Berlin, München oder Frankfurt im Namen, eine emotionale Familiengeschichte auf der Startseite und dazu ein angeblicher Räumungsverkauf mit Rabatten von bis zu 80 Prozent: Verbraucherschützer warnen vor einer perfiden Masche im Onlinehandel, bei der Shops gezielt den Eindruck erwecken, traditionelle deutsche Familienunternehmen zu sein.
Die Geschichten klingen persönlich und vertrauenswürdig.
„Nach 37 wunderbaren Jahren beginnt für uns ein neues Kapitel“, heißt es beispielsweise in entsprechenden Werbebotschaften.
Was wie der Abschied eines alteingesessenen Familienbetriebs klingt, kann jedoch Teil einer gezielten Verkaufsstrategie sein.
Nach Angaben der Verbraucherzentrale Niedersachsen haben vermeintlich regionale Händler ihren Unternehmenssitz teilweise überhaupt nicht in Deutschland, sondern beispielsweise in den USA oder in Hongkong. Spätestens bei einer Rücksendung kann die vermeintliche Heimatverbundenheit dann teuer werden: Die Ware soll unter Umständen auf eigene Kosten nach Fernost zurückgeschickt werden.
„Anna Berlin“, „Mathilde München“, „Emma Frankfurt“
Schon die Namen der Shops sind Teil der Inszenierung.
Als Beispiele werden „anna-berlin.de“, „mathilde-muenchen.de“ und „emma-frankfurt.de“ genannt.
Solche Kombinationen wirken vertraut und regional. Ein Vorname wird mit einer bekannten deutschen Großstadt verbunden – und schon entsteht beim flüchtigen Blick der Eindruck eines örtlichen Geschäfts oder einer traditionsreichen kleinen Marke.
Doch genau dieser Eindruck kann täuschen.
Die Verbraucherzentrale warnt laut dem vorliegenden Bericht davor, Regionalität mit Seriosität gleichzusetzen.
Dass Berlin, München oder Frankfurt in einer Internetadresse oder einem Shopnamen auftaucht, bedeutet schließlich noch lange nicht, dass das Unternehmen dort tatsächlich ansässig ist.
Nach der Verbraucherwarnung fehlt bei entsprechenden Angeboten teilweise eine echte Verbindung zu der Stadt, deren Namen der Shop trägt.
Die Familiengeschichte soll Vertrauen schaffen
Besonders wirkungsvoll wird die Masche durch eine emotionale Geschichte.
Statt einfach mit günstigen Preisen zu werben, erzählen entsprechende Shops von Tradition, Heimat und Familie.
Die Botschaft lautet sinngemäß: Wir waren jahrzehntelang für unsere Kunden da, nun endet unsere Geschichte – deshalb verkaufen wir unsere letzten Waren besonders günstig.
Damit werden gleich mehrere psychologische Effekte miteinander verbunden.
Eine lange Unternehmensgeschichte vermittelt Erfahrung und Beständigkeit. Ein Familienbetrieb wirkt persönlicher als ein anonymer Onlinehändler. Eine deutsche Stadt im Namen erzeugt Nähe. Und die angebliche Geschäftsaufgabe erklärt gleichzeitig, warum Waren plötzlich extrem reduziert angeboten werden.
So entsteht eine in sich schlüssig wirkende Geschichte.
Genau das macht die Masche gefährlich.
Bis zu 80 Prozent Rabatt erzeugen zusätzlichen Druck
Zur emotionalen Geschichte kommen massive Preisnachlässe.
Laut Verbraucherwarnung locken entsprechende Shops mit Rabatten zwischen 50 und 80 Prozent.
Ein solcher Rabatt kann beim Kunden das Gefühl erzeugen, eine außergewöhnliche Gelegenheit vor sich zu haben.
In Verbindung mit einer angeblichen Geschäftsaufgabe entsteht zusätzlich Zeitdruck: Wenn das traditionsreiche Geschäft tatsächlich bald schließt und nur noch Restbestände verkauft, könnte das vermeintliche Schnäppchen morgen bereits verschwunden sein.
Genau diese Kombination aus Vertrauen und Dringlichkeit ist besonders wirkungsvoll.
Der Kunde soll nicht lange recherchieren, sondern kaufen.
Das Problem zeigt sich möglicherweise erst bei der Rückgabe
Die eigentliche Überraschung kann nach der Bestellung kommen.
Besonders problematisch wird die Situation laut Verbraucherwarnung, wenn Kunden ihre Ware zurückgeben möchten.
Dann kann sich herausstellen, dass die Rücksendung nicht etwa nach Berlin, München oder Frankfurt geschickt werden soll.
Stattdessen können Rücksendeadressen im Ausland genannt werden.
