Die wirtschaftliche Lage in Deutschland sorgt zunehmend für Alarmstimmung. Während Stellenabbau und Sparprogramme großer Konzerne regelmäßig für Schlagzeilen sorgen, vollzieht sich abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit eine Entwicklung von enormer Tragweite. Rund 188.000 Unternehmen sind nach einer aktuellen Untersuchung allein im Jahr 2025 dauerhaft vom Markt verschwunden.
Nun wächst auch bei Deutschlands großen Industrieunternehmen die Ungeduld. Führende Konzerne und Wirtschaftsverbände fordern von der Bundesregierung, die angekündigten Wirtschaftsreformen endlich umzusetzen. Die Maßnahmen müssten schleunigst und ohne Abstriche kommen.
Zu den Unternehmen, die den politischen Druck erhöhen, gehören BMW, Mercedes Benz, Porsche und Siemens. Der gemeinsame Appell richtet sich an Bundeskanzler Friedrich Merz, Arbeitsministerin Bärbel Bas, Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und die Fraktionsführungen der Regierungsparteien.
188.000 Unternehmen innerhalb eines Jahres verschwunden
Wie angespannt die Lage ist, zeigen Berechnungen von Creditreform und dem Leibniz Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung.
Demnach verschwanden 2025 rund 188.000 Unternehmen aus dem deutschen Wirtschaftsgeschehen.
Dabei handelt es sich nicht ausschließlich um Insolvenzen. Unternehmensschließungen können zahlreiche Ursachen haben. Betriebe können freiwillig aufgegeben werden, weil sich kein Nachfolger findet, Unternehmer in den Ruhestand gehen oder ein Geschäftsmodell nicht mehr rentabel erscheint. Andere Unternehmen geraten tatsächlich in wirtschaftliche Schwierigkeiten und müssen deshalb schließen.
Die Größenordnung ist dennoch bemerkenswert.
Rechnerisch entspricht die Zahl von 188.000 Unternehmensschließungen durchschnittlich rund 515 Betrieben pro Tag oder mehr als 21 Unternehmen pro Stunde.
Baubranche verliert rund 24.000 Unternehmen
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung in der Bauwirtschaft.
Rund 24.000 Unternehmen verschwanden dort im vergangenen Jahr vom Markt. Gegenüber dem vorherigen Vergleichszeitraum entspricht dies einem Anstieg um etwa zwölf Prozent.
Die Branche leidet seit Jahren unter einer schwierigen Kombination aus hohen Baukosten, gestiegenem Zinsniveau, teuren Grundstücken und zurückhaltenden Investoren.
Wenn Bauvorhaben nicht mehr wirtschaftlich kalkulierbar sind oder Käufer aufgrund hoher Finanzierungskosten abspringen, trifft dies nicht nur große Projektentwickler. Auch Handwerksbetriebe, Zulieferer, Planungsbüros und kleinere Bauunternehmen bekommen die Folgen zu spüren.
Auch die Industrie verliert Tausende Unternehmen
In der Industrie wurden rund 11.000 Unternehmensschließungen gezählt. Das entspricht einem Anstieg um etwa zehn Prozent.
Gerade dieser Bereich bereitet den großen Konzernen erhebliche Sorgen.
Deutschland war jahrzehntelang besonders erfolgreich als Industriestandort. Maschinenbau, Automobilindustrie, Chemie, Elektrotechnik und zahlreiche mittelständische Spezialunternehmen bilden einen wesentlichen Teil der wirtschaftlichen Stärke des Landes.
Doch die Rahmenbedingungen haben sich verändert.
Hohe Energiepreise treffen energieintensive Unternehmen besonders stark. Gleichzeitig müssen sich deutsche Hersteller gegen internationale Konkurrenten behaupten, die teilweise mit niedrigeren Energie, Arbeits und Produktionskosten arbeiten.
Hinzu kommen Bürokratie, Fachkräftemangel und hohe Abgaben.
Mehr als 15.000 Gaststätten schließen
Auch die Gastronomie ist massiv betroffen.
Mehr als 15.000 Gaststätten verschwanden 2025. Das entspricht einem Anstieg von rund 15 Prozent.
Restaurants und Gaststätten kämpfen gleichzeitig mit höheren Lebensmittelpreisen, gestiegenen Personalkosten, Energieausgaben und einer teilweise zurückhaltenden Kundschaft.
Gerade kleinere Betriebe können steigende Kosten häufig nicht vollständig über höhere Preise weitergeben. Werden Restaurantbesuche für die Kunden zu teuer, sinkt wiederum die Nachfrage.
Damit entsteht ein schwieriger Kreislauf.
Besonders auffällige Entwicklung bei Arztpraxen
Überraschend deutlich fällt auch die Entwicklung bei Arztpraxen aus.
Rund 5500 Praxen wurden geschlossen. Gegenüber dem vorherigen Vergleichszeitraum bedeutet dies einen Anstieg um etwa 23 Prozent.
Allerdings gilt auch hier, dass eine Schließung nicht automatisch eine wirtschaftliche Pleite bedeutet. Gerade bei Arztpraxen können Ruhestand, fehlende Nachfolger oder Zusammenschlüsse eine wichtige Rolle spielen.
