Kriege, Krisen, Gewalt, wirtschaftliche Abstiegsängste und politische Konflikte sind heute rund um die Uhr nur einen Griff zum Smartphone entfernt. Was zunächst wie ein Gewinn für eine gut informierte Gesellschaft erscheint, hat eine problematische Kehrseite: Viele Menschen konsumieren negative Nachrichten weit über den Punkt hinaus, an dem die Information noch einen tatsächlichen Nutzen besitzt. Dieses Verhalten wird als „Doomscrolling“ bezeichnet.
Dabei wäre es zu einfach, die Verantwortung allein bei den Nutzern zu suchen. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Warum sind digitale Plattformen so gestaltet, dass das Aufhören häufig schwerer fällt als das Weitermachen?
Soziale Netzwerke konkurrieren um Aufmerksamkeit. Je länger Menschen auf einer Plattform bleiben, desto wertvoller können sie wirtschaftlich sein. Empfehlungsalgorithmen sollen deshalb Inhalte präsentieren, die Nutzer interessieren und zur weiteren Beschäftigung mit der Plattform bewegen. Gerade emotionale und beunruhigende Inhalte können dabei eine besondere Wirkung entfalten.
Der Mensch selbst bringt dafür eine psychologische Voraussetzung mit: Negative Informationen ziehen häufig stärker unsere Aufmerksamkeit auf sich als positive. Dieser sogenannte „Negativity Bias“ hatte ursprünglich einen nachvollziehbaren Zweck. Für unsere Vorfahren war es wichtiger, eine mögliche Gefahr nicht zu übersehen, als eine erfreuliche Information besonders lange zu betrachten.
Im digitalen Zeitalter trifft dieser Mechanismus jedoch auf einen praktisch unbegrenzten Nachrichtenstrom. Nach einer Meldung über einen Krieg folgt die nächste Analyse, danach ein dramatisches Video, anschließend eine Prognose über mögliche weitere Eskalationen. Ein natürliches Ende wie bei einer Zeitung oder einer Nachrichtensendung existiert häufig nicht mehr.
Das Geschäftsmodell Aufmerksamkeit gehört in die Debatte
Deshalb greift der gut gemeinte Rat „Leg einfach das Handy weg“ zu kurz. Natürlich tragen Nutzer Verantwortung für ihren Medienkonsum. Gleichzeitig sollte kritisch hinterfragt werden, welche Verantwortung Plattformbetreiber für die Gestaltung ihrer Angebote tragen.
Wenn Algorithmen erkennen, welche Themen einen Menschen besonders lange beschäftigen, können genau solche Inhalte verstärkt erscheinen. Das bedeutet nicht automatisch, dass Plattformen bewusst Angst verbreiten wollen. Es zeigt aber einen grundsätzlichen Interessenkonflikt: Was für das psychische Wohlbefinden eines Nutzers sinnvoll wäre – nämlich irgendwann aufzuhören –, muss nicht zwangsläufig mit dem Ziel übereinstimmen, möglichst viel Aufmerksamkeit auf einer Plattform zu halten.
Besonders junge Menschen im Fokus
Besorgniserregend sind deshalb die im MDR-Bericht genannten Zahlen zur Nutzung sozialer Medien bei Kindern und Jugendlichen. Danach zeigen mehr als ein Viertel der 10- bis 17-Jährigen eine riskante oder krankhafte Social-Media-Nutzung. Genannt werden 21,5 Prozent mit riskanter und weitere 6,6 Prozent mit pathologischer Nutzung.
Solche Zahlen sollten eine gesellschaftliche Diskussion auslösen, die über Bildschirmzeit und elterliche Verbote hinausgeht. Wenn digitale Angebote bewusst möglichst einfach, attraktiv und dauerhaft nutzbar gestaltet werden, stellt sich auch die Frage, ob Minderjährige ausreichend vor Mechanismen geschützt werden, die auf maximale Aufmerksamkeit ausgerichtet sind.
Nachrichten können selbst Teil des Problems werden
Auch klassische Medien sollten sich der Kritik nicht entziehen. Nachrichtenportale stehen ebenfalls im Wettbewerb um Klicks, Reichweite und Aufmerksamkeit. Dramatische Überschriften, Live-Ticker, Push-Mitteilungen und immer neue Aktualisierungen können das Gefühl vermitteln, ständig müsse etwas überprüft werden.
Das erzeugt ein paradoxes Verhältnis zu Nachrichten: Menschen wollen informiert sein, fühlen sich nach intensivem Nachrichtenkonsum aber möglicherweise nicht besser informiert, sondern hilfloser.
Zwanzig Meldungen über dieselbe Krise bedeuten schließlich nicht automatisch zwanzigmal mehr Erkenntnis.
Zwischen Information und Überforderung
Problematisch wird Doomscrolling spätestens dann, wenn Nachrichten nicht mehr hauptsächlich der Information dienen, sondern den Alltag beherrschen. Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten, Grübeln und Stress können mögliche Folgen eines dauerhaft belastenden Medienkonsums sein.
Dennoch sollte auch hier nicht vorschnell jeder intensive Smartphone-Gebrauch als „Sucht“ bezeichnet werden. Zwischen häufigem Scrollen, problematischem Nutzungsverhalten und einer tatsächlichen Abhängigkeit bestehen Unterschiede. Gerade bei einem gesellschaftlich so aufgeladenen Thema ist eine differenzierte Sprache wichtig.
Die unbequeme Frage lautet: Wer trägt Verantwortung?
Die Debatte über Doomscrolling darf deshalb nicht beim einzelnen Nutzer enden. Verantwortung verteilt sich auf mehrere Seiten: Nutzer müssen lernen, Grenzen zu setzen. Eltern und Schulen müssen Medienkompetenz vermitteln. Plattformbetreiber müssen sich Fragen zur Gestaltung ihrer Algorithmen gefallen lassen. Politik und Wissenschaft müssen untersuchen, wo Schutzregeln erforderlich sind. Und auch Medien sollten kritisch prüfen, ob jede Pushmeldung wirklich notwendig ist.
Denn Doomscrolling ist möglicherweise weniger eine schlechte Angewohnheit einzelner Menschen als ein Symptom einer größeren Veränderung unserer Informationsgesellschaft.
Früher bestand das Problem darin, an Informationen zu gelangen. Heute besteht es zunehmend darin, dem permanenten Strom aus Informationen wieder entkommen zu können.
Und genau deshalb sollte die Diskussion nicht nur lauten: „Warum können die Menschen ihr Smartphone nicht weglegen?“ Die wesentlich kritischere Frage ist: Warum haben wir digitale Systeme geschaffen, bei denen es so schwer geworden ist, genau das zu tun?