Der Reitsberger Hof in Vaterstetten östlich von München erlebt derzeit die Schattenseite seiner großen Beliebtheit. Der Erlebnisbauernhof zieht ohnehin zahlreiche Familien und Tierfreunde an. Durch Beiträge von Influencern auf Instagram hat sich der Besucherandrang jedoch teilweise so stark erhöht, dass die Betreiber nach eigener Darstellung an die Grenzen dessen kommen, was der Hof organisatorisch bewältigen kann. Besonders an Wochenenden und bei schönem Wetter seien die Auswirkungen deutlich zu spüren.
Dabei ist die Aufmerksamkeit grundsätzlich durchaus erwünscht. Der Hof ist bewusst als offener Erlebnisbauernhof angelegt und lebt davon, dass Menschen kommen, Tiere beobachten, über das Gelände gehen und die gastronomischen Angebote nutzen. Das Problem ist vielmehr, dass Social Media sehr kurzfristig eine große Zahl zusätzlicher Besucher mobilisieren kann.
Überfüllte Parkplätze, Müll und stark beanspruchte Infrastruktur
Betreiberin Anna Link beschreibt sehr konkrete Folgen. Sobald ein reichweitenstarker Beitrag über den Hof veröffentlicht werde, lasse sich das teilweise unmittelbar an der Auslastung der Parkplätze erkennen. Diese seien dann komplett voll. Besucher stellten ihre Fahrzeuge zusätzlich an der Straße oder sogar unter den Apfelbäumen ab.
Auch andere Teile der Infrastruktur geraten dadurch unter Druck. Die Toiletten werden erheblich stärker genutzt, und die Betreiber müssen sich mit mehr zurückgelassenem Müll auseinandersetzen. Besonders problematisch ist, dass sich solche Besucherwellen offenbar nur schwer vorhersehen lassen: Bei schönem Wetter und ungewöhnlich großem Andrang vermutet die Familie teilweise erst im Nachhinein, dass wieder ein Beitrag über den Hof veröffentlicht worden ist.
Damit unterscheidet sich das Problem von einem normalen saisonalen Besucheranstieg. Ein Ausflugsbetrieb kann sich auf Ferien, Feiertage oder ein vorhergesagtes sonniges Wochenende grundsätzlich einstellen. Ein plötzlich viral gehender Instagram-Beitrag kann dagegen zusätzliche Nachfrage erzeugen, ohne dass die Betreiber vorher davon wissen.
Ein traditionsreicher Hof mit begrenzten Kapazitäten
Der Reitsberger Hof ist kein neu geschaffenes Instagram-Ausflugsziel. Seine Geschichte reicht laut BR24 mehr als 200 Jahre zurück, und der Hof befindet sich seit dieser Zeit in Familienbesitz. Er liegt am Ortsrand von Vaterstetten im Landkreis Ebersberg.
Zum Betrieb gehören zahlreiche Tiere, darunter Kühe, Schweine, Schafe, Hühner, Gänse, Pferde und Ponys. Außerdem gibt es eine Reitschule, eine Bäckerei, eine Kelterei und eine Wirtschaft. Damit verbindet der Hof Landwirtschaft, Gastronomie und Freizeitangebote.
Gerade diese Mischung dürfte erklären, weshalb das Ziel für Familien attraktiv ist. Gleichzeitig lassen sich die Kapazitäten eines bestehenden landwirtschaftlichen Betriebs nicht beliebig an einen kurzfristig stark steigenden Besucherstrom anpassen. Auch die Gastronomie hat, wie BR24 hervorhebt, natürliche Kapazitätsgrenzen.
Betreiber wollen Influencer nicht aussperren
Bemerkenswert ist deshalb die Reaktion der Familie. Sie fordert kein generelles Verbot von Influencer-Beiträgen und möchte offenbar auch nicht verhindern, dass Besucher Fotos oder Videos veröffentlichen.
Stattdessen bittet sie Content Creator darum, vorher Kontakt mit dem Hof aufzunehmen.
Anna Link berichtet, dass zuletzt dreimal hintereinander Influencer über den Reitsberger Hof berichtet hätten, ohne zuvor mit der Familie gesprochen zu haben. Genau hier möchte sie ansetzen: Wenn Influencer ankündigen würden, dass sie einen Beitrag planen, könnten sich beide Seiten besser abstimmen.
Das Anliegen ist damit weniger „Bitte berichtet nicht über uns“ als vielmehr: „Bitte sagt uns vorher Bescheid.“
Was eine vorherige Absprache verändern könnte
Eine solche Information wäre für den Hof praktisch relevant. Wenn die Betreiber wissen, dass ein reichweitenstarker Account einen Beitrag veröffentlicht, könnten sie mit einer höheren Besucherzahl rechnen und entsprechend reagieren.
