Dark Mode Light Mode

Vorsicht vor großem Fake-Netzwerk: Betrüger erfinden Kanzleien, Firmen und sogar ganze Zeitungen

geralt (CC0), Pixabay

Kriminelle haben eine besonders aufwendige Betrugsmasche entwickelt. Sie erstellen nicht mehr nur einzelne gefälschte Firmenwebseiten, sondern bauen ein ganzes Netzwerk aus falschen Insolvenzverwaltern, Unternehmensberatern, IT-Firmen und angeblichen Nachrichtenportalen auf.

Das Ziel: Die erfundenen Unternehmen sollen möglichst seriös erscheinen. Opfer sollen entweder Geld im Voraus bezahlen oder persönliche und teilweise sensible Daten preisgeben.

Besonders perfide ist, dass die Betrüger sogar eigene Online-Zeitungen betreiben. Dort veröffentlichen sie scheinbar journalistische Artikel, in denen ihre eigenen Fake-Unternehmen positiv dargestellt werden.

Wer anschließend im Internet nach einer solchen Firma sucht, findet vermeintlich unabhängige Berichte – und könnte deshalb glauben, es mit einem seriösen Unternehmen zu tun zu haben.

Ausgangspunkt: Angebliche Insolvenzmasse besonders günstig zu verkaufen

Eine bekannte Variante der Masche funktioniert über angebliche Insolvenzverwalter.

Kriminelle verschicken E-Mails und behaupten, Waren aus einer Insolvenzmasse besonders günstig verkaufen zu können.

In einem aktuellen Fall führt die Spur zur Internetseite treuhand-fides.com.

Die Seite macht auf den ersten Blick einen professionellen Eindruck. Die angebliche Treuhandkanzlei behauptet, seit 2019 Insolvenzverfahren durchzuführen, Sanierungen zu begleiten und Vermögenswerte treuhänderisch zu verwalten.

Doch nach der Analyse von Watchlist Internet ist die Kanzlei nicht echt.

Besonders gefährlich: Die Daten im Impressum stimmen tatsächlich

Normalerweise lässt sich eine Fake-Firma manchmal schon an falschen Adressen oder nicht existierenden Handelsregisterdaten erkennen.

Hier gehen die Betrüger wesentlich raffinierter vor.

Sie haben die Daten eines wirklich existierenden Unternehmens übernommen. Dazu gehören unter anderem Anschrift, UID-Nummer und Handelsregisterdaten.

Wer diese Angaben überprüft, stellt zunächst fest: Das Unternehmen gibt es tatsächlich.

Genau darauf setzen die Täter.

Die echte Fides Gamma GmbH hat nach Angaben von Watchlist Internet mit den betrügerischen Angeboten jedoch nichts zu tun.

Die Täter betreiben damit Identitätsmissbrauch mit echten Unternehmensdaten.

Betrüger suchen gezielt Firmen ohne eigene Internetseite

Besonders interessant ist die Vorgehensweise der Täter.

Nach der Analyse suchen sie offenbar gezielt nach tatsächlich existierenden Unternehmen, die keine eigene Internetseite betreiben.

Diese Lücke nutzen die Betrüger.

Sie registrieren selbst eine Internetadresse, erstellen einen professionellen Firmenauftritt und verwenden dafür die echten Daten des Unternehmens.

Für ein mögliches Opfer ist der Betrug dadurch erheblich schwieriger zu erkennen.

Denn selbst eine Suche im Handelsregister kann zunächst den Eindruck vermitteln, alles sei in Ordnung.

Jetzt wird die Masche noch raffinierter: Die Betrüger bauen eigene „Zeitungen“

Doch damit nicht genug.

Um ihren Fake-Unternehmen noch mehr Glaubwürdigkeit zu verschaffen, haben die Täter offenbar eigene Nachrichtenportale aufgebaut.

Watchlist Internet nennt unter anderem:

koelner-zeit.de

und

zeit-frankfurt.de

Die Seiten sollen wie echte regionale Nachrichtenangebote wirken.

Dort erscheinen Beiträge zu Gastronomie, Veranstaltungen, Sport, lokalen Ereignissen und anderen Alltagsthemen.

