Der Winter fordert im Gazastreifen weiterhin zahlreiche Opfer. Kälte, anhaltende Regenfälle und weitverbreitete Mangelernährung verschärfen die ohnehin dramatische humanitäre Lage – und das trotz eines seit vier Monaten bestehenden Waffenstillstands. Besonders betroffen sind Kinder, ältere Menschen und Schwangere, deren körperliche Widerstandskraft durch Hunger und fehlende medizinische Versorgung stark geschwächt ist.
Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums sind seit Beginn des Winters mindestens zehn Kinder an Unterkühlung gestorben. Allein in den vergangenen 24 Stunden erlag ein drei Monate altes Baby im Al-Aqsa-Märtyrer-Krankenhaus den Folgen extremer Kälte. Ärzte vor Ort warnen seit Wochen, dass Säuglinge besonders gefährdet sind. Ihnen fehlen ausreichende Fettreserven, um Körperwärme zu speichern, und ihre Energiereserven sind begrenzt. Frühgeborene und Babys mit niedrigem Geburtsgewicht gelten als besonders vulnerabel.
Hunderttausende Menschen leben weiterhin in provisorischen Unterkünften, Zelten oder halb zerstörten Gebäuden. Die Vereinten Nationen berichten, dass starke Winde und heftige Regenfälle allein in der vergangenen Woche Hunderte Zelte beschädigt oder zerstört haben. Überschwemmungen, Kälte und fehlender Schutz vor dem Wetter machen das Überleben für viele Familien zur täglichen Herausforderung.
Die Zerstörung der Infrastruktur ist enorm: Rund 92 Prozent der Wohnhäuser im Gazastreifen sind beschädigt oder vollständig zerstört. Hinzu kommt die Gefahr durch nicht explodierte Munition, die weite Gebiete unbewohnbar macht. Bei den jüngsten Regenfällen kamen laut Gesundheitsministerium 24 Menschen ums Leben, nachdem ihre Häuser einstürzten. Viele Gebäude sind strukturell instabil und halten der anhaltenden Nässe nicht stand.
Neben der Kälte fordert auch die Mangelernährung ihren Tribut. Geschwächte Körper, verunreinigtes Trinkwasser und der Mangel an Medikamenten haben zu einem deutlichen Anstieg von Infektionskrankheiten geführt. Besonders alarmierend ist die Situation schwangerer Frauen. Ärzte berichten, dass viele Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht zur Welt kommen – eine direkte Folge der Unterernährung der Mütter, fehlender Vorsorgeuntersuchungen sowie anhaltendem psychischem Stress.
Währenddessen bleibt die Sicherheitslage angespannt. Entlang der sogenannten „Yellow Line“ kommt es weiterhin zu militärischen Zwischenfällen. Gleichzeitig laufen diplomatische Gespräche über eine mögliche zweite Phase des Waffenstillstands, die eine internationale Friedenstruppe und politische Übergangslösungen vorsehen soll.
Für die Zivilbevölkerung bedeutet all dies vor allem eines: Der tägliche Kampf ums Überleben geht weiter. Der Winter hat die humanitäre Krise im Gazastreifen nicht beendet, sondern ihre Grausamkeit noch deutlicher gemacht.