Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes hat eine neue bundesweite Aufklärungskampagne gestartet, um auf die wachsende Gefahr von Zwangsverheiratungen während der Sommermonate aufmerksam zu machen. Im Fokus stehen insbesondere Mädchen und junge Frauen, die in den Schulferien in die Heimatländer ihrer Familien gebracht und dort gegen ihren Willen verheiratet werden – oft unter massiver psychischer oder physischer Gewalt.
Ferienzeit als Risikozeit – Wenn Reisen zur Bedrohung werden
Jahr für Jahr nutzen Familien mit traditionell-patriarchalischer Prägung die Sommerferien, um Töchter „heimlich“ ins Ausland zu verbringen. Was für viele zunächst wie ein harmloser Familienbesuch aussieht, entpuppt sich für die Betroffenen oftmals als Beginn eines lebenslangen Leidenswegs: Statt Urlaubsfotos und Erinnerungen kehren einige Mädchen mit einer Ehe und einem Ehemann zurück, den sie sich nicht ausgesucht haben.
„Gerade in den Sommermonaten steigt die Gefahr deutlich“, warnt Terre des Femmes in ihrer aktuellen Mitteilung. „Die Zeiträume sind perfekt für Zwangsehen: Schulen sind geschlossen, Jugendämter und Ansprechstellen arbeiten eingeschränkt – eine kritische Phase für gefährdete Jugendliche.“
Aufklärung an Schulen und emotionale Videobotschaft
Die Organisation startet ihre Kampagne mit einem eindringlichen Kurzfilm, der die Geschichte eines betroffenen Mädchens erzählt und zeigt, wie subtil die Manipulation innerhalb der Familie beginnen kann – und wie abrupt sie in einem Akt der Gewalt münden kann. Ergänzt wird der Clip durch interaktive Workshops an weiterführenden Schulen in ganz Deutschland.
„Uns ist wichtig, dass Lehrkräfte, Mitschüler und Schulsozialarbeiter lernen, Warnzeichen zu erkennen“, betont eine Sprecherin von Terre des Femmes. Auch Betroffene selbst sollen mit den Workshops ermutigt werden, frühzeitig Hilfe zu suchen.
496 registrierte Fälle allein in Berlin – Dunkelziffer wohl deutlich höher
Offizielle, bundesweite Statistiken zu Zwangsheiraten existieren bislang nicht. Dennoch verdeutlichen regionale Erhebungen das Ausmaß des Problems. So wurden im Jahr 2022 allein in Berlin 496 Fälle erfasst, bei denen entweder eine Zwangsheirat drohte oder bereits vollzogen wurde. Terre des Femmes und andere Organisationen gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegt – viele Fälle bleiben im Verborgenen.
Oftmals spielen familiärer Druck, kulturelle Tabus und Angst vor Isolation eine Rolle, wenn Mädchen sich nicht an Behörden oder Beratungsstellen wenden. „Wer schweigt, leidet im Stillen – und wird häufig allein gelassen“, warnt Terre des Femmes.
Forderungen an Politik und Gesellschaft
Die Organisation fordert neben gezielter Prävention auch eine stärkere staatliche Unterstützung für Betroffene. Dazu gehören unter anderem:
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besser ausgestattete Schutzunterkünfte für akut bedrohte Mädchen,
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verpflichtende Schulungen für Fachpersonal im Bildungs- und Gesundheitswesen,
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sowie klare gesetzliche Regelungen, um auch Auslandsverheiratungen strafrechtlich wirksam zu verfolgen.
Zudem appelliert Terre des Femmes an Schulen, Jugendämter und Nachbarschaften, in der Ferienzeit besonders wachsam zu sein. Frühzeitige Hinweise – etwa wenn ein Mädchen plötzlich eine Reise in das Heimatland der Eltern ankündigt – könnten entscheidend sein, um einen Eingriff zu ermöglichen.
Hilfe für Betroffene
Betroffene oder Angehörige, die einen Verdacht haben, können sich anonym und kostenlos an folgende Stellen wenden:
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Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: 08000 116 016 (rund um die Uhr)
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Terre des Femmes – Fachberatungsstellen in ganz Deutschland
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Nummer gegen Kummer: 116 111 (für Kinder und Jugendliche)
Mit ihrer Kampagne hofft Terre des Femmes, nicht nur aufzuklären, sondern auch konkrete Hilfe anzubieten – bevor es zu spät ist. Denn hinter jeder verhinderten Zwangsheirat steckt die Chance auf ein freies, selbstbestimmtes Leben.