Selbst aktuelle Ereignisse werden aufgegriffen.

Dadurch entsteht beim Besucher der Eindruck, auf der Internetseite einer normalen regionalen Zeitung gelandet zu sein.

Zwischen normalen Artikeln versteckt sich die eigentliche Werbung

In der großen Menge scheinbar normaler Nachrichten werden dann Artikel über die betrügerischen Unternehmen platziert.

Auf „Kölner Zeit“ erschien beispielsweise ein Beitrag über die angebliche Fides Gamma GmbH.

Auch „Zeit Frankfurt“ veröffentlichte einen positiven Artikel über den vermeintlichen Anbieter und erklärte angeblich, wie der Kauf von Insolvenzwaren über das Unternehmen funktioniere.

Das Prinzip ist geschickt:

Ein Interessent erhält zunächst ein Angebot der vermeintlichen Kanzlei.

Er wird misstrauisch und sucht im Internet nach dem Unternehmen.

Dabei stößt er auf einen scheinbar unabhängigen Zeitungsartikel.

Dieser berichtet positiv über die Firma.

Der Interessent könnte deshalb denken:

„Wenn sogar eine Zeitung darüber berichtet, wird die Firma wohl seriös sein.“

Doch genau diese vermeintliche Bestätigung gehört nach der Analyse zum Betrugssystem.

Fake-Firma bestätigt Fake-Firma

Damit entsteht eine Art künstlicher Vertrauenskette:

Gefälschte Kanzlei → gefälschte Zeitung → positiver Artikel über die gefälschte Kanzlei → vermeintlicher Beweis für Seriosität.

Für Betroffene wird es dadurch wesentlich schwieriger, den Betrug zu erkennen.

Denn eine einfache Google-Suche nach dem Firmennamen reicht unter Umständen nicht mehr aus.

Nicht nur Insolvenzverwalter betroffen

Das Netzwerk beschränkt sich offenbar nicht auf angebliche Kanzleien und Insolvenzverwalter.

Watchlist Internet nennt außerdem mehrere Internetseiten vermeintlicher IT-Anbieter und Unternehmensberatungen:

arl-beratung.de

ber-beratung.de

sgg-beratung.de

kors-beratung.de

hgr-gmbh.de

Auch bei diesen Angeboten werden nach der Analyse teilweise Daten tatsächlich existierender Unternehmen als Tarnung verwendet.

Die Betrugsmasche verfolgt dort allerdings ein anderes Ziel.

Gefälschte Stellenangebote sollen persönliche Daten liefern

Bei den angeblichen IT- und Beratungsunternehmen stehen offenbar Jobangebote im Mittelpunkt.

Interessenten bewerben sich auf vermeintlich echte Stellen und übermitteln dabei persönliche Daten.

Je nach Bewerbungsprozess können solche Informationen sehr sensibel sein.

Die gesammelten Daten können anschließend für weitere Betrugsversuche verwendet werden.

Damit verfolgt das Netzwerk nach Einschätzung von Watchlist Internet zwei wesentliche Ziele:

Bereich Ziel der Betrüger
Fake-Insolvenzverwaltungen und Kanzleien Opfer sollen durch Vorschusszahlungen Geld verlieren
Fake-IT- und Beratungsunternehmen Persönliche und teilweise sensible Daten sollen gesammelt werden
Fake-Zeitungen und Magazine Die betrügerischen Unternehmen sollen glaubwürdig und seriös erscheinen

Noch ein angebliches Nachrichtenportal entdeckt

Bei der Untersuchung stieß Watchlist Internet auf ein weiteres Portal:

ratgeber-treuhand-business.de

Anders als die vermeintlichen Regionalzeitungen konzentriert sich diese Seite stärker auf Wirtschafts- und Finanzthemen.

Doch auch dort tauchen laut Analyse die bereits bekannten angeblichen IT- und Beratungsunternehmen sowie Fake-Kanzleien aus dem Bereich der Insolvenzverwaltung auf.

Damit verdichtet sich der Eindruck eines umfangreichen, miteinander verbundenen Netzwerks.

Selbst gleiche Webseiten und Mitarbeiter tauchen mehrfach auf

Weitere Auffälligkeiten sprechen dafür, dass verschiedene Internetseiten miteinander zusammenhängen.

