Im Hamburger Hafen herrscht am Dienstag eine für Europas große Logistikdrehscheibe ungewöhnliche Ruhe. Wo normalerweise rund um die Uhr Container verladen, Lastwagen abgefertigt und Schiffe be- und entladen werden, stehen große Teile des Betriebs still. Viele Containerbrücken bleiben hochgeklappt. Hintergrund ist ein 24-stündiger Warnstreik, zu dem die Gewerkschaft ver.di im laufenden Tarifkonflikt aufgerufen hat.
Der Arbeitskampf begann nach Angaben des NDR bereits in der Nacht zum Dienstag. Betroffen sind in Hamburg die vier großen Containerterminals. Doch der Konflikt beschränkt sich nicht auf die Hansestadt. Auch Beschäftigte in Bremerhaven, Bremen, Wilhelmshaven, Emden und Brake wurden zum Warnstreik aufgerufen.
Damit trifft der Arbeitskampf mehrere zentrale Knotenpunkte des deutschen Außenhandels gleichzeitig. Über die Seehäfen werden Waren aus aller Welt importiert und deutsche Exportgüter verschifft. Wenn Terminals für einen Tag weitgehend zum Stillstand kommen, betrifft das deshalb nicht nur Reedereien und Hafenbetriebe. Verzögerungen können sich entlang der gesamten Logistikkette bemerkbar machen.
Schon am Montagabend war in Hamburg zu erkennen, dass der angekündigte Streik Auswirkungen auf den Schiffsverkehr haben würde. Nach Angaben des NDR liefen kaum noch Frachtschiffe in den Hafen ein. Reedereien wollten offenbar vermeiden, dass ihre Schiffe während des 24-stündigen Arbeitskampfes im Hafen festsitzen.
Lediglich zwei große Containerschiffe liefen am Abend noch ein: die „Cosco Denmark“ und die „Houston Express“. Die Terminals der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) sowie von Eurogate lagen am Dienstagmorgen weitgehend still.
Der Arbeitskampf wird damit auch auf der Elbe sichtbar. Ein Hafen funktioniert nach eng aufeinander abgestimmten Zeitplänen. Verspätet sich ein Schiff, können sich Be- und Entladung, Weitertransport und die nächsten Hafenanläufe verschieben. Ein eintägiger Streik bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, dass nach seinem Ende sofort wieder Normalbetrieb herrscht.
Wie groß die wirtschaftlichen Auswirkungen des Warnstreiks am Ende ausfallen, lässt sich zunächst allerdings nicht beziffern. Entscheidend dürfte unter anderem sein, wie schnell die Terminals nach Ende des Arbeitskampfes Rückstände aufarbeiten können.
Im Mittelpunkt steht ein Tarifkonflikt zwischen ver.di und dem Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS). Die Positionen liegen weiterhin auseinander.
Ver.di fordert für die rund 11.000 Beschäftigten der deutschen Seehäfen 8,2 Prozent mehr Lohn bei einer Laufzeit des Tarifvertrags von zwölf Monaten.
Die Arbeitgeber haben ein niedrigeres Lohnplus bei einer deutlich längeren Vertragsdauer angeboten. Nach den veröffentlichten Angaben sieht das Angebot des ZDS eine Erhöhung der Löhne um 5,1 Prozent bei einer Laufzeit von 19 Monaten vor. Hinzukommen sollen 300 Euro mehr Urlaubsgeld sowie 460 Euro für Beschäftigte der großen Containerbetriebe.
Ver.di hat dieses Angebot zurückgewiesen. Ein wesentlicher Streitpunkt ist dabei offenbar nicht allein die Höhe der Lohnsteigerung. Auch die Laufzeit spielt eine zentrale Rolle. Nach Angaben der Gewerkschaft sind 19 Monate für viele Beschäftigte zu lang.
Das ist für die weitere Auseinandersetzung von Bedeutung. Eine längere Laufzeit gibt Arbeitgebern zwar länger Planungssicherheit, bindet Beschäftigte jedoch ebenfalls länger an den vereinbarten Abschluss. Die Gewerkschaft fordert dagegen einen Abschluss für lediglich zwölf Monate und könnte damit entsprechend früher wieder über neue Lohnerhöhungen verhandeln.
Die Arbeitgeber weisen die Kritik zurück. Der ZDS argumentiert, sein Angebot liege über Tarifabschlüssen in anderen bedeutenden Branchen. Nach Angaben des Verbandes sei das vorgelegte Angebot besser als die Abschlüsse in der Chemieindustrie sowie im Groß- und Außenhandel. Ver.di verkenne mit ihren Forderungen die wirtschaftliche Realität, lautet die Position der Arbeitgeberseite.
