Der Onlinehandel boomt seit Jahren. Mit wenigen Klicks bestellen Verbraucher Kleidung, Elektrogeräte oder Haushaltswaren bequem nach Hause. Doch ein erheblicher Teil dieser Bestellungen wird wieder zurückgeschickt. Was viele Kunden nicht wissen: Ein Teil dieser Retouren landet anschließend nicht erneut im Verkauf, sondern wird vernichtet – obwohl die Produkte häufig noch vollständig funktionstüchtig sind.
Nach Einschätzung des Wirtschaftswissenschaftlers Björn Asdecker von der Universität Bamberg werden jährlich zwischen 15 und 20 Millionen retournierte Artikel in Deutschland entsorgt. Rund die Hälfte davon wäre nach seinen Untersuchungen grundsätzlich noch nutzbar oder könnte erneut verkauft werden.
Wirtschaftlichkeit schlägt Nachhaltigkeit
Aus Sicht vieler Unternehmen ist die Entscheidung rein betriebswirtschaftlich. Die Prüfung einer Rücksendung, ihre Reinigung, Reparatur, Neuverpackung oder erneute Einlagerung verursachen Kosten. Besonders bei günstigen Produkten übersteigen diese Aufwendungen häufig den möglichen Verkaufserlös.
Vor allem preiswerte Textilien, kleine Elektrogeräte oder Saisonartikel werden deshalb oftmals aussortiert, obwohl sie technisch einwandfrei funktionieren.
Hinzu kommen strategische Überlegungen vieler Hersteller. Restbestände älterer Kollektionen sollen häufig nicht erneut auf den Markt gelangen, weil sie den Verkauf aktueller Produkte beeinträchtigen könnten. Statt auf Wiederverwertung setzen einige Unternehmen deshalb auf die Vernichtung überschüssiger Waren.
Millionen funktionstüchtiger Produkte betroffen
Besonders betroffen sind nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler Elektrogeräte und Textilien.
Von Wasserkochern über Fernseher bis hin zu Kleidungsstücken werden täglich tausende Produkte retourniert. Ein Teil davon weist lediglich geöffnete Verpackungen oder kleinere Gebrauchsspuren auf und wäre problemlos weiter nutzbar.
Dennoch verschwinden viele dieser Artikel aus wirtschaftlichen Gründen dauerhaft aus dem Warenkreislauf.
Für Umwelt- und Verbraucherschützer ist dies ein erhebliches Problem. Denn jedes entsorgte Produkt enthält Rohstoffe, Energie und Arbeitsleistung, die bei Herstellung, Transport und Vertrieb bereits eingesetzt wurden.
Große Unterschiede innerhalb der Branche
Die Untersuchung zeigt jedoch auch, dass längst nicht alle Unternehmen gleich handeln.
Während einige Händler ihre Retouren konsequent aufbereiten, reparieren oder als sogenannte B-Ware verkaufen, geben andere kaum Auskunft über den Umgang mit Rücksendungen.
Nach Angaben des Forschers reagieren manche Unternehmen auf entsprechende Nachfragen sehr zurückhaltend. Gerade dort, wo Retouren regelmäßig vernichtet werden, fehle häufig die Bereitschaft, Zahlen oder Abläufe offenzulegen.
Demgegenüber gebe es Unternehmen, die Nachhaltigkeit bewusst als Bestandteil ihres Geschäftsmodells verstehen und transparent über ihre Prozesse informieren.
Musikhändler zeigt nachhaltige Alternative
Wie ein ressourcenschonender Umgang mit Retouren funktionieren kann, zeigt ein großes Musikhandelsunternehmen im oberfränkischen Burgebrach.
Dort werden jeden Monat rund 60.000 Rücksendungen bearbeitet. Mitarbeitende prüfen jedes zurückgesandte Produkt sorgfältig auf Vollständigkeit, technische Funktion und mögliche Beschädigungen.
Geräte mit kleineren Mängeln werden in betriebseigenen Werkstätten repariert. Anschließend gelangen sie als sogenannte B-Ware erneut in den Verkauf – zu einem reduzierten Preis.
Rund 100 Beschäftigte arbeiten dort allein im Reparaturbereich. Selbst komplexe Technik wie Mischpulte oder Musikinstrumente wird instand gesetzt und erneut angeboten.
Nach Angaben des Unternehmens werden grundsätzlich alle retournieren Produkte wiederverwertet, sofern kein irreparabler Transportschaden vorliegt.
Reparatur spart Rohstoffe und CO₂
Aus ökologischer Sicht bietet die Wiederverwendung erhebliche Vorteile.
Jeder reparierte oder erneut verkaufte Artikel spart Rohstoffe, Energie und Treibhausgasemissionen ein. Gleichzeitig werden weniger neue Produkte hergestellt und transportiert.
Gerade im Elektronikbereich ist dies von großer Bedeutung. Für die Herstellung vieler Geräte werden seltene Metalle und andere wertvolle Rohstoffe benötigt, deren Gewinnung erhebliche Umweltbelastungen verursacht.
Auch Textilien verursachen bereits bei Produktion und Transport hohe Mengen an Wasserverbrauch und CO₂-Emissionen.
Wissenschaft fordert Transparenzpflicht
Nach Auffassung der Universität Bamberg reicht freiwilliges Engagement einzelner Unternehmen jedoch nicht aus.
Die Forschenden sprechen sich dafür aus, Händler künftig gesetzlich zu verpflichten, offenzulegen, wie viele Retouren zurückgesendet, wiederverkauft, gespendet, repariert oder vernichtet werden.
Nur mit solchen Daten lasse sich das tatsächliche Ausmaß der Vernichtung überhaupt beurteilen und wirksam regulieren.
Darüber hinaus fordern die Wissenschaftler klare gesetzliche Sanktionen, wenn funktionsfähige Waren ohne zwingenden Grund entsorgt werden.
Verbraucher können ebenfalls Einfluss nehmen
Auch Konsumenten tragen nach Ansicht von Experten Verantwortung.
Wer Produkte gezielt auswählt, Bewertungen sorgfältig liest oder Größen vor dem Kauf überprüft, kann unnötige Retouren vermeiden. Ebenso gewinnen refurbished Produkte und B-Ware zunehmend an Bedeutung. Sie bieten häufig deutliche Preisvorteile und verlängern gleichzeitig die Nutzungsdauer bereits produzierter Waren.
Politik steht unter Handlungsdruck
Die Diskussion über Retourenvernichtung gewinnt angesichts wachsender Nachhaltigkeitsziele zunehmend an Bedeutung. Während immer mehr Unternehmen mit Umwelt- und Klimaschutz werben, bleibt die Entsorgung gebrauchsfähiger Produkte ein Widerspruch, der zunehmend kritisch gesehen wird.
Experten sind sich einig, dass freiwillige Maßnahmen allein nicht ausreichen werden. Mehr Transparenz, strengere gesetzliche Vorgaben und wirtschaftliche Anreize für Reparatur und Wiederverwendung könnten dazu beitragen, die Vernichtung millionenfach nutzbarer Produkte deutlich zu reduzieren.
Der Umgang mit Retouren ist damit längst nicht mehr nur eine betriebswirtschaftliche Entscheidung. Er entwickelt sich zunehmend zu einer zentralen Frage nachhaltigen Wirtschaftens – und zu einem Prüfstein dafür, wie ernst Unternehmen ihre Verantwortung gegenüber Umwelt und Gesellschaft tatsächlich nehmen.