So wurden beispielsweise nahezu identische Firmenauftritte gefunden, obwohl sie angeblich zu unterschiedlichen Unternehmen gehören.

Teilweise werden dieselben Slogans und sogar dieselben angeblichen Mitarbeiter verwendet.

Auch bei den beiden Fake-Nachrichtenportalen gibt es eine auffällige Gemeinsamkeit: Beide Domains wurden laut der Untersuchung zuletzt am 21. Juli 2026 aktualisiert.

Das allein beweist zwar nicht, wer hinter den Seiten steckt. Zusammen mit den weiteren Gemeinsamkeiten spricht es nach Einschätzung der Experten jedoch dafür, dass die Angebote miteinander verbunden sein könnten.

Ein Handelsregistereintrag allein reicht zur Prüfung nicht mehr

Die Betrugsmasche zeigt ein grundsätzliches Problem.

Bislang galt häufig der Rat: Firmenname, Adresse, Impressum und Handelsregistereintrag überprüfen.

Das bleibt wichtig – reicht bei dieser Form des Identitätsmissbrauchs aber nicht mehr allein aus.

Denn die Betrüger verwenden gerade deshalb echte Firmendaten, damit eine solche Prüfung zunächst erfolgreich erscheint.

Verbraucher und Unternehmen sollten deshalb zusätzlich kontrollieren:

Gehört die Internetadresse tatsächlich zum eingetragenen Unternehmen?

Ist die angegebene Telefonnummer unabhängig überprüfbar?

Existiert die Firma tatsächlich unter dieser Internetadresse?

Sind angebliche Presseberichte wirklich von einem bekannten oder nachprüfbaren Medium?

Wie alt ist die Domain?

Werden ungewöhnlich günstige Waren aus einer Insolvenz angeboten und dafür Vorauszahlungen verlangt?

Werden bei Stellenangeboten ungewöhnlich früh sensible persönliche Daten verlangt?

Besonders vorsichtig bei angeblichen Verkäufen aus Insolvenzmasse

Angebote aus Insolvenzverfahren können besonders glaubwürdig wirken.

Ein ungewöhnlich niedriger Preis lässt sich scheinbar leicht erklären: Die Waren müssten schließlich schnell aus einer Insolvenzmasse verkauft werden.

Genau diese Erklärung kann jedoch als Köder dienen.

Wer eine E-Mail von einem angeblichen Insolvenzverwalter erhält, sollte deshalb nicht allein den Angaben in der E-Mail, der verlinkten Internetseite oder vermeintlichen Zeitungsartikeln vertrauen.

Die Identität des Insolvenzverwalters und das betreffende Insolvenzverfahren sollten unabhängig überprüft werden.

Aufwendiges Betrugssystem statt einfacher Fake-Webseite

Die aktuelle Analyse zeigt, wie professionell Online-Betrug inzwischen organisiert sein kann.

Es geht nicht mehr nur um eine schlecht gemachte Fake-Webseite mit falschem Impressum.

Hier wird eine komplette digitale Wirklichkeit aufgebaut:

echte Unternehmensdaten, gefälschte Firmenwebseiten, angebliche Insolvenzverwalter, erfundene Beratungsunternehmen, Stellenangebote und sogar eigene Nachrichtenportale mit vermeintlich journalistischen Artikeln.

Die verschiedenen Seiten bestätigen sich gegenseitig und sollen dadurch Vertrauen schaffen.

Gerade deshalb ist besondere Vorsicht geboten.

Wer eine Firma im Internet überprüft, sollte sich nicht mehr darauf verlassen, dass mehrere positive Suchergebnisse automatisch bedeuten, dass ein Anbieter seriös ist. Im schlimmsten Fall stammen Firma, Empfehlung und angeblich unabhängiger Zeitungsbericht aus demselben Betrugsnetzwerk.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Previous Post

Warnungen der IOSCO

Next Post

Projekt RMN GmbH & Co. KG: Sicherungsmaßnahmen im Insolvenzverfahren aufgehoben – Münchner Wohnprojekt Ruffinistraße 35 betroffen