Dark Mode Light Mode

Ferrostaal Oil & Gas GmbH aus Oestrich-Winkel unter vorläufiger Insolvenzverwaltung

Mohamed_hassan (CC0), Pixabay

Die Ferrostaal Oil & Gas GmbH aus Oestrich-Winkel ist in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Das Amtsgericht Wiesbaden hat am 21. August 2026 um 11.05 Uhr die vorläufige Verwaltung über das Vermögen des international ausgerichteten Anlagenbauunternehmens angeordnet.

Das Verfahren wird beim Amtsgericht Wiesbaden unter dem Aktenzeichen 10 IN 388/26 geführt. Der Firmensitz befindet sich in der Rheingaustraße 13a, 65375 Oestrich-Winkel. Die Gesellschaft ist beim Amtsgericht Wiesbaden unter HRB 27533 im Handelsregister eingetragen und verfügt über ein Stammkapital von 7 Millionen Euro.

Geschäftsführer ist Oliver Wagner.

Spezialist für Anlagen der internationalen Öl und Gasindustrie

Bei der Ferrostaal Oil & Gas GmbH handelt es sich nicht um einen klassischen Öl oder Gasproduzenten. Das Unternehmen ist vielmehr im industriellen Anlagenbau und Engineering für die Öl, Gas, petrochemische und chemische Industrie tätig.

Zum Geschäft gehören die Planung, Konstruktion, Erstellung und der Vertrieb kompletter Anlagen für die Behandlung, den Transport und die Verarbeitung von Erdöl und Erdgas.

Dazu gehören auch einzelne Anlagenteile und Komponenten.

Das Unternehmen übernimmt beziehungsweise übernahm darüber hinaus Dienstleistungen rund um die Montage, Inbetriebnahme, den Betrieb und die Wartung industrieller Anlagen.

Damit reicht das Tätigkeitsfeld von der technischen Planung über Beschaffung und Anlagenbau bis hin zur Inbetriebnahme und Betreuung komplexer Industrieanlagen.

Kompressorstationen, Pipelines und Aufbereitungsanlagen gehören zum Geschäftsfeld

Die Geschäftstätigkeit lässt sich wesentlich konkreter beschreiben als durch den Handelsregistergegenstand allein.

Ferrostaal Oil & Gas bewegt sich in Bereichen wie dem Bau beziehungsweise Engineering von Öl und Gasleitungen, Kompressorstationen, Aufbereitungsanlagen und industriellen Maschinen und Ausrüstungen.

Damit gehört das Unternehmen zu einer Branche, in der einzelne Projekte schnell ein Volumen von vielen Millionen Euro erreichen können.

Solche Anlagen werden beispielsweise benötigt, um Rohöl unmittelbar nach der Förderung aufzubereiten, Erdgas zu behandeln und zu verdichten oder Öl und Gas über größere Entfernungen weiterzutransportieren.

Unternehmen hat Wurzeln in einem traditionsreichen deutschen Anlagenbaugeschäft

Die Geschichte hinter Ferrostaal Oil & Gas reicht deutlich weiter zurück als die heutige Gesellschaft.

Bereits innerhalb der früheren MAN Ferrostaal Gruppe existierte ein umfangreicher Geschäftsbereich für internationale Öl und Gasprojekte.

Zu Beginn der 2000er Jahre wurden beispielsweise Anlagenprojekte in Libyen, Turkmenistan und Iran realisiert beziehungsweise beauftragt.

In Libyen gehörte dazu eine schlüsselfertige Rohölaufbereitungsanlage zur Erschließung eines Ölfeldes. In Turkmenistan wurde eine Kompressorstation für den Weitertransport von Erdgas in Richtung Iran gebaut.

Auch Projekte zur Erweiterung industrieller Anlagen im Iran gehörten zum damaligen internationalen Geschäft.

Diese historischen Projekte sind allerdings der damaligen MAN Ferrostaal Organisation beziehungsweise Vorgängergesellschaften zuzurechnen und dürfen nicht ohne Weiteres der heutigen Ferrostaal Oil & Gas GmbH zugerechnet werden.

Vorgängergesellschaft hieß Rheinmetall International Engineering GmbH

Auch die gesellschaftsrechtliche Geschichte der heutigen Ferrostaal Oil & Gas GmbH ist bemerkenswert.

Die Gesellschaft wurde 2013 gegründet und firmierte zunächst als Rheinmetall International Engineering GmbH.

Im Frühjahr 2017 erfolgte eine entscheidende Neuausrichtung.

