Mit kaum einem anderen Medikament wurde weltweit zuletzt so viel Umsatz erzielt wie mit Keytruda. Der Wirkstoff gilt als Hoffnungsträger in der Krebstherapie – und zugleich als Symbol für ein wachsendes Problem: steigende Arzneimittelpreise, die Gesundheitssysteme zunehmend belasten. Experten warnen bereits, dass einzelne Präparate an die Grenzen der Finanzierbarkeit stoßen. Doch wie entstehen diese Preise überhaupt?
Ein System mit vielen Beteiligten
In Deutschland ist die Preisbildung für Medikamente kein freier Markt im klassischen Sinne, sondern ein komplex reguliertes Verfahren. Eine zentrale Rolle spielt der Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA), der darüber entscheidet, welche Leistungen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden.
Im Gremium sitzen Vertreter der Krankenkassen und der medizinischen Leistungserbringer – etwa Ärzte und Krankenhäuser. Die Pharmaindustrie selbst hat dort kein Stimmrecht. Patienten sind zwar vertreten, dürfen jedoch nicht abstimmen. Kommt es zu keiner Einigung, entscheidet ein Schlichtungsgremium.
Freie Preise zum Start – dann folgt die Bewertung
Die Besonderheit: Wenn ein neues, patentgeschütztes Medikament auf den Markt kommt, darf der Hersteller den Preis zunächst selbst festlegen. Erst im Anschluss greift das sogenannte Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG).
Im Rahmen dieses Gesetzes wird geprüft, ob das neue Präparat einen sogenannten Zusatznutzen gegenüber bestehenden Therapien hat. Diese Bewertung übernimmt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen im Auftrag des G-BA.
Der Zusatznutzen als Preistreiber
Die entscheidende Frage lautet: Ist das neue Medikament besser als bereits verfügbare Behandlungen? Ein Zusatznutzen kann sich etwa durch höhere Wirksamkeit oder geringere Nebenwirkungen ergeben.
Wird ein solcher Vorteil anerkannt, verhandeln der Hersteller und der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen einen Erstattungspreis. Dabei gilt die Logik: Mehr Nutzen rechtfertigt einen höheren Preis.
Gerade bei innovativen Krebsmedikamenten wie Keytruda führt dieses Prinzip häufig zu sehr hohen Kosten – mit erheblichen Auswirkungen auf die Budgets der Krankenkassen.
Kritik: Ungleichgewicht im System
Gesundheitsökonom Joachim Kugler sieht die Verantwortung bei mehreren Akteuren: Pharmaunternehmen, Krankenkassen und Politik. Ein zentraler Kritikpunkt: Der Hersteller kann den Preis zunächst frei festlegen – noch bevor der tatsächliche Nutzen unabhängig bewertet wurde.
Zudem wird bemängelt, dass wenige große Pharmakonzerne den Markt dominieren. Diese Marktmacht kann Preise zusätzlich nach oben treiben, insbesondere bei lebenswichtigen Medikamenten mit begrenzten Alternativen.
Zwischen Innovation und Finanzierbarkeit
Das bestehende System versucht, zwei Ziele miteinander zu verbinden: Innovation zu fördern und gleichzeitig die Kosten im Griff zu behalten. Doch genau dieser Spagat wird zunehmend schwieriger.
Während neue Therapien medizinische Durchbrüche ermöglichen, wächst gleichzeitig der finanzielle Druck auf das Gesundheitssystem. Die Debatte um überhöhte Arzneimittelpreise dürfte daher weiter an Bedeutung gewinnen – nicht zuletzt, weil sie eine grundlegende Frage berührt: Was darf Gesundheit kosten?