Die TREECYCLE AG möchte mit einem digitalen Wertpapier ein groß angelegtes Aufforstungsprojekt in Paraguay finanzieren. Das Konzept klingt zunächst nachvollziehbar: Anleger stellen Kapital bereit, davon werden Flächen erworben und mit Eukalyptusbäumen bepflanzt. Nach der Ernte und dem Verkauf des Holzes sollen die Inhaber der TREE Token an den erwirtschafteten Zahlungsüberschüssen beteiligt werden.
Der am 22. Juni 2026 datierte Prospekt betrifft ein öffentliches Angebot von bis zu 8,9 Millionen TREE Token. Ein Token soll zunächst 25 Schweizer Franken kosten.
Die Grundidee verbindet eine Sachwertgeschichte mit Nachhaltigkeit und digitaler Abwicklung. Aus Anlegersicht ist jedoch entscheidend, was rechtlich und wirtschaftlich tatsächlich erworben wird. Und hier zeigt die Analyse: Es handelt sich nicht um ein direktes Investment in Wald oder Grundstücke, sondern um ein hochriskantes, unbesichertes und nachrangiges Finanzinstrument mit potenziell unbegrenzter Laufzeit.
Hinzu kommen mehrere Angaben, die innerhalb des Prospekts nicht einheitlich erscheinen. Manche Abweichungen könnten auf nicht vollständig bereinigte Textfassungen, unterschiedliche Stichtage oder die Fortschreibung älterer Prospekte zurückzuführen sein. Bei wesentlichen Größen wie der Zahl verkaufter Token, den bisher eingeworbenen Beträgen, der Eigentümerstruktur und dem Umfang der Aufforstung sollte ein Anleger jedoch keine eigenen Interpretationen anstellen müssen.
Die folgende Analyse stützt sich ausschließlich auf den vorgelegten Prospekt. Sie stellt weder eine Anlageempfehlung noch eine abschließende rechtliche oder wirtschaftliche Beurteilung dar.
Was Anleger tatsächlich erwerben
Der TREE Token wird als digital dargestellter, unbefristeter vertraglicher Anspruch auf einen Anteil am sogenannten Net Operating Cash Flow des Projekts beschrieben. Nach dem Prospekt sollen 40 Prozent dieses operativen Netto-Cashflows für Ausschüttungen an Tokeninhaber verwendet werden. Weitere 50 Prozent sollen reinvestiert und zehn Prozent für ökologische oder soziale Projekte eingesetzt werden. Der Prospekt schränkt allerdings ein, dass die Verwendung der verbleibenden 60 Prozent lediglich auf einer „Best-Efforts“-Grundlage erfolgen soll und von Tokeninhabern nicht gerichtlich durchgesetzt werden kann.
Wichtig ist: Die Token vermitteln weder Eigentum an Grundstücken noch an Bäumen. Sie sind auch nicht durch diese Vermögenswerte besichert. Im Insolvenzfall stehen die Ansprüche der Anleger hinter den Forderungen der gewöhnlichen Gläubiger. Erst nachdem vorrangige Gläubiger vollständig befriedigt worden sind, könnten Tokeninhaber berücksichtigt werden.
Die Gesellschaft darf außerdem grundsätzlich weitere Schulden aufnehmen. Die Tokenbedingungen begrenzen die Höhe zusätzlicher Verbindlichkeiten nicht. Bankfinanzierungen könnten durch Rechte an den paraguayischen Grundstücken besichert werden. Damit könnten Kreditgeber im Krisenfall Zugriff auf Vermögenswerte erhalten, die den Tokeninhabern gerade nicht als Sicherheit dienen.
Für Anleger bedeutet das: Der werbliche Bezug zu Land und Bäumen darf nicht mit einem dinglich gesicherten Sachwertinvestment verwechselt werden. Wirtschaftlich besteht ein nachrangiger Anspruch gegen die Schweizer Emittentin, dessen Bedienung vom Erfolg eines langfristigen Projekts in Paraguay abhängt.
