Wer in Rom oder Mailand spontan mit Bus oder Bahn fahren möchte, braucht dafür nicht zwingend eine Fahrkarte aus Papier oder eine spezielle Verkehrs-App. Die Bankkarte oder das Smartphone genügt: Beim Einsteigen wird die Karte an ein Lesegerät gehalten, beim Aussteigen erneut – und im Hintergrund berechnet das System automatisch, welcher Tarif für die gefahrene Strecke gilt.
Für Reisende ist das bequem. Kein Tarifstudium, kein Kleingeld, kein Fahrkartenautomat und im Idealfall auch keine Sorge, aus Versehen das falsche Ticket gekauft zu haben.
Eine Hörerin von MDR AKTUELL aus Leipzig hatte dieses System auf Reisen in Italien ausprobiert und sich anschließend gefragt, warum eine vergleichbar einfache Lösung in Deutschland noch nicht flächendeckend verfügbar ist.
Technisch wäre das durchaus möglich.
Auch die Leipziger Verkehrsbetriebe beschäftigen sich mit dem Thema. Steffen Palm, Leiter für Marketingstrategie bei den LVB, sieht jedoch gleich mehrere Hürden.
Der entscheidende Unterschied zu Städten wie Mailand oder Rom liegt in der Organisation des deutschen Nahverkehrs.
Leipzig besitzt kein vollkommen eigenständiges Tarifsystem. Die Stadt ist Teil des Mitteldeutschen Verkehrsverbundes, kurz MDV. Zum Verbund gehören neben Leipzig weitere Städte und Landkreise in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.
Ein Bezahlsystem, das nur innerhalb der Leipziger Stadtgrenzen funktioniert, würde deshalb schnell an seine Grenzen stoßen.
Viele Menschen pendeln täglich aus dem Umland nach Leipzig oder in die Gegenrichtung. Sie steigen dabei möglicherweise vom Regionalzug in eine Straßenbahn oder vom Bus in ein anderes Verkehrsmittel um.
Für ein echtes „Tap and Go“-System müsste dieser Übergang möglichst nahtlos funktionieren.
Palm bringt das Problem auf den Punkt: Es würde wenig helfen, wenn sich ein Fahrgast in einem Teil des Verkehrsverbundes mit seiner Bankkarte einchecken könnte, beim Aussteigen in einer anderen Region jedoch kein kompatibles System vorfände.
Damit müsste für eine großflächige Einführung praktisch der gesamte Verkehrsverbund mitziehen.
Das ist organisatorisch und finanziell wesentlich anspruchsvoller als eine Lösung für eine einzelne Stadt.
Hinzu kommt die erforderliche Infrastruktur.
Damit Fahrgäste ihre Bank- oder Kreditkarte beim Ein- und Aussteigen nutzen können, müssen entsprechende Lesegeräte installiert werden. Je nach System wären diese in Bussen, Straßenbahnen, Bahnhöfen oder an Haltestellen erforderlich.
Bei einem großen Verkehrsverbund kann das Tausende Geräte betreffen.
Über die Finanzierung solcher Investitionen entscheiden letztlich nicht allein Verkehrsbetriebe. Auch Kommunen, Landkreise und politische Gremien spielen eine Rolle.
Dabei stellt sich zwangsläufig die Frage, ob sich eine umfangreiche technische Umrüstung wirtschaftlich lohnt.
Denn die Mehrheit der Fahrgäste in Deutschland kauft gar kein klassisches Einzelticket mehr.
Daniel Ackers vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen verweist darauf, dass rund 80 Prozent der Fahrgäste mit einem Abonnement unterwegs seien – vor allem mit dem Deutschlandticket.
Nur etwa 20 Prozent gehörten zu den Gelegenheitskunden, die ihre Fahrscheine über Apps oder Automaten kaufen.
Genau für diese Gruppe wäre „Tap and Go“ besonders interessant.
Wer täglich mit dem Deutschlandticket zur Arbeit fährt, benötigt normalerweise keinen zusätzlichen Bezahlvorgang. Wer dagegen nur gelegentlich eine Straßenbahn, einen Bus oder eine U-Bahn nutzt, muss sich häufig zunächst mit einem regionalen Tarifsystem beschäftigen.
Für Touristen und Besucher kann das besonders kompliziert sein.
Welcher Tarifbereich gilt? Wie viele Zonen werden benötigt? Muss eine Kurzstrecke oder eine Einzelfahrt gekauft werden? Gibt es ein günstigeres Tagesticket?
Ein automatisiertes Check-in-/Check-out-System könnte viele dieser Fragen überflüssig machen.