Bei Sendungen nach Fernost können erhebliche Versandkosten entstehen. Dadurch kann ein Widerruf wirtschaftlich so unattraktiv werden, dass Verbraucher trotz Unzufriedenheit auf der Ware sitzen bleiben.
Das vermeintliche Schnäppchen kann damit schnell seinen Reiz verlieren.
Gerade bei günstiger Ware besteht ein offensichtliches Problem: Wenn die Rücksendung einen erheblichen Teil des Kaufpreises kostet, lohnt sie sich für den Kunden möglicherweise kaum noch.
Nicht jeder problematische Shop ist automatisch ein klassischer Fakeshop
Bei der Einordnung ist allerdings eine wichtige Unterscheidung notwendig.
Die beschriebene Masche bedeutet nicht automatisch, dass jeder betreffende Händler überhaupt keine Ware liefert oder dass es sich zwingend um einen klassischen Fakeshop handelt.
Die Warnung richtet sich vor allem gegen eine möglicherweise irreführende Inszenierung von Regionalität, Tradition und Unternehmensgeschichte sowie gegen problematische Folgen beim Widerruf.
Ein klassischer Fakeshop kann beispielsweise darauf ausgelegt sein, Geld einzunehmen, ohne die bestellte Ware überhaupt zu liefern.
Bei der hier beschriebenen „Heimat-Masche“ liegt der Schwerpunkt dagegen darauf, dass Kunden aufgrund des vermittelten Eindrucks eines deutschen beziehungsweise regionalen Traditionsunternehmens eine Kaufentscheidung treffen, während sich hinter dem Angebot tatsächlich eine ganz andere Unternehmensstruktur verbergen kann.
Diese Differenzierung ist wichtig.
Ein professioneller Shop beweist noch keine Seriosität
Auch eine optisch hochwertige Internetseite bietet keine Sicherheit.
Moderne Shopsysteme ermöglichen es, innerhalb kurzer Zeit professionell wirkende Verkaufsseiten aufzubauen.
Produktfotos, Rabattbanner, Kundenbewertungen, Logos und emotionale Unternehmensgeschichten können einen überzeugenden Eindruck erzeugen.
Verbraucherschützer warnen deshalb davor, allein vom Design auf die Vertrauenswürdigkeit eines Händlers zu schließen.
Ein professionell aussehender Onlineshop ist kein Beweis dafür, dass die präsentierte Firmengeschichte stimmt.
Vor dem Kauf ins Impressum schauen
Besonders aufschlussreich können die Angaben zum Betreiber sein.
Verbraucher sollten deshalb nicht nur den Shopnamen betrachten, sondern vor einer Bestellung prüfen, welches Unternehmen tatsächlich hinter der Internetseite steht.
Warnsignale können unvollständige Kontaktinformationen, fehlende Anbieterangaben oder ein Impressum sein, das wesentliche Fragen offenlässt.
Entscheidend ist die Frage:
Passt der tatsächliche Betreiber zu der Geschichte, die auf der Internetseite erzählt wird?
Wenn ein Shop den Eindruck eines seit Jahrzehnten bestehenden deutschen Familienbetriebs vermittelt, die Anbieterinformationen aber auf eine völlig andere Unternehmensstruktur oder einen Sitz im Ausland hindeuten, ist zumindest zusätzliche Prüfung angebracht.
Auch die Rücksendebedingungen vor dem Kauf kontrollieren
Ein weiterer wichtiger Schritt wird häufig vergessen.
Verbraucher sollten möglichst vor dem Kauf prüfen, wohin eine eventuelle Rücksendung geschickt werden muss und wer die Kosten dafür trägt.
Gerade bei extrem günstigen Produkten kann eine internationale Rücksendung wirtschaftlich problematisch werden.
Deshalb lohnt sich ein Blick in Widerrufsbelehrung, Rückgabebedingungen und Anbieterinformationen, bevor die Bestellung abgeschickt wird.
Fehlen klare Informationen oder bleiben die Angaben widersprüchlich, ist Zurückhaltung sinnvoll.
Ein angeblicher Traditionsbetrieb mit brandneuer Internetadresse?
Auch das Alter einer Domain kann Hinweise liefern.
Die Verbraucherwarnung empfiehlt deshalb, genauer hinzusehen, wenn ein Unternehmen behauptet, seit vielen Jahren oder sogar Jahrzehnten zu existieren.
Ist die dazugehörige Internetadresse dagegen erst seit wenigen Tagen oder Wochen registriert, passt das zumindest nicht ohne Weiteres zur erzählten Geschichte eines alteingesessenen Onlineauftritts.