Eine ungewöhnlich lange Kapitalbindung
Die TREE Token haben keinen festen Rückzahlungstermin. Anleger können erstmals zwölf Jahre nach dem ursprünglichen Prospektdatum kündigen, also am 14. Februar 2036. Danach besteht eine Kündigungsmöglichkeit nur alle vier Jahre.
Die Kündigung muss zudem innerhalb eines Zeitfensters von 30 Geschäftstagen erklärt werden. Anschließend läuft eine weitere zwölfmonatige Kündigungsfrist. Ausschüttungen, die während dieser Zeit auf die betreffenden Token entfallen, werden nach dem Wortlaut der Bedingungen ausgesetzt und verfallen.
Bemerkenswert ist außerdem, dass das Kündigungsrecht offenbar nur besteht, solange der Token nicht an einem Handelsplatz notiert und dort aktiv gehandelt wird. Sollte eine Notierung erfolgen, könnte der Anleger auf einen Verkauf am Markt angewiesen sein – unabhängig davon, ob dort ausreichende Nachfrage oder ein wirtschaftlich akzeptabler Kurs vorhanden ist.
Der Prospekt selbst weist ausdrücklich darauf hin, dass derzeit kein Handel an einem regulierten Markt stattfindet. Bis zu einer möglichen Notierung seien grundsätzlich nur bilaterale Verkäufe möglich. Das Investment sei daher hochgradig illiquide.
Für einen Privatanleger ist das eine zentrale Einschränkung: Er kann sein Geld weder kurzfristig zurückfordern noch darauf vertrauen, seine Token jederzeit zu einem nachvollziehbaren Preis verkaufen zu können.
Ausschüttungen sind weder regelmäßig noch garantiert
Die Beteiligung der Anleger knüpft nicht an den ausgewiesenen Jahresgewinn, den Grundstückswert oder den bilanziellen Wert der Bäume an. Ausschlaggebend ist allein ein positiver operativer Cashflow nach IFRS.
Ausschüttungsfähige Zahlungsüberschüsse werden laut Prospekt erst erwartet, wenn Holz geerntet und verkauft werden kann und die Einnahmen die operativen Kosten des betreffenden Geschäftsjahres übersteigen. In Jahren ohne positiven Net Operating Cash Flow besteht kein Anspruch auf eine Zahlung. Die Emittentin bezeichnet regelmäßige Ausschüttungen ausdrücklich nicht als geschuldet.
Im Prospekt wird eine erste Teilerntenphase überwiegend für 2028 genannt. Weitere Ernten werden für 2032 und 2035 erwartet. Erst nach 2035 sollen sich unterschiedliche Pflanz- und Erntezyklen so überlagern, dass regelmäßigere Einnahmen möglich werden könnten. Die jährlichen Betriebskosten werden dabei auf rund 2,3 Millionen Schweizer Franken geschätzt.
In den geprüften Jahresabschlüssen findet sich allerdings an anderer Stelle die Aussage, die erste Ernte werde bereits 2027 erwartet.
Ein Jahr Unterschied mag bei einem langfristigen Forstprojekt zunächst überschaubar erscheinen. Für Liquiditätsplanung, Unternehmensfortführung und mögliche Ausschüttungen ist der Zeitpunkt der ersten Erlöse aber wesentlich. Eine einheitliche Darstellung wäre daher erforderlich.
Hoher Buchgewinn, aber negativer operativer Geldfluss
Besondere Aufmerksamkeit verdient der Unterschied zwischen dem bilanziellen Gewinn und dem tatsächlichen Zahlungsstrom.
Für 2025 weist der Konzern einen Jahresgewinn von rund 13,17 Millionen Schweizer Franken aus. Gleichzeitig belief sich der positive Bewertungseffekt aus der Neubewertung biologischer Vermögenswerte auf rund 19,23 Millionen Franken. Der ausgewiesene Gewinn beruhte somit entscheidend auf einer bilanziellen Höherbewertung der noch wachsenden Forstbestände und nicht auf realisierten Erlösen aus Holzverkäufen.