Der Fahrgast hält beim Start seine Bankkarte an ein Terminal und tut dies beim Verlassen des Verkehrsmittels oder Verkehrsnetzes erneut. Das System erkennt die gefahrene Strecke und berechnet den entsprechenden Tarif.
Einige Systeme gehen noch einen Schritt weiter und bieten sogenanntes „Best Price“-Ticketing.
Dabei werden die Fahrten eines Tages gesammelt und automatisch so abgerechnet, dass der Kunde nicht mehr bezahlt als den günstigsten passenden Tarif.
Wer zunächst nur eine einzelne Fahrt plant, später aber mehrfach Bus und Bahn nutzt, müsste dann nicht schon morgens wissen, ob sich eine Tageskarte lohnt.
Das System übernimmt die Berechnung.
Genau dieser Komfort hat „Tap and Go“ in Städten wie London zu einem alltäglichen Bestandteil des Nahverkehrs gemacht.
Auch in Deutschland bewegt sich inzwischen etwas.
In Bonn und Düsseldorf wird das Verfahren bereits erprobt. Nach Angaben des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen beschäftigen sich außerdem Metropolen wie Berlin, München und Frankfurt mit entsprechenden Lösungen.
Damit könnte sich in den kommenden Jahren ein grundlegender Wandel beim Ticketkauf vollziehen.
Ein Grund dafür ist, dass ohnehin vielerorts alte Fahrkartenautomaten ersetzt werden müssen.
Die klassischen großen Automaten mit Bargeldannahme, Drucker, Bildschirm und zahlreichen mechanischen Komponenten sind aufwendig und teuer. Moderne Systeme können wesentlich kompakter ausfallen.
Statt Papierfahrkarten auszudrucken, könnten künftig kleinere Terminals eingesetzt werden, an denen Fahrgäste zunächst einen Tarif auswählen und anschließend ihre Karte oder ihr Smartphone an das Lesegerät halten.
Das Ticket würde dann digital im Hintergrund gespeichert.
Daniel Ackers sieht darin eine mögliche Übergangslösung.
Sind irgendwann in einem gesamten Verkehrsverbund solche Geräte installiert, könnte der nächste Schritt folgen: Die Tarifauswahl würde vollständig entfallen und das System auf ein reines Ein- und Auschecken umgestellt.
Die Modernisierung bestehender Fahrkartenautomaten könnte damit zum Türöffner für „Tap and Go“ werden.
Allerdings ist Deutschland beim Nahverkehr besonders stark durch regionale Strukturen geprägt.
Während manche internationale Metropolen über ein einheitliches städtisches Verkehrsnetz verfügen, existieren hierzulande zahlreiche Verkehrsverbünde, Tarifzonen und unterschiedliche Verkehrsunternehmen.
Das macht technische Standards schwieriger.
Ein Fahrgast möchte schließlich nicht für jede Stadt ein neues System kennenlernen.
Die ideale Lösung wäre aus Nutzersicht, überall dieselbe Bankkarte oder dasselbe Smartphone verwenden zu können – unabhängig davon, ob er gerade in Berlin, Leipzig, München oder Düsseldorf unterwegs ist.
Davon ist Deutschland noch entfernt.
In Leipzig gibt es allerdings schon heute eine digitale Lösung, die dem Prinzip nahekommt.
Über die App „Leipzig Move“ können Fahrgäste ihre Fahrt digital starten. Sie checken sich in der App ein, fahren mit Bus oder Bahn und werden nach Fahrtende wieder ausgecheckt.
Anschließend erfolgt eine automatische Abrechnung.
Dabei gibt es einen Tagesbestpreis. Wer innerhalb eines Tages mehrere Fahrten absolviert, muss damit nicht für jede Fahrt im Voraus entscheiden, welcher Tarif am günstigsten ist.
Funktional ähnelt dieses System dem Kartenmodell aus anderen europäischen Städten.
Der entscheidende Unterschied: Der Fahrgast benötigt weiterhin eine spezielle App.
Bei einem echten offenen „Tap and Go“-System reicht dagegen eine kontaktlose Bankkarte oder ein entsprechend eingerichtetes Smartphone.
Für Touristen ist das ein erheblicher Vorteil.
Sie müssen keine App installieren, kein Benutzerkonto anlegen und sich nicht mit regionalen Ticketangeboten beschäftigen. Die Bankkarte, die sie ohnehin bei sich tragen, wird zur Fahrkarte.
Gerade vor diesem Hintergrund könnte das System für deutsche Großstädte mit vielen Besuchern attraktiv werden.
