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Die Stimme klingt wie das eigene Kind – dann beginnt der Albtraum am Telefon

Surprising_Media (CC0), Pixabay

Das Festnetztelefon klingelt. Auf dem Display steht lediglich: „unbekannt“.

Die 60-jährige Frau aus Hamburg nimmt den Anruf entgegen.

Dann hört sie eine weinende Stimme.

„Mama, ich hatte einen Unfall, Autounfall.“

Für die Mutter gibt es in diesem Augenblick kaum Zweifel: Am anderen Ende spricht ihre Tochter.

Die Stimme klingt für sie täuschend echt.

Innerhalb weniger Sekunden befindet sich die Frau damit genau in jener emotionalen Ausnahmesituation, auf die Täter bei sogenannten Schockanrufen setzen.

Angst ersetzt Nachdenken.

Und genau dann beginnt die eigentliche Masche.

Ein fremder Mann übernimmt plötzlich das Gespräch

Nach der vermeintlichen Tochter meldet sich ein Mann.

Für die Angerufene ist zunächst überhaupt nicht klar, mit wem sie spricht. Ist es ein Arzt? Ein Polizist?

Der Mann erklärt ruhig, ihre Tochter habe einen Autounfall gehabt.

Die Situation wirkt auf die Frau so real, dass sie später von einem Erlebnis „wie im Horrorfilm“ berichtet.

Dann stellt der Anrufer eine persönliche Frage.

Er möchte das Geburtsdatum der Tochter wissen.

Die völlig aufgewühlte Mutter antwortet spontan – nennt allerdings versehentlich ihr eigenes Geburtsdatum.

Kurz darauf wird das Gespräch beendet.

Warum die Täter auflegten, bleibt nach dem vorliegenden Bericht offen.

Für die Frau könnte dieser Moment jedoch entscheidend gewesen sein.

Denn bei einem typischen Schockanruf beginnt anschließend häufig erst die entscheidende Phase.

Nach dem Schock kommt die Forderung nach Geld

Die Geschichten unterscheiden sich, das Prinzip ist häufig ähnlich.

Den Betroffenen wird beispielsweise erzählt, Sohn oder Tochter hätten einen schweren oder sogar tödlichen Verkehrsunfall verursacht.

Der Angehörige befinde sich deshalb in Untersuchungshaft.

Dann präsentieren die Anrufer vermeintlich die Lösung:

Eine hohe Geldsumme müsse als „Kaution“ hinterlegt werden, damit das Familienmitglied wieder freikomme.

Die Täter setzen ihre Opfer dabei massiv unter emotionalen Druck.

Angst um das eigene Kind, Schuldgefühle und Zeitdruck werden miteinander kombiniert.

Das Opfer soll möglichst keine Gelegenheit bekommen, über die Geschichte nachzudenken oder jemanden anzurufen.

Ein Rückruf lässt die Geschichte zusammenbrechen

Im Hamburger Fall passiert genau das, was Betrüger verhindern wollen.

Nach dem Anruf informiert die aufgelöste Frau ihren Mann.

Dieser nimmt unabhängig Kontakt mit der gemeinsamen Tochter auf.

Kurz darauf meldet sie sich.

Sie sitzt an ihrem Arbeitsplatz.

Es gab keinen Unfall.

Sie wurde nicht festgenommen.

Und sie hatte ihre Mutter nicht angerufen.

Innerhalb weniger Augenblicke wird aus der vermeintlichen familiären Katastrophe ein Betrugsversuch.

Doch eine Frage bleibt:

Wie konnte die Stimme so echt klingen?

War Künstliche Intelligenz im Spiel?

Der Verdacht liegt nahe.

Mit moderner Technik lassen sich Stimmen inzwischen synthetisch erzeugen beziehungsweise imitieren.

Doch gerade beim Hamburger Fall ist Vorsicht mit dieser Erklärung geboten.

Es ist nicht nachgewiesen, dass die Täter tatsächlich eine KI-generierte Stimme verwendet haben.

Das Landeskriminalamt Hamburg weist vielmehr darauf hin, dass Schockanrufe auch ohne künstlich erzeugte Stimmen ausgesprochen überzeugend wirken können.

Eine Person weint, schreit, schluchzt und spricht möglicherweise nur wenige Worte.

Gleichzeitig wird dem Opfer suggeriert, dass gerade ein naher Angehöriger einen schweren Unfall hatte.

Unter diesem enormen emotionalen Druck kann der Eindruck entstehen, die vertraute Stimme eindeutig erkannt zu haben.

Im konkreten Fall lässt sich deshalb lediglich feststellen:

Für die Mutter klang die Stimme wie die ihrer Tochter.

Wie sie tatsächlich erzeugt wurde, ist nicht geklärt.

KI könnte die bekannte Masche noch gefährlicher machen

Das macht die technische Entwicklung allerdings nicht weniger relevant.

Wenn Stimmen künstlich imitiert werden können, eröffnet dies Betrügern grundsätzlich zusätzliche Möglichkeiten.

Die seit Jahren bekannte Masche des Schockanrufs könnte dadurch noch glaubwürdiger erscheinen.

Für Verbraucher ergibt sich daraus eine wichtige Konsequenz:

Eine vertraut klingende Stimme ist kein sicherer Identitätsnachweis mehr.