Beim operativen Cashflow zeigt sich ein anderes Bild: 2025 flossen aus der laufenden Geschäftstätigkeit rund 2,51 Millionen Franken ab. Weitere rund 1,53 Millionen Franken wurden für Investitionen ausgegeben. Finanziert wurde dies unter anderem durch rund 4,64 Millionen Franken aus dem Verkauf der unbefristeten Finanzinstrumente sowie 525.000 Franken aus einer Wandelanleihe.
Das ist bei einem jungen Aufforstungsprojekt nicht automatisch ungewöhnlich. Bäume müssen zunächst gepflanzt, gepflegt und über Jahre finanziert werden, bevor Verkaufserlöse entstehen. Anleger sollten aber den bilanziellen Millionengewinn nicht mit verfügbarem Geld oder einer Ausschüttungsfähigkeit gleichsetzen.
Gerade weil die Tokeninhaber am operativen Cashflow und nicht am Bilanzgewinn beteiligt werden, ist der hohe Jahresüberschuss für sie zunächst nur eingeschränkt aussagekräftig.
Der wichtigste Vermögenswert konnte nicht unabhängig bestätigt werden
Zum 31. Dezember 2025 wurden die biologischen Aufforstungswerte mit knapp 30 Millionen Schweizer Franken bilanziert. Bei einer Bilanzsumme von rund 35,78 Millionen Franken entfielen damit rechnerisch etwa 84 Prozent der gesamten Vermögenswerte auf diese Position.
Der Abschlussprüfer erteilte hierzu jedoch ein eingeschränktes Prüfungsurteil. Er konnte nach eigener Aussage keine ausreichenden geeigneten Prüfungsnachweise für den bilanzierten Wert von 29,996 Millionen Franken erlangen. Die zugrunde liegenden Daten und Annahmen seien nicht unabhängig überprüfbar gewesen. Wegen des frühen Projektstadiums hätten noch keine historischen Erntedaten aus dem eigenen Betrieb vorgelegen. Das Management habe sich daher auf Daten eines externen Experten gestützt. Ob Wertanpassungen erforderlich gewesen wären, konnte der Prüfer nicht feststellen.
Das bedeutet nicht, dass die Bewertung zwangsläufig falsch ist. Es bedeutet aber, dass der mit Abstand größte Bilanzposten in wesentlichen Teilen auf nicht durch tatsächliche Projektergebnisse bestätigten Annahmen beruht.
Der Anstieg fällt besonders deutlich aus: Der Buchwert der biologischen Vermögenswerte erhöhte sich von rund 10,14 Millionen Franken auf knapp 30 Millionen Franken. Von dieser Veränderung entfielen rund 19,23 Millionen Franken auf den Fair-Value-Effekt, während die tatsächlichen Zugänge im Jahr 2025 mit rund 625.000 Franken ausgewiesen wurden.
Für Anleger ist das ein entscheidender Punkt. Je stärker der wirtschaftliche Eindruck des Unternehmens von modellierten Zukunftswerten geprägt wird, desto wichtiger sind nachvollziehbare Annahmen zu Wachstum, Holzmengen, Preisen, Kosten, Ausfällen und Diskontierung.
Keine Prognose – aber ein Modell mit 13,3 Prozent IRR
Der Prospekt erklärt ausdrücklich, dass keine konkrete Gewinnprognose veröffentlicht werde. Das dargestellte Finanzmodell sei lediglich eine mathematische Abbildung verschiedener Annahmen und keine Vorhersage künftiger Umsätze, Kosten oder Gewinne. Während der Aufbau- und Wachstumsphase werde ein negativer operativer Cashflow erwartet.
Gleichzeitig enthält der Prospekt Renditeszenarien. Im „Management Case“ wird eine interne Rendite von 13,3 Prozent ausgewiesen. Im optimistischen Fall sind es 16,7 Prozent, im pessimistischen Szenario 8,1 Prozent und im schlechtesten dargestellten Fall null Prozent.
