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Neue Spur bei Long Covid: SARS-CoV-2 könnte schlummernde Viren reaktivieren

fernandozhiminaicela (CC0), Pixabay

Auch Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie sind die biologischen Ursachen von Long Covid nicht abschließend geklärt. Eine neue Untersuchung liefert nun einen weiteren Erklärungsansatz: Eine schwere SARS-CoV-2-Infektion kann offenbar Viren reaktivieren, die bereits zuvor unbemerkt im Körper vorhanden waren. Besonders im Fokus stehen Herpesviren wie das Epstein-Barr-Virus und das Cytomegalievirus. Ob diese Reaktivierungen Long Covid tatsächlich verursachen, ist allerdings noch nicht bewiesen.

Viele Viren verschwinden nach einer überstandenen Infektion vollständig aus dem Körper. Für einige Erreger gilt das jedoch nicht. Herpesviren können nach der Erstinfektion über Jahre oder sogar lebenslang in einem latenten Zustand im Organismus verbleiben.

Normalerweise hält das Immunsystem diese Viren unter Kontrolle. Unter bestimmten Bedingungen können sie jedoch wieder aktiv werden. Genau dieser Effekt wurde auch im Zusammenhang mit Covid-19 beobachtet.

Die neue Untersuchung stützt sich auf Daten von mehr als tausend Menschen, die wegen Covid-19 stationär behandelt worden waren. Dabei fanden die Wissenschaftler Hinweise darauf, dass bei einem erheblichen Teil der Patienten weitere, bereits im Körper vorhandene Viren reaktiviert wurden.

Epstein-Barr- und Cytomegalievirus im Mittelpunkt

Besonders häufig beobachteten die Forscher eine Reaktivierung des Epstein-Barr-Virus (EBV) und des Cytomegalievirus (CMV). Beide gehören zur Familie der Herpesviren.

EBV ist unter anderem als Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers bekannt. Nach einer Infektion verbleibt das Virus im Körper. Auch CMV kann dauerhaft im Organismus verbleiben und bei einer Reaktivierung erneut biologisch aktiv werden.

Nach den vorgelegten Studiendaten wurde bei fast der Hälfte der untersuchten hospitalisierten Covid-Patienten eine Reaktivierung eines weiteren Virus festgestellt. Das Phänomen beschränkte sich demnach nicht ausschließlich auf ältere oder bereits immungeschwächte Menschen.

EBV wurde besonders während des Krankenhausaufenthalts nachgewiesen. Eine CMV-Reaktivierung ließ sich teilweise noch Wochen später feststellen.

Zusammenhang mit schwereren Covid-Verläufen

Besonders interessant ist eine weitere Beobachtung: Die Reaktivierung von EBV oder CMV ging in der Untersuchung häufiger mit einem schweren Verlauf der akuten Covid-Erkrankung einher.

Darüber hinaus berichteten betroffene Patienten häufiger über Beschwerden, die auch von Long Covid bekannt sind. Dazu gehören beispielsweise starke Erschöpfung, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme beziehungsweise sogenannter „Brain Fog“ sowie psychische Beschwerden.

Genau an diesem Punkt wird die Studie für die Long-Covid-Forschung interessant.

Die Ergebnisse eröffnen die Möglichkeit, dass bei zumindest einem Teil der Betroffenen nicht ausschließlich SARS-CoV-2 selbst für langfristige Beschwerden verantwortlich sein könnte. Denkbar wäre vielmehr eine Kettenreaktion: Die Covid-Erkrankung verändert oder belastet das Immunsystem, latente Viren werden wieder aktiv und diese tragen anschließend zu anhaltenden Symptomen bei.

Zusammenhang bedeutet noch keine Ursache

Bei der Interpretation ist allerdings Zurückhaltung notwendig. Aus der Beobachtung, dass Virusreaktivierungen und bestimmte Langzeitbeschwerden gemeinsam auftreten, folgt noch nicht, dass EBV oder CMV diese Beschwerden tatsächlich verursachen.

Ebenso könnte beispielsweise eine besonders schwere Covid-Erkrankung sowohl die Reaktivierung der Herpesviren als auch spätere gesundheitliche Probleme begünstigen. In diesem Fall wären die reaktivierten Viren möglicherweise eher ein Begleitphänomen als der eigentliche Auslöser von Long Covid.

Die Untersuchung liefert deshalb einen möglichen biologischen Mechanismus, aber noch keinen abschließenden Beweis für die Ursache von Long Covid.

Ein wichtiger Haken: Die Patienten erkrankten 2020

Hinzu kommt eine erhebliche Einschränkung der Untersuchung. Die ausgewerteten Infektionen stammen aus dem Jahr 2020 und damit aus einer völlig anderen Phase der Pandemie.

Die Patienten waren mit frühen SARS-CoV-2-Varianten infiziert. Zudem waren sie weder durch eine vorherige Corona-Infektion noch durch eine Impfung immunologisch vorbereitet.

Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf Menschen übertragen, die sich 2026 mit heutigen Virusvarianten infizieren und durch Impfungen beziehungsweise frühere Infektionen bereits Immunität aufgebaut haben.

Gerade dieser Unterschied könnte entscheidend sein. Eine schwere Erstinfektion mit einem damals neuen Virus stellt das Immunsystem möglicherweise vor andere Herausforderungen als eine heutige Infektion bei bestehender Immunität.

Long Covid dürfte nicht nur eine einzige Ursache haben

Die Virusreaktivierung reiht sich zudem in mehrere Hypothesen zur Entstehung von Long Covid ein. Wissenschaftlich untersucht werden unter anderem anhaltende Veränderungen des Immunsystems und chronische Entzündungsreaktionen sowie weitere biologische Mechanismen.

Diese Erklärungen müssen sich nicht zwangsläufig gegenseitig ausschließen. Long Covid umfasst eine große Bandbreite unterschiedlicher Beschwerden. Es ist daher denkbar, dass bei verschiedenen Patienten unterschiedliche Prozesse beteiligt sind oder mehrere Mechanismen gleichzeitig wirken.

Die Reaktivierung latenter Viren könnte somit einen Teil des Krankheitsbildes erklären, ohne zwangsläufig die universelle Erklärung für sämtliche Long-Covid-Fälle zu sein.

Klinische Studie könnte entscheidende Hinweise liefern

Der nächste Schritt könnte deshalb besonders aufschlussreich werden. Die Forscher wollen untersuchen, ob sich durch Medikamente gegen reaktivierte Viren auch längerfristige Beschwerden beeinflussen lassen.

Ein solcher Ansatz könnte wesentlich stärkere Hinweise auf einen ursächlichen Zusammenhang liefern. Würde die gezielte Unterdrückung eines reaktivierten Virus bestimmte Long-Covid-Symptome deutlich reduzieren, wäre dies ein wichtiger Hinweis darauf, dass das Virus tatsächlich am Krankheitsmechanismus beteiligt ist.

Bis dahin bleibt die neue Studie vor allem eine interessante Spur in einem weiterhin komplexen Forschungsfeld. Sie zeigt, dass eine SARS-CoV-2-Infektion offenbar weitreichendere Auswirkungen auf das Zusammenspiel von Immunsystem und bereits vorhandenen Viren haben kann. Ob darin tatsächlich ein Schlüssel zum Verständnis von Long Covid liegt, müssen weitere Untersuchungen zeigen.

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