Eine Demenzerkrankung wird häufig vor allem mit Alter, genetischer Veranlagung und unvermeidbaren Veränderungen des Gehirns verbunden. Doch eine große Langzeitstudie aus den USA unterstreicht, dass auch beeinflussbare Faktoren eine erhebliche Rolle spielen können. Besonders drei Risiken stechen hervor: Rauchen, Bluthochdruck und Diabetes. Wer diese Faktoren vermeidet oder frühzeitig behandelt, könnte demnach deutlich länger ohne Demenz leben.
Für die Untersuchung wurden rund 12.000 Menschen über einen außergewöhnlich langen Zeitraum von etwa 30 Jahren beobachtet. Dadurch konnten die Wissenschaftler verfolgen, wie sich gesundheitliche Belastungen in der Lebensmitte Jahrzehnte später auf das Demenzrisiko und die demenzfreie Lebenszeit auswirkten. Das Ergebnis macht deutlich, wie wichtig Prävention bereits lange vor dem höheren Lebensalter sein kann.
Besonders bemerkenswert ist die Größenordnung des beobachteten Unterschieds. Menschen, bei denen keiner der drei genannten Risikofaktoren vorlag, hatten laut der im MDR-Interview erläuterten Studie die Chance auf fast 13 zusätzliche Lebensjahre ohne Demenz. Dabei geht es nicht darum, dass der Verzicht auf Zigaretten oder die Behandlung eines hohen Blutdrucks jedem Menschen automatisch 13 demenzfreie Jahre verschafft. Die Zahl beschreibt vielmehr einen statistischen Unterschied zwischen den untersuchten Gruppen.
Warum ausgerechnet Rauchen, Bluthochdruck und Diabetes?
Alle drei Faktoren sind grundsätzlich beeinflussbar. Rauchen lässt sich beenden oder möglichst ganz vermeiden. Ein erhöhter Blutdruck kann erkannt und behandelt werden. Auch Typ-2-Diabetes lässt sich durch Prävention, Lebensstil und gegebenenfalls medizinische Behandlung beeinflussen.
Gerade der lange Zeitraum der Studie ist dabei interessant. Demenz entwickelt sich häufig nicht plötzlich im hohen Alter. Veränderungen und Risikokonstellationen können sich über Jahrzehnte aufbauen. Deshalb kann es einen Unterschied machen, wie gesund Menschen bereits mit 40 oder 50 Jahren leben.
Regelmäßige Bewegung gehört dabei zu den wichtigen Ansatzpunkten eines gesundheitsbewussten Lebensstils. Sie kann unter anderem helfen, das Herz-Kreislauf-System zu stärken und Risikofaktoren wie erhöhten Blutdruck oder Stoffwechselprobleme günstig zu beeinflussen. Ähnliches gilt für den Rauchstopp: Je früher langfristige Belastungen reduziert werden, desto länger kann der Körper davon profitieren.
Die Ergebnisse stehen nach Einschätzung der Alzheimer Forschungsinitiative nicht isoliert da. Sie passen vielmehr zu einer wachsenden Zahl wissenschaftlicher Untersuchungen, nach denen ein beträchtlicher Teil des Demenzrisikos mit grundsätzlich veränderbaren Lebens- und Gesundheitsfaktoren zusammenhängt.
Besonders bekannt sind die Untersuchungen der Lancet-Kommission. Dort werden inzwischen 14 modifizierbare Risikofaktoren betrachtet. Die Palette geht damit deutlich über Rauchen, Diabetes und Bluthochdruck hinaus. Die grundsätzliche Botschaft ist jedoch ähnlich: Demenz lässt sich zwar nicht in jedem Fall verhindern, aber das persönliche und gesellschaftliche Risiko kann zumindest teilweise beeinflusst werden.
Die Dimension ist beträchtlich. Nach den im MDR-Beitrag genannten Berechnungen könnten weltweit theoretisch bis zu 45 Prozent der Demenzerkrankungen verhindert beziehungsweise vermieden werden, wenn sämtliche identifizierten beeinflussbaren Risikofaktoren ausgeschaltet würden. Für Deutschland wird ein Anteil von rund 36 Prozent genannt.
Solche Zahlen dürfen allerdings nicht als individuelles Versprechen verstanden werden. Auch ein Mensch, der nie raucht, normale Blutdruckwerte besitzt, keinen Diabetes entwickelt und insgesamt gesund lebt, kann an einer Demenz erkranken. Umgekehrt bedeutet ein vorhandener Risikofaktor nicht, dass zwangsläufig eine Demenz auftreten wird. Alter, genetische Faktoren und weitere biologische sowie soziale Einflüsse spielen ebenfalls eine Rolle.
Gerade deshalb liegt die Bedeutung der Forschung weniger in einer Garantie als in einer neuen Perspektive auf Prävention. Wer beispielsweise mit 45 Jahren einen hohen Blutdruck behandeln lässt, tut dies nicht nur, um Herzinfarkt und Schlaganfall vorzubeugen. Eine gute Kontrolle entsprechender Risikofaktoren könnte auch für die langfristige Gesundheit des Gehirns von Bedeutung sein.
Damit verschiebt sich der Blick auf Demenz zunehmend von einer Erkrankung, gegen die erst im hohen Alter etwas unternommen werden kann, hin zu einer Aufgabe über den gesamten Lebensverlauf. Prävention beginnt möglicherweise Jahrzehnte bevor die ersten Gedächtnisprobleme auftreten.
Die Botschaft der Langzeituntersuchung ist deshalb zugleich ermutigend und nüchtern: Niemand kann sich durch einen bestimmten Lebensstil vollständig vor Demenz schützen. Doch Rauchen, unbehandelter Bluthochdruck und Diabetes sind Faktoren, bei denen grundsätzlich Handlungsmöglichkeiten bestehen. Und die neuen Daten legen nahe, dass deren Bedeutung weit über die bekannte Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen hinausreichen könnte.
Fast 13 Jahre Unterschied bei der demenzfreien Lebenszeit zeigen, welche Größenordnung dabei möglich sein kann. Wer früh auf beeinflussbare Risiken achtet, erhält keine Garantie auf ein Leben ohne Demenz – verbessert möglicherweise aber seine Chancen, möglichst viele Jahre mit einem gesunden Gehirn zu verbringen.