Rechtlich und methodisch kann zwischen einer formellen Gewinnprognose und einem Modell unterschieden werden. Aus Anlegersicht entfaltet eine hervorgehobene IRR-Zahl dennoch eine erhebliche Erwartungswirkung. Viele Anleger werden 13,3 Prozent als Orientierung für die mögliche Rendite verstehen.
Hinzu kommt eine sprachliche Spannung: Einerseits hält die Emittentin konkrete Gewinnschätzungen angesichts der langfristigen und geopolitisch unsicheren Geschäftslage für nicht angemessen oder nicht möglich. Andererseits heißt es bei der Bewertung der Forstbestände, das Management habe verlässliche Cashflow-Schätzungen bereitstellen können. Auf dieser Grundlage wurde ein Discounted-Cashflow-Verfahren verwendet.
Diese beiden Aussagen müssen nicht zwingend unvereinbar sein. Bewertungsmodelle erfordern Annahmen, ohne eine verbindliche Ergebnisprognose darzustellen. Dennoch sollte verständlich erläutert werden, warum die Cashflows für eine Bilanzbewertung als hinreichend zuverlässig gelten, für eine konkrete Ergebnisprognose jedoch als nicht belastbar bezeichnet werden. Die Einschränkung des Abschlussprüfers verstärkt diesen Klärungsbedarf.
Das Modell setzt einen schnellen Verkauf der Token voraus
Das wirtschaftliche Modell beruht nach dem Prospekt auf einer kurzfristigen vollständigen Platzierung sämtlicher angebotener TREE Token. Bleibt der Verkauf hinter dieser Annahme zurück, könnten die Renditen geringer ausfallen oder sich verzögern, weil die fixen Betriebskosten auf ein kleineres Projektvolumen verteilt werden müssten.
Auch die Risikohinweise machen deutlich, dass die Gesellschaft bis zu den ersten Ernten auf Erlöse aus weiteren Tokenverkäufen angewiesen ist. Werden nicht genügend Token verkauft, könnten weniger Flächen erworben und bepflanzt werden. Im ungünstigen Fall drohen Illiquidität, Insolvenz und ein vollständiger Kapitalverlust.
Diese Abhängigkeit ist wirtschaftlich bedeutsam. Die Projektfinanzierung beruht bis zum Beginn eigener Holzumsätze nicht nur auf bereits vorhandenem Vermögen, sondern weiterhin auf der erfolgreichen Einwerbung neuen Kapitals.
Der Prospekt enthält zwar die Selbsteinschätzung der Gesellschaft, für mindestens zwölf Monate über ausreichendes Betriebskapital zu verfügen. Zum Bilanzstichtag 2025 standen jedoch kurzfristigen Vermögenswerten von rund 1,92 Millionen Franken kurzfristige Verbindlichkeiten von rund 2,92 Millionen Franken gegenüber. Das ergibt rechnerisch ein negatives Nettoumlaufvermögen von etwa einer Million Franken.
Das ist nicht automatisch ein Widerspruch: Zwischen Bilanzstichtag und Prospektdatum können weitere Mittel eingeworben oder Zahlungsziele verändert worden sein. Für Anleger wäre jedoch eine nachvollziehbare Überleitung hilfreich, aus der hervorgeht, auf welchen liquiden Mitteln und verbindlichen Finanzierungsquellen die Zwölf-Monats-Erklärung beruht.
Unterschiedliche Angaben zu bereits verkauften Token
Einen besonders deutlichen Klärungsbedarf gibt es bei den bisherigen Platzierungszahlen.
An einer Stelle heißt es, vor dem ersten öffentlichen Angebot seien 927.405 Token einschließlich Bonuszuteilungen verkauft und rund 13,52 Millionen Franken erlöst worden. Für das erste öffentliche Angebot werden 159.200 Token und 3,34 Millionen Franken genannt, für das zweite Angebot 355.000 Token und 6,75 Millionen Franken.
An anderer Stelle werden für die privaten Verkäufe dagegen 863.614 Token und Erlöse von 17,31 Millionen Franken ausgewiesen. Für das erste öffentliche Angebot nennt derselbe Abschnitt 174.111 statt 159.200 Token.