Die Gesellschafterversammlung änderte sowohl den Namen als auch den Unternehmensgegenstand. Aus der Rheinmetall International Engineering GmbH wurde die heutige Ferrostaal Oil & Gas GmbH.

Gleichzeitig wurde der Geschäftszweck auf den Anlagenbau für die Erdöl und Erdgasindustrie sowie petrochemische und chemische Industrie ausgerichtet.

Im Mai 2017 wurde Oliver Wagner zum Geschäftsführer bestellt.

Unternehmen war zunächst in Geisenheim ansässig

Der Sitz befand sich ursprünglich im benachbarten Geisenheim.

Dort hatte sich über viele Jahre ein Standort für internationalen Industrie und Anlagenbau entwickelt. Die heutige Ferrostaal Oil & Gas GmbH gehört zu mehreren Folgeunternehmen dieses industriellen Umfelds.

Im Jahr 2020 wurde die Geschäftsanschrift schließlich auf die Rheingaustraße 13a in Oestrich-Winkel verlegt.

Von dort aus wurde das internationale Anlagenbaugeschäft weitergeführt.

Internationale Großprojekte prägen das Geschäftsmodell

Anders als bei einem Unternehmen, das viele kleinere Aufträge abwickelt, ist der internationale Anlagenbau häufig projektorientiert.

Aufträge können sich über Jahre erstrecken und erhebliche finanzielle Volumina erreichen.

Zum Leistungsumfang eines solchen Projektes können Engineering, technische Planung, Beschaffung von Maschinen und Komponenten, Logistik, Montageüberwachung, Inbetriebnahme sowie anschließend Wartung und Betriebsunterstützung gehören.

Für Ferrostaal beziehungsweise seine Vorgängerorganisation sind beispielsweise Projekte in Westafrika, Nordafrika, im Nahen Osten, Zentralasien und weiteren internationalen Märkten dokumentiert.

Aus beruflichen Projektprofilen ehemaliger Mitarbeiter geht beispielsweise hervor, dass Ferrostaal Oil & Gas beziehungsweise das entsprechende Ferrostaal Geschäft an einem EPC Industrieprojekt in Westafrika beteiligt war.

EPC steht für Engineering, Procurement and Construction und beschreibt Projekte, bei denen Planung, Beschaffung und Errichtung aus einer Hand beziehungsweise unter einer zentralen Projektverantwortung abgewickelt werden.

Öl und Gasprojekte mit dreistelligen Millionenvolumen gehörten zum Ferrostaal Umfeld

Die Dimension des Geschäfts zeigt sich auch in historischen Projektbeschreibungen aus dem Ferrostaal Anlagenbau.

Dort werden Öl und Gasprojekte mit dreistelligen Millionen Euro Volumina beschrieben, beispielsweise bei der Ausrüstung und Erschließung von Offshore Öl und Gasfeldern im Nahen Osten.

Auch Projekte im Jemen, in Kasachstan, der Ukraine und weiteren Ländern tauchen im beruflichen Umfeld früherer Ferrostaal Oil & Gas Mitarbeiter auf.

Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig: Nicht jedes historisch unter der Marke Ferrostaal abgewickelte Projekt wurde von der heutigen, 2013 gegründeten Ferrostaal Oil & Gas GmbH durchgeführt.

Das Unternehmen steht jedoch organisatorisch und personell in einer längeren Tradition des internationalen Ferrostaal Anlagenbaus.

Geschäft hängt stark von einzelnen Großprojekten ab

Ein solches Geschäftsmodell bringt besondere wirtschaftliche Risiken mit sich.

Internationale Großanlagen werden häufig über Jahre geplant und errichtet. Verzögerungen, Kostensteigerungen, politische Entwicklungen, Sanktionen, Wechselkursschwankungen oder Zahlungsausfälle können erhebliche Auswirkungen haben.

Hinzu kommt, dass die Öl und Gasindustrie stark von Investitionszyklen abhängig ist. Werden große Förder oder Infrastrukturprojekte verschoben, kann sich dies unmittelbar auf Anlagenbauer und Engineeringunternehmen auswirken.

Ob solche Faktoren die aktuelle wirtschaftliche Krise der Ferrostaal Oil & Gas GmbH verursacht haben, ist allerdings nicht bekannt.

Das Insolvenzgericht nennt keine konkreten Insolvenzursachen.

Jahresabschlüsse wurden regelmäßig veröffentlicht

Die Gesellschaft hat in den vergangenen Jahren weiterhin Jahresabschlüsse veröffentlicht.