Für die medizinische Versorgung kann die Entwicklung trotzdem problematisch werden, insbesondere wenn in ohnehin unterversorgten Regionen keine Nachfolger gefunden werden.
Industrie kritisiert Sozialabgaben von mehr als 42 Prozent
Ein zentraler Kritikpunkt der Unternehmen sind die hohen Sozialabgaben.
Die Belastung durch die Sozialversicherungen liegt mittlerweile bei mehr als 42 Prozent des beitragspflichtigen Arbeitsentgelts, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmeranteile zusammengerechnet werden.
Für Unternehmen bedeutet das, dass ein Arbeitnehmer erheblich mehr kostet als der Betrag, der als Bruttogehalt auf seiner Abrechnung erscheint.
Gleichzeitig kommt beim Beschäftigten deutlich weniger als Nettogehalt an.
Die Unterzeichner des Schreibens bezeichnen die Entwicklung als inakzeptabel. Besonders kritisiert wird, dass Belastungen auch durch höhere Beitragsbemessungsgrenzen steigen können.
Die Beitragsbemessungsgrenze legt fest, bis zu welchem Einkommen Beiträge zu bestimmten Sozialversicherungen erhoben werden. Wird diese Grenze angehoben, können Beschäftigte mit höheren Einkommen und ihre Arbeitgeber stärker belastet werden, selbst wenn der eigentliche Beitragssatz unverändert bleibt.
Unternehmen warnen vor sinkender Investitionsbereitschaft
Für die Wirtschaft geht es dabei nicht allein um die aktuellen Kosten.
Entscheidend ist die Frage, ob Unternehmen künftig noch bereit sind, in Deutschland größere Summen zu investieren.
Ein international tätiger Konzern kann grundsätzlich entscheiden, ob ein neues Werk in Deutschland, Osteuropa, Asien oder Nordamerika entsteht. Sind Energie, Steuern, Sozialabgaben und bürokratische Anforderungen an einem Standort dauerhaft erheblich höher, kann dies Investitionsentscheidungen beeinflussen.
Genau davor warnen die Unternehmen.
Nur wenn die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen verbessert würden, könnten Unternehmen weiterhin investieren und damit Arbeitsplätze sichern beziehungsweise neue schaffen.
Die Großen können ausweichen, die Kleinen häufig nicht
Dabei gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen Großkonzernen und kleinen mittelständischen Unternehmen.
Ein internationaler Konzern kann Produktionskapazitäten verlagern, Investitionen in anderen Ländern tätigen oder einzelne Geschäftsbereiche verkaufen.
Der örtliche Handwerksbetrieb, das Restaurant, ein kleiner Bauunternehmer oder ein Einzelhändler hat diese Möglichkeiten in der Regel nicht.
Wenn Kosten und Einnahmen dauerhaft nicht mehr zusammenpassen, bleibt am Ende häufig nur die Geschäftsaufgabe.
Deshalb sind die 188.000 Unternehmensschließungen mindestens ebenso bedeutsam wie die öffentlichkeitswirksamen Sparprogramme großer Konzerne.
Hinter jedem geschlossenen Unternehmen können Arbeitsplätze, Ausbildungsplätze, Steuereinnahmen und regionale Wirtschaftsstrukturen stehen.
Bundesregierung steht zunehmend unter Zugzwang
Die Forderung der Unternehmen ist deshalb eindeutig.
Die im Koalitionsvertrag angekündigten Reformen sollen nicht irgendwann, sondern möglichst schnell umgesetzt werden.
Dabei geht es um niedrigere Belastungen, wettbewerbsfähige Energiepreise, weniger Bürokratie und bessere Investitionsbedingungen.
Für die Bundesregierung wird die Situation zunehmend zum wirtschaftspolitischen Prüfstein.
Einzelne Unternehmensschließungen gehören zu einer funktionierenden Marktwirtschaft. Unternehmen entstehen, Geschäftsmodelle verändern sich und andere Betriebe verschwinden wieder.
Problematisch wird es jedoch, wenn sich Schließungen über zahlreiche Branchen hinweg häufen und gleichzeitig Investitionen zurückgehen.
Genau deshalb ist die Zahl von rund 188.000 verschwundenen Unternehmen ein Warnsignal. Sie bedeutet nicht, dass 188.000 Firmen insolvent geworden sind. Sie zeigt aber, dass immer mehr Unternehmer offenbar keinen ausreichenden Grund mehr sehen oder keine wirtschaftliche Möglichkeit mehr haben, ihren Betrieb fortzuführen.
Wenn gleichzeitig einige der größten deutschen Industriekonzerne öffentlich schnellere Reformen verlangen, lässt sich die Entwicklung kaum noch als Problem einzelner Branchen abtun.
Die entscheidende Frage lautet inzwischen, ob Deutschland seine Standortbedingungen schnell genug verbessern kann, bevor aus dem derzeitigen Unternehmensschwund ein dauerhaftes strukturelles Problem für Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand wird.