Eine weitere Passage nennt wiederum 927.405 privat verkaufte Token, 159.200 Token aus dem ersten Angebot und 338.000 Token aus dem zweiten Angebot. Der dort angegebene Erlös des zweiten Angebots beträgt 6,42 Millionen und nicht 6,75 Millionen Franken.
Bonuszuteilungen, Stornierungen, Umtauschvorgänge oder unterschiedliche Stichtage könnten einzelne Abweichungen erklären. Die erheblich voneinander abweichenden Erlöse aus den Privatverkäufen – 13,52 Millionen gegenüber 17,31 Millionen Franken – lassen sich dadurch jedoch nicht ohne Weiteres nachvollziehen.
Für eine Investitionsentscheidung sollte eine einzige abgestimmte Tabelle vorliegen, die für jede Platzierungsphase mindestens folgende Angaben enthält: verkaufte Token, kostenlose Bonus-Token, stornierte Zeichnungen, tatsächlich zugeflossene Mittel, durchschnittlicher Ausgabepreis und aktueller Bestand der von der Emittentin gehaltenen Reserve-Token.
8,9 Millionen, 9,43 Millionen oder zehn Millionen Token?
Auch die Gesamtzahl der angebotenen beziehungsweise ausgegebenen Token wird nicht durchgehend einheitlich dargestellt.
Das Deckblatt nennt ein Angebot von bis zu 8,9 Millionen Token. Im Abschnitt über die Gesamtemission heißt es dagegen, die Emittentin biete im öffentlichen Verkauf insgesamt bis zu zehn Millionen Token an. In den beigefügten Jahresabschlussangaben wird wiederum von maximal 9,43 Millionen TREE Token gesprochen.
Möglicherweise bezieht sich die Zahl von 8,9 Millionen nur auf die noch nicht platzierten Token der aktuellen Angebotsphase, während zehn Millionen die ursprünglich erzeugte Gesamtmenge darstellen. Dann müsste dies jedoch klar und rechnerisch nachvollziehbar erläutert werden. Die zusätzliche Zahl von 9,43 Millionen verstärkt den Eindruck, dass Angaben aus verschiedenen Fassungen nicht vollständig harmonisiert wurden.
Gerade weil Ausschüttungen und Stimmrechte von der Zahl der ausgegebenen Token abhängen, ist dies keine bloße redaktionelle Nebensache.
Unklare Behandlung der Reserve-Token
Nach den Tokenbedingungen wird eine mögliche Zahlung pro TREE berechnet, indem der verfügbare Net Operating Cash Flow durch sämtliche bis zum Berechnungstag ausgegebenen Token geteilt wird. Dabei sollen ausdrücklich auch Token berücksichtigt werden, die von der Emittentin als Reserve gehalten oder noch zum Verkauf angeboten werden.
Das wirft mehrere Fragen auf. Der Prospekt spricht an anderer Stelle davon, dass 40 Prozent des Net Operating Cash Flow an Tokeninhaber ausgeschüttet werden. In der Berechnungsformel ist dagegen vom „total Net Operating Cash Flow“ die Rede. Offen bleibt nach dem Wortlaut, ob damit tatsächlich der gesamte Cashflow oder nur der zuvor definierte Ausschüttungsanteil von 40 Prozent gemeint ist.
Noch wichtiger ist die Einbeziehung nicht verkaufter Reserve-Token. Rechnerisch reduziert ein großer Reservebestand den Betrag je Token. Es sollte daher eindeutig offengelegt werden,
- ob die Emittentin auf Ausschüttungen für ihre Reserve-Token verzichtet,
- ob solche Beträge im Unternehmen verbleiben,
- ob sie zusätzlich an externe Anleger verteilt werden und
- ab welchem Zeitpunkt ein verkaufter Token ausschüttungsberechtigt ist.
Auch bei Abstimmungen werden die von der Emittentin gehaltenen Reserve- und Verkaufstoken als stimmberechtigt behandelt. Für eine wirksame Abstimmung müssen mindestens 50 Prozent der stimmberechtigten Token teilnehmen; Entscheidungen erfolgen anschließend mit einfacher Mehrheit der teilnehmenden Token.
