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EU drängt Plastik zurück – doch die Verpackungswende erhöht den Druck auf Europas Wälder

Katja_Kolumna (CC0), Pixabay

Die Europäische Union will den Verbrauch von Kunststoffverpackungen reduzieren und stärker auf recyclingfähige Materialien setzen. Davon könnte insbesondere die Papier- und Zellstoffindustrie profitieren. Doch der zunehmende Einsatz von Papier und Holz hat eine Kehrseite: Für die Produktion werden große Mengen Holz, Energie und Wasser benötigt. Umweltschützer warnen deshalb vor einem wachsenden Druck auf Europas Wälder.

Wie groß dieser Zielkonflikt werden kann, zeigt sich unter anderem im slowakischen Ružomberok. Dort befindet sich eine der bedeutenden Papierfabriken der Region. Das Werk ist wirtschaftlich von großer Bedeutung – gleichzeitig benötigt es enorme Mengen Holz.

Papierfabrik benötigt Holz von Millionen Bäumen

Die Papierproduktion hat in Ružomberok eine lange Tradition. Seit fast 150 Jahren wird dort Papier hergestellt. Das Werk gehört zu 51 Prozent dem britisch-österreichischen Konzern Mondi und zu 49 Prozent dem slowakischen Unternehmer Milan Fiľo.

Seit dem Jahr 2000 hat die Fabrik ihre Produktion nach Angaben des MDR vervierfacht. Rund 90 Prozent der Produktion werden exportiert. Auch deutsche Verbraucher kommen mit den Produkten in Berührung: Aus dem dort produzierten Material entstehen beispielsweise Versandkartons, Tragetaschen und Toilettenpapier.

Der Holzbedarf ist beträchtlich. Nach Angaben des Berichts entspricht der jährliche Verbrauch der Fabrik ungefähr 2,5 Millionen Bäumen.

1.400 Arbeitsplätze hängen direkt am Werk

Für die Region ist die Fabrik gleichzeitig ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Mondi SCP beschäftigt nach eigenen Angaben rund 1.400 Menschen direkt und gilt damit als größter privater Arbeitgeber der Region Liptau. Weitere Arbeitsplätze hängen von Zulieferern und Dienstleistern ab.

Auch bei der Energieversorgung spielt das Werk eine wichtige Rolle. Rund 60 Prozent der Einwohner von Ružomberok sowie nahezu alle Schulen und zahlreiche öffentliche Gebäude werden dem Bericht zufolge mit Fernwärme aus der Papierfabrik versorgt.

Damit wird das Dilemma deutlich: Einerseits schafft die Papierindustrie Arbeitsplätze und trägt zur regionalen Energieversorgung bei, andererseits steigt mit wachsender Produktion der Rohstoffbedarf.

Neue EU-Verpackungsverordnung verändert den Markt

Zusätzlichen Schub könnte die neue EU-Verpackungsverordnung bringen. Sie gilt laut dem vorliegenden Bericht seit dem 12. August 2026.

Ab 2030 schreibt sie eine hohe Recyclingfähigkeit vor und untersagt bestimmte Einwegverpackungen aus Kunststoff. Dazu gehören beispielsweise bestimmte Kunststoffverpackungen für frisches Obst und Gemüse sowie Einwegverpackungen für Speisen und Getränke, die unmittelbar in Cafés und Restaurants verzehrt werden.

Welches Material Kunststoff ersetzen soll, schreibt die Verordnung allerdings nicht vor.

Genau hier sieht die Papier- und Zellstoffindustrie eine wirtschaftliche Chance. Papier besitzt eine hohe Recyclingfähigkeit und könnte einen Teil der wegfallenden Kunststoffverpackungen ersetzen.

Weniger Plastik bedeutet nicht automatisch weniger Ressourcenverbrauch

Ökologisch ist dieser Wechsel allerdings komplexer, als es auf den ersten Blick erscheinen könnte.

Papier wird aus einem nachwachsenden Rohstoff hergestellt und kann wiederverwertet werden. Seine Produktion benötigt jedoch erhebliche Mengen Energie, Wasser und Holz.

Nach einer im MDR-Bericht angeführten WWF-Studie wird bereits heute fast jeder zweite industriell gefällte Baum weltweit zu Papier verarbeitet.

Steigt die Nachfrage nach Papierverpackungen weiter, könnte damit auch der Bedarf an Holz wachsen.

Alte Wälder in Europa besonders knapp

Gleichzeitig sind ursprüngliche oder alte Wälder in Europa inzwischen selten. Laut dem Bericht gelten nur noch knapp drei Prozent der Waldfläche innerhalb der Europäischen Union als alt oder ursprünglich.

