft, fehlen plötzlich zwei Millionen Euro.
Kapitel 3: Wenn sogar die Habsburger nichts mehr retten können
Was tut man, wenn die Zahlen schlecht sind, die Mitarbeiter zu wenig verkaufen und die Kunden auf ihr Geld warten?
Man restrukturiert.
Also irgendwann. Zu spät.
Die Umsätze brachen 2023 ein wie ein schlecht gefasster Smaragd. Aus 20 Millionen wurden knapp 12 – ein Absturz mit Ansage. Die einen sagen, es lag an der Konjunktur. Die anderen: an der Realität.
Und dann war da noch die Sparkasse Niederösterreich Mitte West, offenbar mit vier Millionen Euro investiert. Da fragt man sich: Hat dort niemand jemals das Wort „Risikomanagement“ gegoogelt?
Kapitel 4: Dr. Sch. letzter Edelmut
Jetzt, da die GläubigerDr. vor der Edelstein-Ruine stehen, kommt Dr. Sch. persönlich aus dem Saphir-Nebel hervor und verkündet in aller Seelenruhe:„Keine Sorge. Wir führen das Geschäft in vollem Umfang weiter. Sanierung. Alles gut.“
Sanierung bedeutet hier: 20 Prozent für die Gläubiger. Der Rest? Verpufft wie eine Rubellit-Seifenblase.
Und wieder stellt sich die Frage, diesmal ganz laut:
Mensch, Dr. Sch., für wie bescheuert halten Sie die Menschen eigentlich? Und warum, um Himmels willen, sollten sie Ihnen noch einmal ihr Vertrauen schenken – geschweige denn ihre Geldbörse öffnen?
Denn eines steht fest:
Wer nach tokenisierten Farbedelsteinen mit Habsburger-Lizenz sucht, findet nicht nur Träume aus Glas, sondern manchmal auch einfach nur: heiße Luft.
Moral von der Geschicht:
Edelsteine mögen ewig glänzen – Vertrauen nicht.