Solange die Gesellschaft einen großen Teil der Token selbst hält, könnte daraus eine erhebliche Einflussposition entstehen. Außerdem darf der Verwaltungsrat nach dem Wortlaut nach eigenem Ermessen entscheiden, ob er eine von Anlegern mit mindestens zehn Prozent der Token verlangte Abstimmung tatsächlich ansetzt. Das schwächt die praktische Bedeutung der Anlegerrechte.
Unterschiedliche Angaben zur bisherigen Projektgröße
Auch der tatsächliche Stand des Projekts wird nicht überall gleich beschrieben.
In der Zusammenfassung ist von 1.455 Hektar erworbenem Land die Rede, das derzeit aufgeforstet werde. An anderer Stelle werden drei Grundstücke mit insgesamt rund 1.190 Hektar und etwa 383.000 gepflanzten Bäumen genannt.
Der Abschnitt zur Projektentwicklung berichtet wiederum von zunächst 200 Hektar sowie weiteren 1.300 Hektar, die zwischen 2023 und 2025 erworben worden seien. Von diesen zusätzlichen Flächen seien 747 Hektar aufgeforstet. Im Finanzierungskapitel heißt es schließlich, zum 31. Dezember 2025 seien bereits rund 983.000 Bäume gepflanzt worden.
Es ist denkbar, dass die 1.190 Hektar nur bestimmte unmittelbar in Paraguay bilanzierte Grundstücke betreffen, während 1.455 oder 1.500 Hektar eine weiter gefasste Projektgröße darstellen. Ebenso könnten die 383.000 Bäume aus einer älteren Textfassung stammen und die 983.000 Bäume den neueren Stand wiedergeben.
Der Prospekt kennzeichnet diese Unterschiede jedoch nicht konsequent mit abweichenden Stichtagen. Ein Anleger sollte eindeutig erkennen können, wie viele Hektar rechtswirksam erworben, bezahlt, bepflanzt und noch in Prüfung sind.
Schwankende Zielgröße des Projekts
Die Zielplanung variiert ebenfalls. In der Zusammenfassung sollen mindestens 12.000 Hektar erworben und mindestens zehn Millionen Eukalyptusbäume gepflanzt werden. Im Abschnitt zur Verwendung der Emissionserlöse ist dagegen von mindestens zwölf Millionen Bäumen auf 12.000 Hektar die Rede.
Die Jahresabschlussangaben beschreiben das Projekt wiederum mit etwa 10.000 Hektar und zehn Millionen Bäumen.
Eine Weiterentwicklung des Geschäftsplans wäre grundsätzlich legitim. Dann sollte der Prospekt aber klar darstellen, welche Zielgröße aktuell gilt, wann sie geändert wurde, wie hoch der dafür erforderliche Kapitalbedarf ist und welche Auswirkungen die Änderung auf die erwarteten Ausschüttungen je Token hat.
Eigentümerstruktur nicht einheitlich dargestellt
In der Zusammenfassung wird Global TREE Project AG als Mehrheitsaktionärin mit 88 Prozent genannt. Die verbleibenden zwölf Prozent sollen letztlich Andreas Jelinek gehören.
Im Kapitel zur Organisationsstruktur heißt es dagegen, TREECYCLE sei vollständig – also zu 100 Prozent – im Eigentum der Global TREE Project AG.
Beide Angaben können für denselben Zeitpunkt nicht gleichzeitig zutreffen. Da die Eigentümerstruktur für Kontrolle, verbundene Geschäfte und mögliche Interessenkonflikte relevant ist, sollte diese Abweichung eindeutig korrigiert werden.
Hohe Vergütungen an die Mehrheitsgesellschafterin
Seit Anfang 2026 sind wesentliche Managementaufgaben an die Mehrheitsgesellschafterin Global TREE Project AG ausgelagert. Diese erhält ihre erstattungsfähigen Kosten zuzüglich einer Marge von fünf Prozent.