Selbst die feste Überzeugung „Das ist mein Sohn“ oder „Das ist meine Tochter“ sollte bei einem unerwarteten Notruf nicht ausreichen, um Geld zu überweisen oder Wertgegenstände herauszugeben.

Die wichtigste Waffe der Täter ist Panik

Bei aller Diskussion über Künstliche Intelligenz darf eines nicht übersehen werden:

Der wichtigste Bestandteil eines Schockanrufs ist weiterhin die psychologische Manipulation.

Die Täter konfrontieren ihre Opfer mit Situationen, die maximale Angst erzeugen sollen:

ein schwerer Unfall,

ein verletztes Familienmitglied,

ein angeblich getöteter Mensch,

Polizei oder Staatsanwaltschaft,

Untersuchungshaft,

eine dringend benötigte Kaution.

Das gemeinsame Ziel dieser Geschichten ist immer ähnlich:

Das Opfer soll sofort handeln und möglichst nicht nachdenken.

Genau deshalb ist Zeit das beste Gegenmittel.

Auflegen – und selbst zurückrufen

Wer einen solchen Anruf erhält, sollte das Gespräch beenden und den angeblich betroffenen Angehörigen unter einer selbst bekannten Nummer kontaktieren.

Nicht über eine Nummer, die der Anrufer nennt.

Nicht über einen weitergeleiteten Gesprächspartner.

Sondern über einen vollständig unabhängigen Kommunikationsweg.

Ist die betreffende Person nicht erreichbar, können andere Angehörige oder Vertrauenspersonen kontaktiert werden.

Bei angeblichen Polizeisachverhalten kann die Polizei ebenfalls unabhängig kontaktiert werden.

Der Hamburger Fall zeigt, wie wirksam dieses einfache Vorgehen sein kann:

Ein einziger unabhängiger Kontakt genügte, um die gesamte Geschichte auffliegen zu lassen.

Keine persönlichen Daten am Telefon herausgeben

Der Fall enthält noch eine zweite Warnung.

Noch bevor überhaupt Geld verlangt wurde, fragte der Anrufer nach einem Geburtsdatum.

Persönliche Daten sollten unbekannten Anrufern nicht genannt werden.

Das gilt insbesondere für Geburtsdaten, Anschriften, Kontodaten, Vermögensverhältnisse und andere Informationen, die für weitere Betrugsversuche genutzt werden könnten.

Auch wenn sich jemand als Polizei, Staatsanwaltschaft, Bankmitarbeiter oder Arzt ausgibt, sollte die Identität des Gesprächspartners bei einem unerwarteten Anruf unabhängig überprüft werden.

Einige Wochen später klingelt das Telefon erneut

Besonders auffällig:

Nach dem ersten Betrugsversuch erhielt die 60-Jährige einige Wochen später erneut einen betrügerischen Anruf.

Ob dahinter dieselben Täter steckten, geht aus den vorliegenden Informationen nicht hervor.

Der Fall zeigt aber, dass Betroffene nach einem solchen Kontakt besonders aufmerksam bleiben sollten.

Ein bereits erfolgter Betrugsversuch bedeutet nicht zwangsläufig, dass kein weiterer folgen wird.

Ein geheimes Familienwort kann zusätzlich helfen

Familien können sich auf solche Situationen vorbereiten.

Eine Möglichkeit ist ein vereinbartes Kennwort, das ausschließlich enge Familienmitglieder kennen.

Taucht plötzlich ein angeblicher Angehöriger mit einer dramatischen Geschichte auf, kann danach gefragt werden.

Ein solches Kennwort ersetzt jedoch nicht die wichtigste Sicherheitsmaßnahme:

Auflegen und unabhängig zurückrufen.

Denn selbst wenn eine Stimme vollkommen echt klingt, lässt sich erst über einen zweiten Kommunikationsweg feststellen, wer tatsächlich angerufen hat.

Vorsicht, wenn plötzlich Bargeld, Gold oder Schmuck verlangt werden

Besonders alarmierend wird es, sobald die angebliche Notlage mit einer Geldforderung verbunden wird.

Bei Schockanrufen können Täter hohe Bargeldbeträge oder andere Wertgegenstände verlangen.

Mitunter soll ein angeblicher Mitarbeiter, Kurier oder sonstiger Beauftragter die Sachen persönlich abholen.

Wer eine solche Aufforderung erhält, sollte weder Geld noch Schmuck oder andere Wertgegenstände übergeben.

Stattdessen sollte der Vorgang unabhängig überprüft und die Polizei verständigt werden.

Die gefährlichste Frage lautet: „Höre ich mein Kind?“

Viele Menschen glauben, die Stimme eines engen Angehörigen jederzeit erkennen zu können.

Im normalen Alltag ist das nachvollziehbar.

Doch ein Schockanruf schafft keine normale Situation.

Das Opfer hört Weinen und Schreien. Gleichzeitig wird ihm erzählt, dass gerade etwas Schreckliches passiert sei.

Dadurch entsteht eine Erwartung:

Das muss mein Kind sein.

Genau deshalb sollte die entscheidende Frage nicht mehr lauten:

„Klingt diese Stimme wie meine Tochter oder mein Sohn?“

Sondern:

„Kann ich unabhängig bestätigen, dass ich tatsächlich mit dieser Person spreche?“

Dieser kleine Unterschied kann entscheidend sein.

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