Die EU-Biodiversitätsstrategie verfolgt das Ziel, gerade solche Bestände besonders zu schützen.

Damit treffen zwei europäische Umweltziele aufeinander: Einerseits sollen Kunststoffabfälle reduziert und Verpackungen nachhaltiger gestaltet werden. Andererseits sollen Wälder und Biodiversität besser geschützt werden.

Woher stammt das Holz?

Eine entscheidende Frage lautet deshalb, aus welchen Wäldern die benötigten Rohstoffe kommen.

Mondi machte dem Bericht zufolge keine detaillierten Angaben zur konkreten Herkunft des in Ružomberok verarbeiteten Holzes und verwies stattdessen auf FSC- und PEFC-Zertifizierungen für nachhaltigen Holzeinkauf.

Solche Zertifizierungen bedeuten allerdings nicht automatisch, dass ausschließlich ökologisch besonders wertvolle Waldflächen unangetastet bleiben. Intensive Forstwirtschaft kann auch in zertifizierten Wäldern stattfinden.

Der MDR verweist zudem auf eine Greenpeace-Recherche aus dem Jahr 2023. Die Umweltorganisation hatte demnach mit GPS-Sendern versehene Buchenstämme aus einem alten tschechischen Laubwald verfolgt. Die Stämme gelangten bis zur Papierfabrik in Ružomberok.

Holz soll künftig sogar Erdöl ersetzen

Der steigende Holzbedarf beschränkt sich nicht auf Verpackungen. Holz soll zunehmend auch fossile Rohstoffe in der chemischen Industrie ersetzen.

Ein prominentes Beispiel befindet sich in Sachsen-Anhalt.

Im Chemiepark Leuna hat der finnische Konzern UPM für rund 1,3 Milliarden Euro eine Bioraffinerie errichtet. Die Anlage zerlegt Buchenholz in chemische Grundstoffe, aus denen unter anderem Ausgangsmaterialien für PET-Flaschen, Textilien und Kühlmittel hergestellt werden können.

Diese Stoffe werden bislang vielfach aus Erdöl gewonnen.

Im für 2027 geplanten Vollbetrieb soll die Anlage jährlich rund 500.000 Kubikmeter Buchenholz verarbeiten – möglichst aus Wäldern der Region.

Millioneninvestition bringt Arbeitsplätze nach Leuna

Für Sachsen-Anhalt ist die Bioraffinerie zugleich ein bedeutendes Industrieprojekt. Rund 200 Arbeitsplätze sollen entstehen. Das Land unterstützte das Vorhaben mit knapp 20 Millionen Euro.

Politisch wird die Anlage deshalb auch als Entwicklungsperspektive für den traditionsreichen Chemiestandort Leuna und für den Strukturwandel im mitteldeutschen Braunkohlerevier betrachtet.

Umweltverbände wie BUND und Robin Wood warnen dagegen vor zusätzlichen Belastungen für bereits unter Klimawandel und Trockenheit leidende Wälder. UPM verweist seinerseits auf zertifizierte regionale Forstbetriebe und untersucht nach Angaben des Berichts, ob künftig auch schnell wachsende Baumarten wie Birke und Weide verarbeitet werden können.

Verpackungswende wird zur Rohstofffrage

Die Entwicklung macht deutlich, dass die Abkehr von Plastik und Erdöl nicht automatisch sämtliche Umweltprobleme löst. Werden fossile Rohstoffe in großem Umfang durch Holz ersetzt, verlagert sich ein Teil des Ressourcenbedarfs auf die Wälder.

Für die EU entsteht damit ein schwieriger Balanceakt: Verpackungen sollen recyclingfähiger werden, Kunststoffverbrauch und fossile Rohstoffe sollen sinken – gleichzeitig sollen alte Wälder und die biologische Vielfalt besser geschützt werden.

Für Unternehmen in der Papier-, Verpackungs- und Bioökonomie eröffnet die Entwicklung erhebliche wirtschaftliche Chancen. Für den Wald könnte sie dagegen zu einer zusätzlichen Belastungsprobe werden.

Fazit: Die entscheidende Frage der europäischen Verpackungswende lautet deshalb nicht nur „Plastik oder Papier?“. Entscheidend wird sein, wie viel Verpackungsmaterial insgesamt verbraucht wird, wie konsequent Mehrweg- und Recyclingkreisläufe funktionieren und woher das Holz für den wachsenden Bedarf tatsächlich stammt.

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