Zusätzlich sind variable Vergütungen vorgesehen: zwei Prozent der Erlöse aus Tokenverkäufen, elf Prozent des Transaktionsvolumens für Grundstückserwerb, Vorbereitung und erste Aufforstung sowie 20 Prozent der Nettoerlöse aus geerntetem und verkauftem Holz.
Die wirtschaftlichen Anreize verdienen eine genaue Betrachtung. Die Zwei-Prozent-Vergütung fördert den Verkauf weiterer Token. Die Elf-Prozent-Vergütung entsteht beim Erwerb und der Entwicklung neuer Flächen und damit möglicherweise bereits, bevor diese Flächen langfristig profitable Holzerträge erwirtschaften. Die 20-Prozent-Komponente knüpft dagegen unmittelbar an tatsächliche Verkaufserlöse an.
Innerhalb des Prospekts ist allerdings auch die Zwei-Prozent-Regel nicht einheitlich formuliert. Auf Seite 28 soll sie nur für Nettoerlöse oberhalb der ersten 20 Millionen Franken gelten. Auf Seite 37 wird sie ohne diese Einschränkung als zwei Prozent sämtlicher Nettoerlöse beschrieben.
Alf Schröter und Jörg Schäfer sind sowohl Verwaltungsratsmitglieder der Emittentin als auch der Gesellschaft, die diese Vergütungen erhält. Die Emittentin hält die Konditionen für marktüblich und geht wegen der leistungsabhängigen Ausgestaltung von gleichgerichteten Interessen und keinem Interessenkonflikt aus.
Aus Governance-Sicht besteht dennoch zumindest ein strukturelles Konfliktpotenzial: Dieselben Personen wirken auf beiden Seiten einer konzerninternen Leistungsbeziehung mit. Umso wichtiger wären unabhängige Kontrolle, Vergleichsangebote, klare Kostenobergrenzen und eine transparente jährliche Abrechnung. Der Prospekt weist zugleich darauf hin, dass die Emittentin keinen Prüfungsausschuss besitzt, selbst keine Mitarbeiter außerhalb des Managementteams beschäftigt und die paraguayische Tochter weniger als fünf Beschäftigte hat.
Dürfen in Deutschland Privatanleger angesprochen werden?
Besonders klärungsbedürftig ist die Anlegerzielgruppe in Deutschland.
Im Prospekt wird berichtet, die BaFin habe 2024 Bedenken hinsichtlich der Transparenz des Angebots und bestimmter Marketingunterlagen geäußert und eine Beschränkung oder Untersagung des Vertriebs an deutsche Privatanleger erwogen. Die Emittentin habe sich daraufhin verpflichtet, die beanstandeten Punkte zu bearbeiten und das Angebot in Deutschland auf professionelle Anleger zu beschränken.
An anderer Stelle heißt es dagegen, das öffentliche Angebot richte sich an alle Anlegerkategorien mit Wohnsitz in einer der Angebotsjurisdiktionen oder in der Schweiz. Deutschland gehört nach dem Prospekt zu diesen Angebotsjurisdiktionen.
Für einen deutschen Privatanleger ist diese Differenz wesentlich. Vor einer Zeichnung sollte schriftlich geklärt werden, ob das aktuelle Angebot tatsächlich an ihn gerichtet werden darf und welche Vertriebsbeschränkungen gelten.
Was für den Prospekt spricht
Bei aller Kritik ist festzuhalten, dass der Prospekt viele zentrale Risiken deutlich benennt.
Die Emittentin bezeichnet den TREE Token selbst als neuartiges, strukturiertes und hochgradig illiquides Finanzinstrument. Geeignet sei er nur für erfahrene und finanziell versierte Anleger, die die Risiken beurteilen und Verluste tragen können. Auch ein teilweiser oder vollständiger Verlust des eingesetzten Kapitals wird ausdrücklich angesprochen.