Dokumentiert sind unter anderem Abschlüsse für die Geschäftsjahre 2019, 2020, 2021, 2022 und 2023. Der Jahresabschluss 2023 wurde Anfang Januar 2025 veröffentlicht.

Dies zeigt zumindest, dass die Gesellschaft über Jahre hinweg als operatives Unternehmen fortbestand.

Über die aktuelle Auftragslage, laufende Großprojekte und die Höhe der gegenwärtigen Verbindlichkeiten enthält der Insolvenzbeschluss dagegen keine Angaben.

Gericht setzt Prof. Dr. Klaus Pannen als vorläufigen Insolvenzverwalter ein

Das Amtsgericht Wiesbaden hat Rechtsanwalt Prof. Dr. Klaus Pannen aus Frankfurt am Main zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt.

Damit unterliegt die Geschäftsführung ab sofort erheblichen Einschränkungen.

Verfügungen der Ferrostaal Oil & Gas GmbH über ihr Vermögen sind grundsätzlich nur noch mit Zustimmung des vorläufigen Insolvenzverwalters wirksam.

Die Gesellschaft bleibt damit formal handlungsfähig, steht jedoch unter insolvenzrechtlicher Kontrolle.

Geschäftsbetrieb nicht automatisch eingestellt

Die Anordnung der vorläufigen Insolvenzverwaltung bedeutet ausdrücklich nicht, dass Ferrostaal Oil & Gas seinen Geschäftsbetrieb automatisch einstellen muss.

Gerade bei einem internationalen Anlagenbauunternehmen kann eine Fortführung von besonderer Bedeutung sein.

Laufende Projekte können langfristige Verträge, Gewährleistungsverpflichtungen, technische Dokumentationen, internationale Partner und erhebliche offene Forderungen umfassen.

Der vorläufige Insolvenzverwalter wird sich deshalb zunächst einen umfassenden Überblick über die wirtschaftliche Lage verschaffen müssen.

Noch keine endgültige Insolvenzeröffnung

Das eigentliche Insolvenzverfahren ist bislang noch nicht eröffnet.

Das Amtsgericht Wiesbaden hat zunächst lediglich Sicherungsmaßnahmen im Insolvenzeröffnungsverfahren angeordnet.

In dieser Phase muss unter anderem geklärt werden, welcher Insolvenzgrund vorliegt, welche Vermögenswerte vorhanden sind, wie hoch die Verbindlichkeiten sind und ob die Kosten eines regulären Insolvenzverfahrens gedeckt werden können.

Auch mögliche Fortführungs und Sanierungsperspektiven dürften dabei eine wesentliche Rolle spielen.

Traditionsreiches Anlagenbaugeschäft erreicht kritischen Punkt

Die vorläufige Insolvenz der Ferrostaal Oil & Gas GmbH ist insbesondere wegen der industriellen Geschichte des Unternehmensumfeldes bemerkenswert.

Das Unternehmen steht für einen hoch spezialisierten Bereich des deutschen Anlagenbaus: Planung, Konstruktion, Lieferung und Betreuung komplexer Anlagen für die internationale Erdöl, Erdgas, petrochemische und chemische Industrie.

Die Gesellschaft ging 2017 aus der Rheinmetall International Engineering GmbH hervor und knüpfte mit ihrem Geschäft an eine lange Ferrostaal Tradition im internationalen Anlagenbau an.

Nun befindet sich die Ferrostaal Oil & Gas GmbH mit Firmensitz Rheingaustraße 13a, 65375 Oestrich-Winkel selbst in einem Insolvenzeröffnungsverfahren. Das Verfahren wird beim Amtsgericht Wiesbaden unter dem Aktenzeichen 10 IN 388/26 geführt.

Seit dem 21. August 2026 um 11.05 Uhr steht das Unternehmen unter vorläufiger Insolvenzverwaltung. Rechtsanwalt Prof. Dr. Klaus Pannen wurde zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt.

Für die weitere Entwicklung wird vor allem entscheidend sein, welche internationalen Projekte derzeit noch laufen, welche Forderungen daraus bestehen und ob das spezialisierte Öl und Gasanlagengeschäft fortgeführt oder im Rahmen einer Sanierung erhalten werden kann.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Previous Post

Warnungen der englischen Finanzmarktaufsicht FCA

Next Post

Betrugsmasche mit angeblicher Steuererstattung: Phishing-Mail lockt mit ELSTER-Identitätsprüfung