Am Dienstag wird Friedrich Merz aller Voraussicht nach zum zehnten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Eine Wahl mit Symbolkraft – und Sprengkraft. Denn Merz ist kein Kanzler, der von Anfang an unangefochten regieren wird. Weder in seiner Partei, noch in der Bevölkerung genießt er ein breites Vertrauenskapital. Zu groß ist der Schatten seiner Kurswechsel. Zu deutlich die Kritik, auch aus den eigenen Reihen.
Und doch: Merz verdient eine faire Chance.
Denn ob man ihn nun sympathisch findet oder nicht – der wirtschaftliche Sachverstand, den er mitbringt, ist in der aktuellen Lage dringend nötig. Die deutsche Wirtschaft schwächelt, die Standortfrage brennt. Genau hier liegt seine Stärke. Ein Kanzler, der rechnen kann, der marktwirtschaftlich denkt und investitionsfreudig ist – das ist kein Makel, sondern vielleicht genau das, was dieses Land jetzt braucht.
Aber: Wirtschaftskompetenz ersetzt kein politisches Fingerspitzengefühl. Friedrich Merz wird nur erfolgreich sein, wenn er nicht in alten Lagerkämpfen stecken bleibt. Wenn er sich öffnet, zuhört – und endlich auch auf die Menschen zugeht, denen in den letzten Jahren viel abverlangt wurde. Deutschland braucht keine Regierung der Bevormundung, aber auch keine der Basta-Parolen. Es braucht Politik mit Augenmaß.
Was jetzt nicht hilft: reflexhafte Häme aus der Opposition. Der politische Stil, den wir leider allzu oft erleben – Spitzen abfeuern, bevor überhaupt gearbeitet wird – ist Gift für den Zusammenhalt. Man muss Merz nicht mögen, aber ihn von Tag eins an scheitern sehen zu wollen, ist demokratisch armselig.
Zum Glück steht ihm mit Lars Klingbeil ein Vizekanzler zur Seite, der als pragmatisch und lösungsorientiert gilt. Wenn CDU und SPD diese Koalition als Arbeitsbündnis begreifen – und nicht als parteipolitisches Schachbrett –, kann daraus etwas Gutes entstehen. Eine Regierung der Vernunft, nicht der Ideologie.
Fazit: Friedrich Merz bekommt jetzt die Bühne – aber nicht den Applaus auf Vorschuss. Er wird hart arbeiten müssen, um das Vertrauen zurückzugewinnen, das er selbst verspielt hat. Er steht vor einer enormen Aufgabe – und unter dem Blick von 83 Millionen Menschen. Unterstützen wir ihn da, wo er das Land voranbringt. Kritisieren wir ihn da, wo er Fehler macht. So funktioniert Demokratie. Kritisch. Konstruktiv. Fair.