Das allein beweist zwar keinen Betrug. Ein langjähriges Unternehmen kann schließlich eine neue Domain registrieren oder seinen Internetauftritt wechseln.
Zusammen mit weiteren Auffälligkeiten kann eine sehr junge Domain jedoch ein zusätzliches Warnsignal darstellen.
Fakeshop-Finder kann bei der Überprüfung helfen
Verbraucher müssen einen verdächtigen Shop nicht ausschließlich selbst beurteilen.
Die Verbraucherzentralen bieten einen sogenannten Fakeshop-Finder an. Dort kann die Internetadresse eines Shops eingegeben und überprüft werden.
Das System gibt anschließend eine Einschätzung aus.
Bei einer gelben oder roten Bewertung sollten Verbraucher nach der vorliegenden Warnung besonders vorsichtig sein.
Eine solche Überprüfung ist besonders sinnvoll, wenn mehrere Warnsignale zusammenkommen: außergewöhnlich hohe Rabatte, eine emotionale Schließungsgeschichte, unklare Betreiberinformationen und eine angebliche deutsche Herkunft, die sich nicht eindeutig bestätigen lässt.
„Heimat“ wird zum Verkaufsargument
Das Bemerkenswerte an dieser Masche ist, dass nicht nur mit niedrigen Preisen gearbeitet wird.
Verkauft wird auch ein Gefühl.
Begriffe wie Heimat, Tradition und Familie vermitteln Nähe. Die Geschichte eines Geschäfts, das nach Jahrzehnten schließen muss, kann zusätzlich Mitgefühl erzeugen.
Der Käufer hat dann möglicherweise nicht das Gefühl, bei irgendeinem anonymen Händler zu bestellen.
Er glaubt womöglich, ein kleines Unternehmen zu unterstützen und gleichzeitig eines der letzten Produkte aus dessen Bestand zu erwerben.
Genau deshalb ist diese Form des Marketings so wirkungsvoll.
Der Preis lockt – die Geschichte liefert den emotionalen Grund, sofort zuzugreifen.
Extremrabatt plus Abschiedsgeschichte sollte misstrauisch machen
Natürlich ist nicht jeder Räumungsverkauf unseriös.
Auch echte Familienunternehmen schließen. Traditionsgeschäfte können tatsächlich hohe Rabatte anbieten, um ihre Lager zu räumen.
Deshalb wäre es falsch, jede emotionale Abschiedsbotschaft automatisch als Betrug einzustufen.
Misstrauen ist jedoch angebracht, wenn mehrere Merkmale gleichzeitig auftreten: Ein vermeintlich jahrzehntealter Familienbetrieb, eine stark regional klingende Internetadresse, Rabatte von 50, 70 oder sogar 80 Prozent, hoher Zeitdruck und gleichzeitig unklare oder ausländische Unternehmens- beziehungsweise Rücksendeinformationen.
Dann sollte die Bestellung nicht spontan erfolgen.
Erst prüfen, dann bezahlen
Vor allem bei unbekannten Shops lohnt sich deshalb eine kurze Recherche.
Wer ist Betreiber der Seite? Wo sitzt das Unternehmen tatsächlich? Seit wann existiert die Domain? Welche Erfahrungen haben andere Käufer gemacht? Wohin muss die Ware im Widerrufsfall zurückgeschickt werden? Sind Kontaktinformationen und Anbieterangaben vollständig und plausibel?
Auch ungewöhnlich schlechte Bewertungen oder auffällige Rücksendeadressen können Warnsignale sein.
Ein paar Minuten Prüfung können verhindern, dass aus einem vermeintlichen 80-Prozent-Schnäppchen ein kostspieliger Ärger wird.
Die deutsche Stadt im Shopnamen ist kein Herkunftsnachweis
Die wichtigste Erkenntnis aus der aktuellen Warnung ist deshalb simpel:
Ein deutscher Ortsname macht einen Händler nicht automatisch zu einem deutschen Unternehmen.
„Berlin“, „München“ oder „Frankfurt“ können Teil eines Markennamens sein, ohne dass der Betreiber tatsächlich dort ansässig ist.
Genauso wenig beweist eine emotionale Familiengeschichte, dass das Unternehmen seit Jahrzehnten besteht.
Verbraucher sollten deshalb nicht die Geschichte eines Shops prüfen, indem sie nur dessen Startseite lesen.
Sie sollten überprüfen, wer tatsächlich dahintersteht.
Denn genau davon lebt die neue Heimat-Masche: Der Shop verkauft nicht nur Produkte – er verkauft zunächst Vertrauen. Und dieses Vertrauen soll durch deutsche Städtenamen, vermeintliche Tradition und eine emotionale Abschiedsgeschichte entstehen, bevor der Kunde Zeit hat, genauer hinzusehen.