Offengelegt werden unter anderem:
- das geringe Aktienkapital von 100.000 Schweizer Franken,
- die Abhängigkeit von weiteren Tokenverkäufen,
- das Fehlen laufender operativer Einnahmen bis zu den Ernten,
- Wetter-, Feuer-, Schädlings- und Krankheitsrisiken,
- Holzpreis-, Währungs- und Länderrisiken,
- die fehlende Besicherung,
- der Nachrang und
- die schwierige Handelbarkeit.
Auch das eingeschränkte Prüfungsurteil zum Wert der Forstbestände wird nicht verschwiegen. Die Sensitivitätsrechnung zeigt zudem, dass die modellierte Rendite bei ungünstigen Annahmen bis auf null fallen kann.
Das sind wichtige Transparenzelemente. Sie ändern allerdings nichts daran, dass die widersprüchlichen Zahlen und Formulierungen vor einer Investition bereinigt werden sollten.
Die Prospektbilligung ist kein Qualitätssiegel
Die Finanzmarktaufsicht Liechtenstein hat den Prospekt nach dessen Angaben am 22. Juni 2026 gebilligt. Der Prospekt stellt selbst klar, dass diese Billigung lediglich die gesetzlich geforderte Prüfung auf Vollständigkeit, Verständlichkeit, Klarheit und Konsistenz betrifft. Sie ist weder eine Empfehlung der Emittentin noch eine Bestätigung der Qualität oder Wirtschaftlichkeit des TREE Token.
Anleger dürfen eine behördliche Billigung daher nicht mit einer Prüfung des Geschäftsmodells, der Werthaltigkeit der Bäume oder der Wahrscheinlichkeit der modellierten Rendite verwechseln.
Fazit: Spekulatives Langfristinvestment mit erheblichem Aufklärungsbedarf
TREECYCLE verfolgt ein reales und grundsätzlich verständliches Geschäftsmodell: Kapital wird in Grundstücke, Aufforstung und die spätere Holzvermarktung investiert. Der Prospekt enthält geprüfte Jahresabschlüsse und benennt viele Risiken ungewöhnlich offen.
Für Anleger bleibt das Produkt dennoch hochspekulativ. Der Token ist unbesichert, nachrangig, schwer handelbar und potenziell unbefristet. Ausschüttungen hängen von tatsächlichen positiven operativen Zahlungsüberschüssen ab, die erst nach mehreren Jahren und keineswegs garantiert entstehen. Die Emittentin ist bis dahin wesentlich auf neue Kapitalzuflüsse angewiesen.
Besonders kritisch sind nicht einzelne Tippfehler, sondern die Häufung abweichender Angaben bei wirtschaftlich relevanten Punkten:
- Zahl und Erlös der bisher verkauften Token,
- Gesamtumfang der Emission,
- erworbene und bepflanzte Flächen,
- Zahl der gepflanzten Bäume,
- Projektziel von zehn oder zwölf Millionen Bäumen,
- erwarteter Beginn der Ernten,
- Eigentümerstruktur,
- Berechnung der Vertriebsvergütung,
- Behandlung der Reserve-Token und
- Zulässigkeit des Vertriebs an deutsche Privatanleger.
Keine dieser Unstimmigkeiten beweist für sich genommen, dass das Projekt wirtschaftlich scheitern oder Angaben bewusst falsch gemacht worden sind. Zusammengenommen zeigen sie jedoch, dass Anleger vor einer Zeichnung eine konsolidierte, verbindliche und widerspruchsfreie Erläuterung verlangen sollten.
Für einen durchschnittlichen Privatanleger, der planbare Erträge, jederzeitige Verfügbarkeit oder eine gesicherte Rückzahlung sucht, erscheint der TREE Token nach den eigenen Angaben des Prospekts kaum geeignet. In Betracht kommt das Instrument allenfalls für erfahrene Anleger, die das gesamte eingesetzte Kapital langfristig entbehren können, einen Totalverlust verkraften und die offenen Punkte vorab fachkundig prüfen lassen.
Redaktioneller Hinweis: Die Analyse beruht auf dem 142 Seiten umfassenden TREECYCLE-Prospekt vom 22. Juni 2026.