Doch die Verbreitung des Deutschlandtickets verändert die wirtschaftliche Rechnung.
Seit ein großer Teil der regelmäßigen Fahrgäste ohnehin ein Monatsabo nutzt, richtet sich eine teure neue Infrastruktur im Wesentlichen an einen vergleichsweise kleineren Kreis von Gelegenheitsnutzern und Touristen.
Kommunen müssen daher abwägen: Wie viel darf mehr Komfort für diese Gruppe kosten?
Gleichzeitig könnte ein einfacheres Bezahlsystem den Zugang zum öffentlichen Nahverkehr attraktiver machen.
Menschen, die selten Bus oder Bahn fahren, könnten spontane Fahrten eher in Betracht ziehen, wenn sie sich nicht zunächst mit Tarifautomaten oder Apps beschäftigen müssen.
Auch ausländische Besucher würden profitieren.
Eine kontaktlose Bankkarte funktioniert unabhängig davon, ob jemand das lokale Tarifsystem kennt oder ein deutsches Smartphone-Konto besitzt.
Damit wird „Tap and Go“ auch zu einer Frage der Barrierearmut im weiteren Sinne: Nicht jeder findet sich in komplexen Tarifmenüs oder unterschiedlichen Apps problemlos zurecht.
Allerdings bringt die Digitalisierung neue Fragen mit sich.
Verkehrsbetriebe müssen etwa sicherstellen, dass Zahlungen zuverlässig funktionieren und Fahrkartenkontrollen auch ohne sichtbares Ticket möglich sind.
Bei modernen Systemen kann bei einer Kontrolle geprüft werden, ob die verwendete Bankkarte oder das Smartphone zuvor ordnungsgemäß eingecheckt wurde.
Auch Datenschutz und IT-Sicherheit spielen eine Rolle. Wenn ein System Fahrten automatisch abrechnet, verarbeitet es zwangsläufig Informationen über Zeitpunkte, Tarifzonen und Zahlungsvorgänge.
Die technische Umsetzung muss daher so gestaltet sein, dass Zahlungs- und Bewegungsdaten angemessen geschützt werden.
Hinzu kommt die Frage nach Menschen ohne kontaktlose Bankkarte oder Smartphone.
Ein modernes Bezahlsystem kann klassische Ticketmöglichkeiten deshalb zumindest während einer Übergangsphase kaum vollständig ersetzen.
Gerade ältere Menschen, Kinder, Menschen ohne eigenes Bankkonto oder Personen, die bewusst mit Bargeld bezahlen möchten, benötigen weiterhin Alternativen.
Der Weg zum vollständig digitalen Nahverkehr dürfte deshalb schrittweise verlaufen.
Zunächst könnten moderne Kartenterminals klassische Fahrkartenautomaten ergänzen oder ersetzen. Danach könnten immer mehr Verbünde automatisierte Tarifberechnungen einführen.
Erst wenn Infrastruktur, Technik und Tarifmodelle zusammenpassen, wäre ein flächendeckendes Ein- und Auschecken per Bankkarte realistisch.
In Bonn und Düsseldorf wird bereits erprobt, wie das funktionieren kann.
Weitere Großstädte beobachten die Entwicklung.
Für Leipzig dürfte es dagegen länger dauern.
Die besondere Struktur des Mitteldeutschen Verkehrsverbundes macht eine Insellösung innerhalb der Stadt wenig sinnvoll. Damit ein solches System seinen vollen Nutzen entfaltet, müssten zahlreiche Partner gemeinsam investieren und sich auf technische sowie tarifliche Standards einigen.
MDR AKTUELL zufolge könnte „Tap and Go“ in anderen deutschen Städten bereits in zwei oder drei Jahren zum Alltag gehören.
Damit würde sich der Ticketkauf im deutschen Nahverkehr grundlegend verändern.
Statt zuerst zu überlegen, welches Ticket benötigt wird, könnte künftig schlicht die Bankkarte an den Scanner gehalten werden.
Die komplizierte Tarifberechnung würde im Hintergrund stattfinden.
Für Fahrgäste wäre das ein kleiner Handgriff – für Verkehrsunternehmen und Verkehrsverbünde dagegen ein technisch und organisatorisch großes Projekt.
Ob Deutschland beim Nahverkehr irgendwann so selbstverständlich „tappt“ wie London, Mailand oder Rom, hängt deshalb weniger von der technischen Machbarkeit ab.
Die Technik existiert längst.
Entscheidend ist, ob Verkehrsverbünde, Kommunen und Unternehmen bereit sind, ihre unterschiedlichen Systeme miteinander zu verbinden.