BR24 nennt beispielsweise zwei Möglichkeiten: Die Familie könnte zusätzliches Personal einplanen oder einen weiteren Stand aufstellen. Dadurch ließen sich mehr Gäste versorgen und Besucherströme besser bewältigen.
Dahinter steckt ein grundlegendes Missverhältnis: Für einen Influencer kann die Veröffentlichung eines Videos oder Posts nur wenige Minuten dauern. Die dadurch ausgelöste Reichweite kann für einen realen Betrieb jedoch erhebliche logistische Konsequenzen haben – von Parkplätzen über Personal bis zu Toiletten und Abfallentsorgung.
Appell wird selbst zum viralen Beitrag
Interessanterweise erhielt auch der Appell der Familie große Aufmerksamkeit im Netz. Nach Angaben von Anna Link verbreitete sich der Beitrag stärker, als sie erwartet hatte.
Die Reaktionen seien überwiegend positiv und verständnisvoll gewesen. Auch einige Content Creator hätten direkt auf die Nachricht reagiert.
Damit zeigt der Fall zugleich, dass Social Media nicht ausschließlich Ursache des Problems sein muss. Dieselben Plattformen können auch genutzt werden, um Regeln zu erklären, Erwartungen zu formulieren und zwischen Betreibern, Besuchern und Influencern zu vermitteln.
Influencerin zeigt, wie eine Absprache funktionieren kann
BR24 stellt in diesem Zusammenhang die Content Creatorin Carina Pitzuch vor. Ihr Instagram-Account, auf dem sie Ausflugsziele für Familien mit kleinen Kindern testet, hatte zum 8. September 2026 rund 70.000 Follower.
Nach ihrer Darstellung nimmt sie vor einem geplanten Beitrag Kontakt mit den jeweiligen Ausflugszielen auf. Sie schreibt die Betreiber direkt an oder sucht auf deren Website nach einer Kontaktmöglichkeit. Anschließend stellt sie sich und ihren Account vor, erläutert, was sie vorhat, und holt vorab eine Drehgenehmigung ein.
Diese Vorgehensweise sei unter Content Creatorn allerdings nicht selbstverständlich. Genau daraus könnten Probleme entstehen: Attraktive Ausflugsziele würden nach entsprechenden Beiträgen mitunter überfüllt.
Pitzuch weist außerdem auf ein zweites Problem hin: Über Social Media könnten nicht nur große Besucherströme ausgelöst, sondern auch falsche Informationen über Ausflugsziele verbreitet werden. Nach ihrer Aussage werde sie zunehmend darum gebeten, über ihren eigenen Account solche falschen Angaben zu korrigieren.
Ein Beispiel für „Overtourism im Kleinen“
Der Bericht lässt sich daher auch als Beispiel für eine neue Form lokaler Besucherlenkung lesen. Das klassische Problem des „Overtourism“ kennt man vor allem von historischen Innenstädten, Stränden, Bergregionen oder international bekannten Sehenswürdigkeiten. Social Media kann einen ähnlichen Effekt aber offenbar auch bei kleinen regionalen Ausflugszielen erzeugen.
Der entscheidende Unterschied liegt in der Geschwindigkeit: Ein bislang regional bekanntes Ziel kann durch einen erfolgreichen Beitrag plötzlich einem sehr großen Publikum präsentiert werden. Wenn viele Nutzer anschließend am gleichen Wochenende dorthin fahren, treffen digitale Reichweiten auf eine Infrastruktur, die für wesentlich kleinere Besucherzahlen ausgelegt ist.
Beim Reitsberger Hof wird das besonders sichtbar: Ein landwirtschaftlicher Familienbetrieb kann nicht kurzfristig zusätzliche Parkflächen, Sanitäranlagen oder gastronomische Kapazitäten schaffen, nur weil ein Video eine hohe Reichweite erzielt.
Die Familie möchte am offenen Hofkonzept festhalten
Trotz der Schwierigkeiten will die Betreiberfamilie ihr grundsätzlich offenes Konzept offenbar nicht aufgeben. Dieses Konzept geht laut Bericht auf den Vater von Anna Link zurück und besteht seit 31 Jahren.
Die Hoffnung ist vielmehr, dass Influencer und andere Content Creator künftig stärker berücksichtigen, welche Auswirkungen ihre Reichweite auf reale Orte haben kann. Durch vorherige Absprachen soll der Hof genügend Zeit bekommen, sich auf einen möglichen Besucheransturm vorzubereiten.
Der Konflikt besteht damit nicht zwischen dem Hof und Social Media an sich. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, wie digitale Aufmerksamkeit verantwortungsvoll mit den begrenzten Kapazitäten eines realen Ausflugsziels verbunden werden kann. Für den Reitsberger Hof wäre bereits eine frühzeitige Kommunikation mit reichweitenstarken Creatorn ein wichtiger Schritt.