Für Deutschlands Autofahrer wird der Besuch an der Tankstelle wieder empfindlich teuer. Der bundesweite Durchschnittspreis für Super E10 ist auf 2,215 Euro je Liter gestiegen und hat damit einen neuen Höchststand erreicht. Nach Angaben des ADAC wurde damit sogar der bisherige Rekord aus dem März 2022 übertroffen. Damals hatte der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine gerade begonnen und die internationalen Energie- und Rohstoffmärkte massiv unter Druck gesetzt. Der damalige Spitzenwert liegt rund 1,2 Cent je Liter unter dem nun erreichten Preis.
Auf den ersten Blick erscheinen 1,2 Cent Unterschied gering. Die eigentliche Bedeutung des Rekords liegt jedoch darin, dass sich Benzin erneut auf einem außergewöhnlich hohen Preisniveau bewegt. Bei einem Literpreis von 2,215 Euro kostet eine Tankfüllung von 50 Litern bereits 110,75 Euro. Wer 60 Liter tankt, zahlt 132,90 Euro, bei 70 Litern werden sogar 155,05 Euro fällig. Gerade für Berufspendler und Haushalte, die täglich auf das Auto angewiesen sind, können solche Preise die monatlichen Mobilitätskosten erheblich erhöhen.
Der neue Rekord fällt zudem in eine geopolitisch äußerst angespannte Phase. Wenige Tage zuvor ist der Krieg zwischen den USA und dem Iran erneut aufgeflammt. Die damit verbundene Unsicherheit wirkt sich auf die internationalen Energiemärkte aus. Für die Ölpreise spielt die Entwicklung im Nahen und Mittleren Osten eine besonders große Rolle, da die Region für die weltweite Erdölförderung und wichtige Transportwege von zentraler Bedeutung ist.
Der zeitliche Zusammenhang bedeutet allerdings nicht, dass der Krieg allein für den deutschen Benzinrekord verantwortlich ist. Kraftstoffpreise entstehen aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Neben dem Rohölpreis spielen unter anderem der Wechselkurs zwischen Euro und US-Dollar, Raffineriekosten und -margen, Transportkosten, Steuern und Abgaben sowie die Preisgestaltung der Mineralölunternehmen und Tankstellen eine Rolle. Deshalb können sich Veränderungen beim Rohölpreis zwar auf die Zapfsäulen auswirken, aber nicht zwangsläufig sofort und auch nicht im gleichen Umfang.
Für Autofahrer ist dennoch besonders auffällig, dass ausgerechnet E10, die normalerweise günstigere der verbreiteten Benzinsorten, inzwischen deutlich mehr als zwei Euro kostet. Wer regelmäßig größere Mengen tanken muss, bekommt den Preisanstieg unmittelbar zu spüren. Bei monatlich beispielsweise 100 Litern E10 werden beim aktuellen Durchschnittspreis bereits 221,50 Euro fällig. Ein Pendler mit entsprechend höherem Verbrauch kann schnell auf mehrere Hundert Euro Kraftstoffkosten im Monat kommen.
Der Vergleich mit 2022 besitzt dabei auch eine starke symbolische Wirkung. Die damalige Energiepreiskrise hatte sich tief in das Bewusstsein vieler Verbraucher eingebrannt. Kurz nach Beginn des Ukraine-Krieges schossen die Preise an deutschen Tankstellen nach oben. Dass dieser damalige E10-Höchststand nun nominell übertroffen wurde, zeigt, wie angespannt die Situation erneut geworden ist. Allerdings muss der Rekord richtig eingeordnet werden: Berücksichtigt man die allgemeine Inflation und damit die unterschiedliche Kaufkraft des Geldes, bedeutet ein nomineller Höchststand nicht automatisch, dass Benzin für Verbraucher noch nie eine größere finanzielle Belastung dargestellt hat.
Trotzdem könnte die Entwicklung auch politisch für neuen Druck sorgen. Kraftstoffpreise sind in Deutschland traditionell ein besonders sensibles Thema, weil sie Millionen Menschen unmittelbar betreffen. Steigen die Preise über längere Zeit deutlich über zwei Euro, dürfte erneut darüber diskutiert werden, ob und wie Autofahrer entlastet werden können. Gleichzeitig sind staatliche Eingriffe wie Steuersenkungen oder Tankrabatte umstritten, weil sie erhebliche Kosten verursachen und nicht automatisch garantieren, dass die Entlastung dauerhaft vollständig bei den Verbrauchern ankommt.
Hinzu kommt, dass hohe Kraftstoffpreise nicht ausschließlich Autofahrer treffen. Speditionen, Lieferdienste, Handwerksbetriebe, Pflegedienste und zahlreiche andere Unternehmen sind auf Fahrzeuge angewiesen. Steigende Treibstoffkosten erhöhen ihre Betriebsausgaben. Werden diese zusätzlichen Kosten zumindest teilweise an Kunden weitergegeben, kann der Preisanstieg mittelbar auch bei Waren und Dienstleistungen ankommen. Aus einem Rekord an der Tankstelle kann damit ein wirtschaftliches Problem werden, das weit über den privaten Pkw hinausreicht.
Wie lange das aktuelle Preisniveau bestehen bleibt, lässt sich derzeit nicht zuverlässig vorhersagen. Gerade bei einer militärischen Eskalation können die internationalen Rohölmärkte innerhalb kurzer Zeit stark reagieren. Entspannt sich die Lage, könnten die Preise wieder zurückgehen. Verschärft sich der Konflikt dagegen oder entstehen zusätzliche Probleme bei der Ölversorgung und beim Transport, wäre weiterer Preisdruck möglich.
Fest steht zunächst: Der E10-Rekord aus dem Krisenjahr 2022 ist gefallen. Mit durchschnittlich 2,215 Euro je Liter erreicht der Kraftstoff einen neuen nominellen Höchststand. Für Autofahrer dürfte deshalb weniger entscheidend sein, dass der alte Rekord um lediglich 1,2 Cent übertroffen wurde. Viel wichtiger ist die Frage, ob die aktuelle Marke bereits den Höhepunkt darstellt – oder ob an Deutschlands Tankstellen in den kommenden Tagen noch höhere Preise folgen.