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Tschechien setzt auf wohnortnahe Hilfe: Neuer Ansatz in der Psychiatrie soll Klinikaufenthalte vermeiden

TotalShape (CC0), Pixabay

Mit Zentren für psychische Gesundheit baut Tschechien sein Versorgungssystem grundlegend um. Betroffene erhalten schnell Unterstützung direkt in ihrem Alltag statt erst im Krankenhaus. Doch trotz erster Erfolge bremsen Finanzierungsprobleme und Fachkräftemangel den Ausbau.

Psychische Erkrankungen zählen europaweit zu den größten gesundheitspolitischen Herausforderungen. Depressionen, Angststörungen oder Suchterkrankungen belasten Millionen Menschen – gleichzeitig sind Therapieplätze vielerorts knapp und Wartezeiten lang. Tschechien versucht deshalb seit einigen Jahren, neue Wege in der psychiatrischen Versorgung zu gehen.

Im Mittelpunkt der Reform stehen sogenannte Zentren für psychische Gesundheit, die Betroffene möglichst früh und wohnortnah unterstützen. Ziel ist es, psychische Erkrankungen nicht erst im Krankenhaus zu behandeln, sondern Menschen dort zu helfen, wo ihr Alltag stattfindet.

Angst vor alltäglichen Situationen

Wie wichtig ein solcher Ansatz sein kann, zeigt das Beispiel der 27-jährigen Miša aus Tschechien. Sie leidet an einer Sozialen Phobie. Schon alltägliche Situationen wie der Einkauf im Supermarkt lösen starke Angstreaktionen aus.

„Ich analysiere ständig, ob mich jemand bewertet“, beschreibt sie ihre Erkrankung.

Damit die Angst ihren Alltag nicht länger bestimmt, trainiert sie gemeinsam mit der psychiatrischen Krankenpflegerin Dominika Heřmanová regelmäßig genau solche Situationen. Anfangs kamen dabei Hilfsmittel wie Ohrstöpsel, Kopfhörer oder spezielle Brillen zum Einsatz, um Reizüberflutung zu reduzieren. Schritt für Schritt lernte Miša, ihre Ängste besser zu kontrollieren.

Hilfe innerhalb von 48 Stunden

Zusammengefunden haben beide im Zentrum für psychische Gesundheit in Ostrava, einer von inzwischen mehr als 50 Einrichtungen, die nach einem sogenannten Community-Modell arbeiten.

Das Besondere: Wer sich an das Zentrum wendet, erhält innerhalb von 48 Stunden ein erstes Beratungsgespräch. Anschließend entscheidet ein interdisziplinäres Team aus Psychiatern, Psychologen, psychiatrischen Pflegekräften und Sozialarbeitern über die weitere Betreuung.

„Früher waren Patienten gezwungen, einen Spezialisten nach dem anderen abzuklappern“, erklärt Zentrumsleiter Gracián Svačina.

Heute erhalten Betroffene viele Leistungen aus einer Hand. Neben der medizinischen Behandlung spielen auch soziale Fragen eine wichtige Rolle – etwa Wohnsituation, Familie, Arbeit oder finanzielle Probleme.

Therapie findet im Alltag statt

Ein wesentlicher Unterschied zum klassischen Versorgungssystem besteht darin, dass ein großer Teil der Behandlung außerhalb medizinischer Einrichtungen erfolgt.

Die Fachkräfte begleiten Patienten beispielsweise zu Hause, bei Behördengängen oder – wie im Fall von Miša – beim Einkaufen. Dadurch sollen die Betroffenen lernen, mit belastenden Situationen direkt in ihrem gewohnten Umfeld umzugehen.

„Der Community-Ansatz findet im wirklichen Leben der Menschen statt, wir holen sie nicht aus ihrem Umfeld“, betont Svačina.

Die Betreuung ist dabei zeitlich begrenzt. Ziel ist es, Menschen so weit zu stabilisieren, dass sie ihren Alltag wieder möglichst selbstständig bewältigen können.

Weniger Klinikaufenthalte als Ziel

Mit der Reform verfolgt Tschechien ein klares Ziel: Die Zahl stationärer Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken soll sinken.

Dazu arbeiten die Zentren eng mit psychiatrischen Krankenhäusern zusammen und übernehmen einen Teil der Betreuung nach einer Entlassung oder sogar schon vor einem möglichen Klinikaufenthalt.

Finanziert wird der Ausbau unter anderem mit EU-Fördermitteln. Vorbilder für das tschechische Modell sind Versorgungssysteme aus Italien und Großbritannien, in denen gemeindenahe psychiatrische Angebote bereits seit Jahren etabliert sind.

Ausbau verläuft langsamer als geplant

Trotz erster Erfolge kommt die Reform langsamer voran als ursprünglich vorgesehen.

Bis zum Jahr 2030 sollen landesweit 100 Zentren für psychische Gesundheit entstehen. Seit Beginn der Reform im Jahr 2018 wurden jedoch erst 52 Einrichtungen eröffnet.

Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bremsen insbesondere Finanzierungslücken und der anhaltende Fachkräftemangel den Ausbau.

Die tschechische Regierung hält dennoch an ihrem Ziel fest. Der nationale Aktionsplan werde derzeit überarbeitet, das Vorhaben von 100 Zentren bleibe jedoch bestehen.

Erste Erfolge bereits sichtbar

Die bisherigen Ergebnisse sprechen aus Sicht der WHO für den eingeschlagenen Weg.

Die Zahl der Menschen, die die Zentren nutzen, steigt kontinuierlich. Bereits 2022 wurden mehr als 6.000 Patientinnen und Patienten betreut. Gleichzeitig gingen kurzfristige Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken zurück – ein Hinweis darauf, dass frühzeitige ambulante Unterstützung stationäre Behandlungen teilweise ersetzen kann.

Auch das Zentrum in Ostrava wächst weiter und zieht demnächst in ein modernes, ebenfalls mit EU-Mitteln saniertes Gebäude um.

Mehr Selbstvertrauen durch wohnortnahe Unterstützung

Für Miša hat sich der neue Therapieansatz bereits ausgezahlt. Einkaufszentren oder andere soziale Situationen verursachen zwar weiterhin Stress, doch sie kann ihre Ängste inzwischen deutlich besser bewältigen.

„Es hat mir geholfen, wieder etwas Selbstvertrauen in mich zu gewinnen“, sagt sie.

Ihr Beispiel zeigt, worauf die Reform letztlich abzielt: Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht nur medizinisch zu behandeln, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, ihren Alltag wieder selbstbestimmt zu gestalten.

Fazit

Mit den Zentren für psychische Gesundheit verfolgt Tschechien einen modernen, patientennahen Ansatz, der medizinische und soziale Unterstützung miteinander verbindet. Schnelle Hilfe, ambulante Betreuung und Therapie im gewohnten Lebensumfeld sollen Krankenhausaufenthalte vermeiden und Betroffenen mehr Selbstständigkeit ermöglichen. Die bisherigen Erfahrungen sind vielversprechend, doch der Ausbau kommt langsamer voran als geplant. Finanzierungsprobleme und der Mangel an Fachkräften bleiben die größten Herausforderungen auf dem Weg zu einem flächendeckenden Versorgungssystem.

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