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„Missbrauch statt Modelkarriere“: Neue Recherchen enthüllen Epsteins europäisches Rekrutierungsnetzwerk

whitedaemon (CC0), Pixabay

Jahre nach dem Tod des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein kommen immer neue Details über das Ausmaß seines internationalen Missbrauchssystems ans Licht. Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung legen nun nahe, dass Epstein gezielt ein Netzwerk vermeintlicher Modelscouts in Europa nutzte, um junge Frauen für sich zu gewinnen. Die Frauen wurden mit Versprechen einer internationalen Modelkarriere angelockt – und gerieten stattdessen offenbar in ein System aus Manipulation, Abhängigkeit und sexueller Ausbeutung.

Grundlage der Recherchen sind unter anderem Akten, die vom US-Justizministerium veröffentlicht wurden. Die Dokumente zeichnen das Bild eines professionell organisierten Rekrutierungsapparats, der weit über die Vereinigten Staaten hinausreichte und offenbar auch zahlreiche europäische Länder umfasste.

Lockangebote für junge Frauen

Nach den Recherchen sollen mindestens fünf Personen im Auftrag oder Umfeld Epsteins als angebliche Talentscouts tätig gewesen sein. Sie sprachen gezielt junge Frauen an, häufig in Alltagssituationen, auf der Straße, in Einkaufszentren oder an öffentlichen Orten. Den Frauen wurden Kontakte zur internationalen Modebranche, lukrative Aufträge und eine Karriere als Model in Aussicht gestellt.

Viele der Betroffenen befanden sich in einer Lebensphase, in der sie von einer beruflichen Zukunft im Modelgeschäft träumten. Gerade junge Frauen aus wirtschaftlich schwächeren Verhältnissen oder aus Osteuropa seien besonders anfällig für die Versprechungen gewesen.

Nach Angaben der Journalisten konnten mindestens 19 europäische Frauen namentlich identifiziert werden, die offenbar über dieses Netzwerk mit Epstein in Kontakt kamen. Aufgrund unvollständiger Dokumente und geschwärzter Akten gehen die Rechercheure jedoch davon aus, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegen könnte.

Fotos, Bewertungen und Auswahlverfahren

Die Dokumente zeigen, dass die vermeintlichen Scouts zunächst Fotos der Frauen sammelten und diese an Epstein weiterleiteten. Neben den Bildern wurden offenbar auch Informationen wie Alter, Herkunft und Nationalität übermittelt.

Gefielen Epstein die eingesandten Fotos, wurde häufig ein weiteres Kennenlernen organisiert. Dieses fand entweder über Videotelefonie-Dienste wie Skype oder direkt an einem seiner Wohnsitze statt.

Die Recherchen legen nahe, dass junge Frauen dabei systematisch nach ihrem Aussehen und ihrer vermeintlichen Eignung ausgewählt wurden. Das Verfahren erinnert nach Einschätzung von Experten weniger an klassische Talentförderung als vielmehr an eine gezielte Rekrutierung potenzieller Opfer.

Der Fall „Mara“

Eine der identifizierten Frauen ist eine heute erwachsene Osteuropäerin, die in den Berichten unter dem Pseudonym „Mara“ geführt wird.

Sie schildert, wie sie Mitte der 2000er-Jahre in einem Nagelstudio in Spanien von einem Mann angesprochen wurde. Dieser stellte sich als gut vernetzter Akteur der Modebranche vor und machte ihr Hoffnungen auf eine Karriere als Model.

„Als ich das hörte, war ich natürlich total begeistert, denn ich wollte schon immer Model werden“, wird sie in den Recherchen zitiert.

Wie viele andere junge Frauen erkannte sie zunächst nicht, dass hinter den Versprechen möglicherweise ganz andere Absichten standen. Statt einer professionellen Karriereplanung sei sie letztlich in ein Umfeld geraten, das von Machtgefällen, Abhängigkeiten und sexueller Ausbeutung geprägt gewesen sei.

Europa als Rekrutierungsgebiet

Besonders bemerkenswert an den neuen Erkenntnissen ist die internationale Dimension des Netzwerks. Während frühere Berichte vor allem die Aktivitäten Epsteins in den USA beleuchteten, zeigen die aktuellen Recherchen, dass Europa offenbar eine wichtige Rolle bei der Suche nach jungen Frauen spielte.

Scouts sollen in verschiedenen Ländern aktiv gewesen sein und dort gezielt nach potenziellen Kandidatinnen gesucht haben. Neben Spanien werden in den Akten unter anderem weitere europäische Staaten sowie Russland erwähnt.

Die Recherchen deuten darauf hin, dass Epstein von einem weit verzweigten Netzwerk profitierte, das ihm Zugang zu jungen Frauen aus unterschiedlichen Ländern verschaffte.

Hohe Dunkelziffer vermutet

Die Journalisten weisen ausdrücklich darauf hin, dass die identifizierten 19 Fälle vermutlich nur einen kleinen Teil des tatsächlichen Ausmaßes darstellen.

Viele Dokumente sind unvollständig, zahlreiche Namen geschwärzt oder nur fragmentarisch erhalten. Zudem dürften viele Betroffene bis heute nicht öffentlich über ihre Erfahrungen gesprochen haben.

Experten gehen deshalb davon aus, dass die tatsächliche Zahl der europäischen Frauen, die in Kontakt mit Epsteins Netzwerk kamen, deutlich höher liegen könnte.

Der Schatten eines globalen Skandals

Der Fall Jeffrey Epstein zählt zu den größten Missbrauchsskandalen der vergangenen Jahrzehnte. Der US-Milliardär wurde bereits 2008 wegen Sexualdelikten verurteilt. Nach seiner erneuten Festnahme im Jahr 2019 starb er unter bis heute umstrittenen Umständen in einer Gefängniszelle in New York.

Seitdem beschäftigen sich Ermittler, Journalisten und Gerichte weltweit mit der Aufarbeitung seines Netzwerks. Immer wieder werden neue Verbindungen, Helfer und mutmaßliche Mittäter bekannt.

Die aktuellen Recherchen machen deutlich, dass das System Epstein offenbar weit internationaler organisiert war als lange angenommen. Die gezielte Ansprache junger Frauen über vermeintliche Modelkarrieren zeigt, wie professionell und strategisch das Netzwerk vorging.

Für viele Betroffene bedeutete der Traum von einer Karriere in der Modewelt letztlich nicht den erhofften beruflichen Aufstieg, sondern den Beginn eines traumatischen Kapitels ihres Lebens.

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