Von allen Arten himmlischer Prüfungen, denen sich Bischöfin Mariann Edgar Budde stellen muss – der Donald ist zweifellos die apokalyptischste. Da stellt sich eine resolute Frau in der National Cathedral hin, zitiert Jesus und bittet den frischgebackenen Präsidenten Trump um Erbarmen. Für Migranten, queere Kinder und all die Menschen, die nicht zufällig in einem Trump Tower geboren wurden. Und was passiert? Die halbe Nation tobt – die andere schweigt so laut, dass es in den Kirchbänken hallt.
Die „New York Times“ feierte ihre Predigt als „Akt öffentlichen Widerstands“, konservative Kommentatoren sahen darin eher einen ketzerischen Angriff auf das nationale Sendungsbewusstsein. Trump selbst nannte sie eine „radikale, linke Trump-Hasserin“ – was ungefähr dem Niveau eines beleidigten Teenagers entspricht, dem man den Selfie-Stick weggenommen hat.
Dabei wollte Budde nie als Trumps Erzengel durchgehen. In ihrem Buch „Mutig sein“ beteuert sie, dass sie sich ihre Berühmtheit auf Instagram oder Fox News nicht ausgesucht habe. Ihr gehe es lediglich um Würde, Gerechtigkeit – und darum, dass der Präsident nicht mit Bibel in der Hand und Pfefferspray im Hintergrund für ein PR-Foto posiert.
Die Bischöfin, Jahrgang 1959, sieht sich inzwischen nicht nur mit politischen Attacken, sondern auch mit einem besonders perfiden Vorwurf konfrontiert: der Feminisierung der Kirche. Ein Begriff, den offenbar eine denkbar männlich überbesetzte Theologie-Redaktion aus der konservativen Restverwertungsstelle für Werte erfunden hat.
Wem das noch nicht reicht: Laut theologischer Beobachter wird die Bibel mittlerweile im Weißen Haus ähnlich verwendet wie Deko-Kissen bei IKEA – hübsch anzuschauen, aber ohne praktische Relevanz. Wenn Trump und sein Vize JD Vance also öffentlich von „Tugend“ sprechen, muss man sich fragen, ob sie das Wort vorher oder nachher bei ChatGPT eingegeben haben.
Die protestantische Kirche in den USA – eine Institution, die laut Eigenwerbung für alle da sein will – steht währenddessen mit einer Bibel in der einen und einem Pressesprecher in der anderen Hand am Spielfeldrand. Besonders die katholische Kirche wirkt, als sei sie noch immer im Funkloch des Zweiten Vatikanischen Konzils gefangen: Die eine Hälfte ruft nach Freiheit, die andere nach Rückschritt. Und irgendwo dazwischen brüllt jemand „Gender! Abtreibung! Islam!“ – wie ein Bingo-Spiel mit Fundamentalisten.
Aber zurück zur Budde. Sie predigt Befreiungstheologie, also den sympathischen Versuch, Jesus als Verbündeten der Unterdrückten zu präsentieren – und nicht als Maskottchen reaktionärer Gesetzesentwürfe. Sie will alle einbeziehen – inklusive derer, die jahrhundertelang im Namen Gottes ausgeschlossen wurden: Frauen, People of Color, LGBTQ+, Behinderte. Was für ein Skandal.
Die deutsche Theologin Sarah Vecera bringt es auf den Punkt: Kirche sei immer politisch – auch wenn sie schweigt. Oder, in Trump’scher Logik: „Wenn du nichts sagst, dann stimmt’s wahrscheinlich.“
Zum Glück gibt es Menschen wie Budde, die das Schweigen brechen – mit Bibel, Haltung und gelegentlichem medialem Donnerwetter. Vielleicht braucht die Kirche in Zeiten wie diesen keine Wunder. Vielleicht reichen schon ein paar mutige Frauen, die den moralischen Kompass in der Hand halten, während andere ihn längst verkauft haben – für ein Selfie mit einer Bibel.