Der öffentliche Nahverkehr in Deutschland steuert auf ein massives Personalproblem zu. Einer aktuellen Studie des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (Kofa) am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) zufolge wird in den kommenden Jahren ein erheblicher Teil der Fahrerinnen und Fahrer altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheiden. Die Folgen könnten Millionen Fahrgäste unmittelbar zu spüren bekommen – mit häufigeren Ausfällen, ausgedünnten Fahrplänen und einem weiter steigenden Druck auf die Verkehrsunternehmen.
Die Zahlen verdeutlichen die Dimension der Herausforderung: Rund 40 Prozent aller Bus- und Straßenbahnfahrerinnen und -fahrer sind inzwischen mindestens 55 Jahre alt. Das bedeutet, dass innerhalb der nächsten anderthalb Jahrzehnte ein großer Teil der heutigen Belegschaft in den Ruhestand wechseln wird. Nach Berechnungen der Studie werden bis zum Jahr 2041 mehr als 60.000 Fahrerinnen und Fahrer den Arbeitsmarkt verlassen.
Schon heute kämpfen zahlreiche Verkehrsbetriebe mit einem akuten Fachkräftemangel. Personalengpässe führen immer wieder dazu, dass Fahrten kurzfristig ausfallen oder Linien eingeschränkt werden müssen. Kofa-Studienautor Jurek Tiedemann warnt deshalb davor, dass sich diese Entwicklung deutlich verschärfen könnte. Ohne ausreichend Nachwuchs drohten Personalengpässe zum Dauerproblem zu werden.
Verkehrswende gerät unter Druck
Die Entwicklung trifft den öffentlichen Nahverkehr in einer Phase, in der Bund, Länder und Kommunen eigentlich deutlich mehr Menschen für Bus und Bahn gewinnen wollen. Klimaschutz, Verkehrswende und das Deutschlandticket setzen auf einen leistungsfähigen ÖPNV. Doch genau dieser Ausbau könnte am fehlenden Personal scheitern.
Neue Busse oder zusätzliche Bahnverbindungen nützen wenig, wenn niemand sie fahren kann. Bereits heute verzichten manche Verkehrsunternehmen auf Angebotsausweitungen, weil Fahrerinnen und Fahrer fehlen. Statt eines dichteren Taktes müssen vielerorts bestehende Verbindungen stabilisiert werden.
Warum der Beruf immer weniger attraktiv wirkt
Die Gründe für den Nachwuchsmangel sind vielfältig. Bus- und Straßenbahnfahrer arbeiten häufig im Schichtdienst, auch nachts, an Wochenenden und Feiertagen. Hinzu kommen hoher Zeitdruck, zunehmende Verkehrsbelastung sowie immer häufiger Konflikte mit aggressiven Fahrgästen.
Auch die Bezahlung wird von Gewerkschaften seit Jahren als nicht konkurrenzfähig kritisiert – insbesondere angesichts der hohen Verantwortung, die Fahrer täglich für hunderte Fahrgäste übernehmen. Viele junge Menschen entscheiden sich deshalb für andere Berufe mit geregelteren Arbeitszeiten oder besseren Verdienstmöglichkeiten.
Unternehmen suchen neue Wege
Um gegenzusteuern, setzen Verkehrsunternehmen verstärkt auf Quereinsteiger. Viele Betriebe finanzieren mittlerweile den Busführerschein, bieten bezahlte Qualifizierungen oder werben gezielt um Frauen, ältere Beschäftigte und Menschen mit Migrationsgeschichte. Auch die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland gewinnt zunehmend an Bedeutung.
Dennoch warnen Arbeitsmarktexperten, dass diese Maßnahmen allein kaum ausreichen dürften. Der demografische Wandel trifft nahezu alle Branchen gleichzeitig. Damit konkurrieren Verkehrsunternehmen um dieselben Arbeitskräfte wie Logistikunternehmen, Handwerksbetriebe oder die Pflege.
Mehr als ein Branchenproblem
Der Fahrermangel entwickelt sich zunehmend zu einem gesellschaftlichen Problem. Fällt der öffentliche Nahverkehr aus oder wird unzuverlässiger, betrifft das nicht nur Pendler. Schülerinnen und Schüler, ältere Menschen sowie Bürgerinnen und Bürger ohne eigenes Auto sind besonders auf funktionierende Bus- und Bahnverbindungen angewiesen.
Die Studie macht deshalb deutlich, dass der Fachkräftemangel im ÖPNV weit über ein Personalproblem einzelner Unternehmen hinausgeht. Er könnte zu einem entscheidenden Hindernis für die Verkehrswende werden. Ohne ausreichenden Nachwuchs droht ausgerechnet jener Bereich ins Stocken zu geraten, der künftig eine zentrale Rolle für klimafreundliche Mobilität spielen soll.
Die kommenden Jahre werden daher entscheidend sein. Verkehrsunternehmen, Politik und Ausbildungseinrichtungen stehen unter erheblichem Druck, den Beruf attraktiver zu machen und genügend neue Fahrerinnen und Fahrer zu gewinnen. Gelingt das nicht, könnten Verspätungen, Fahrtausfälle und eingeschränkte Angebote für viele Fahrgäste schon bald zum neuen Alltag gehören.