Damit prallen zwei unterschiedliche Bewertungen der wirtschaftlichen Situation aufeinander. Während die Gewerkschaft deutliche Einkommenssteigerungen für die Hafenbeschäftigten verlangt, verweisen die Arbeitgeber auf die Belastbarkeit der Unternehmen und auf Abschlüsse in anderen Branchen.
Der Konflikt trifft die Hafenwirtschaft zudem in einer wirtschaftlich angespannten Phase. Der Hamburger Hafen hatte zuletzt beim Containerumschlag Rückgänge hinnehmen müssen. Nach NDR-Angaben wurden im ersten Halbjahr rund vier Millionen Standardcontainer umgeschlagen – etwa vier Prozent weniger als im entsprechenden Vorjahreszeitraum.
Für die Hafenunternehmen verschärft dies die Auseinandersetzung um höhere Personalkosten. Für die Beschäftigten wiederum steht die Frage im Mittelpunkt, wie stark ihre Einkommen steigen sollen und wie lange sie an einen neuen Tarifabschluss gebunden sein werden.
Am Dienstag soll der Tarifkonflikt nicht nur an den stillstehenden Terminals sichtbar werden, sondern auch auf der Straße. Ver.di hat für 9 Uhr zu einer Demonstration durch den Hamburger Hafen aufgerufen.
Der Demonstrationszug soll am HHLA-Containerterminal Burchardkai beginnen. Von dort führt die angekündigte Strecke über den Waltershofer Damm, den Altenwerder Damm, den Rugenberger Damm und die Finkenwerder Straße wieder zurück zum Burchardkai. Dort ist gegen 10.30 Uhr eine Kundgebung geplant.
Für ver.di erhöht der Warnstreik den Druck auf die Arbeitgeberseite. Dass gleichzeitig in sechs Hafenstandorten zum Arbeitskampf aufgerufen wurde, unterstreicht die Dimension des Konflikts. Neben Hamburg gehören Bremerhaven und Wilhelmshaven zu den wichtigsten deutschen Standorten für den Containerumschlag.
Gerade die großen Containerhäfen sind Teil internationaler Lieferketten. Ein Schiff, das seinen vorgesehenen Liegeplatz nicht nutzen kann, muss unter Umständen warten oder seine weitere Route anpassen. Gleichzeitig können Container später auf Bahn und Lkw verladen werden. Umgekehrt können für den Export vorgesehene Container länger im Hafen verbleiben.
Allerdings sollte die Wirkung eines einzelnen 24-stündigen Warnstreiks nicht mit einem länger dauernden Hafenausstand gleichgesetzt werden. Wie stark Unternehmen, Reedereien und Lieferketten tatsächlich betroffen sind, hängt davon ab, wie umfangreich die Arbeitsniederlegungen an den einzelnen Standorten ausfallen und wie schnell der Betrieb anschließend wieder hochgefahren wird.
Für die Tarifparteien beginnt damit zugleich eine entscheidende Phase. Warnstreiks gehören zu den klassischen Instrumenten, mit denen Gewerkschaften während laufender Tarifverhandlungen ihren Forderungen Nachdruck verleihen. Sie demonstrieren, welche Auswirkungen ein umfangreicherer Arbeitskampf haben könnte, wenn am Verhandlungstisch keine Annäherung gelingt.
Die entscheidende Frage lautet deshalb, ob der Streik Arbeitgeber und Gewerkschaft wieder näher zusammenbringt.
Die Differenz zwischen den Positionen ist weiterhin beträchtlich: 8,2 Prozent mehr Lohn für zwölf Monate verlangt ver.di. Die Arbeitgeber bieten 5,1 Prozent bei 19 Monaten sowie zusätzliche Leistungen an.
Dabei geht es nicht nur um Prozentzahlen. Laufzeit, zusätzliche Zahlungen und die wirtschaftliche Situation der Hafenunternehmen müssen in einem möglichen Kompromiss zusammengeführt werden.
Für Hamburg sind die Folgen des Konflikts besonders sichtbar. Der Hafen ist nicht nur ein bedeutender Arbeitgeber, sondern ein zentraler Bestandteil der Wirtschaftsstruktur der Stadt und eine der wichtigsten Schnittstellen des deutschen Außenhandels.
Wenn dort die Containerbrücken stillstehen, wird ein Tarifkonflikt, der ansonsten hauptsächlich am Verhandlungstisch geführt wird, unmittelbar sichtbar.
Am Dienstag bestimmen deshalb nicht die üblichen Bilder hektischer Verladearbeiten das Geschehen an den Terminals. Stattdessen stehen Anlagen still, Schiffe bleiben fern und Beschäftigte gehen auf die Straße.
Ob der 24-stündige Warnstreik ausreicht, um Bewegung in die festgefahrenen Tarifverhandlungen zu bringen, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch: Mit den Arbeitsniederlegungen in Hamburg und fünf weiteren deutschen Seehäfen hat der Konflikt eine neue Eskalationsstufe erreicht.