Die internationale Schifffahrtsbranche warnt davor, für die Passage durch die Straße von Hormus Gebühren an den Iran zu zahlen. Hintergrund ist die angespannte Lage nach dem jüngsten Waffenstillstand: Obwohl die Vereinbarung eigentlich auch die Wiederöffnung der wichtigen Meerenge umfassen sollte, bleibt der Schiffsverkehr dort weiterhin massiv eingeschränkt.
Iran hat zuletzt signalisiert, dass Schiffe künftig möglicherweise eine Genehmigung Teherans benötigen – andernfalls könnten sie weiterhin „angegriffen und zerstört“ werden. Zudem steht der Vorwurf im Raum, dass Teheran für eine sichere Durchfahrt Transitgebühren verlangen könnte.
Branche lehnt Zahlungen an Iran klar ab
Phillip Belcher vom Tanker-Verband Intertanko, der rund 190 unabhängige Reedereien und mehr als die Hälfte der weltweiten Öltankerflotte vertritt, kritisierte diese Überlegungen scharf.
„Wir halten es für falsch, Mautgebühren zu zahlen“, sagte Belcher der BBC. Es sei „erstaunlich“, dass dies überhaupt als möglicher Ausgangspunkt für Verhandlungen im Raum stehe.
Intertanko empfiehlt seinen Mitgliedern derzeit weiterhin, die Straße von Hormus nicht zu befahren. Die Lage sei zu unsicher, ein Angriff könne jederzeit erfolgen.
„De-facto-Kontrolle durch das iranische Militär“
Belcher erklärte, die Meerenge sei erst dann wieder sicher, wenn es einen dauerhaften Stopp aller Angriffe auf Schiffe gebe und eine Art internationale Schutz- oder Überwachungsstruktur eingerichtet werde. Entscheidend sei, dass Iran nicht die faktische Kontrolle über die Passage behalte.
Seine Einschätzung fällt deutlich aus:
„Im Moment steht die Straße von Hormus de facto unter der Kontrolle des iranischen Militärs.“
Besonders brisant: Die Iranischen Revolutionsgarden (IRGC), die große Teile der iranischen Wirtschaft kontrollieren, gelten in den USA und der EU als Terrororganisation. Zahlungen an eine solche Struktur seien deshalb hochproblematisch.
Mautpläne widersprechen internationalem Seerecht
Nach Medienberichten soll Teheran erwägen, pro Schiff bis zu zwei Millionen Dollar für die Durchfahrt zu verlangen. Das Geld könnte demnach zwischen Iran und Oman aufgeteilt werden, den beiden Anrainerstaaten der Meerenge.
Belcher bezeichnete das als klaren Verstoß gegen internationales Recht. Internationale Meerengen seien für die freie Schifffahrt bestimmt – nicht für politische Erpressung oder neue Abgaben.
Auch Arsenio Dominguez, Generalsekretär der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO), betonte gegenüber der BBC, dass das Recht auf freie Navigation in internationalen Meerengen respektiert werden müsse. Es dürften dort keine Maut- oder Zugangsbeschränkungen eingeführt werden.
Waffenstillstand ohne Wirkung auf den Schiffsverkehr
Die Hoffnung, dass der am Dienstag vereinbarte Waffenstillstand die Lage entspannen würde, hat sich bislang nicht erfüllt. Im Gegenteil: Die Gespräche zwischen den USA und dem Iran über die Details der Feuerpause gelten als fragil. Gleichzeitig dauern Luftangriffe in Israel und im Libanon an, und die Blockade der Straße von Hormus bleibt bestehen.
US-Vizepräsident JD Vance trifft sich in Islamabad mit Vertretern der iranischen Regierung, um die Vereinbarung zu konkretisieren. Doch schon jetzt zeigt sich: Der Waffenstillstand ist politisch wackelig – und für die Schifffahrt bislang nahezu wirkungslos.
Nur noch ein Bruchteil des normalen Tankerverkehrs
Die Zahlen zeigen, wie dramatisch die Lage ist:
- Seit Dienstag passierten nur noch 15 Schiffe die Straße von Hormus
- Vor Ausbruch des Konflikts waren es im Schnitt fast 140 Schiffe pro Tag
- Rund 800 Schiffe sitzen derzeit im Golf fest, viele davon bereits voll beladen
Über die Straße von Hormus laufen normalerweise rund 20 Prozent des weltweiten Öl- und Gastransports. Je länger die Blockade anhält, desto größer werden die Folgen für die Weltwirtschaft.
Weltweite Folgen für Energie, Lebensmittel und Medikamente
Die Auswirkungen reichen weit über den Energiemarkt hinaus. Neben Öl und Gas betrifft die Blockade auch den Transport von Düngemitteln, was wiederum Folgen für Lebensmittelpreise haben kann.
Experten warnen deshalb vor steigenden Preisen bei:
- Kraftstoffen
- Strom
- Lebensmitteln
- Medikamenten
Die Straße von Hormus ist damit erneut zum geopolitischen Nadelöhr geworden – mit potenziell globalen Konsequenzen.
Reedereien fordern Sicherheitsgarantien
Auch andere Reedereien bleiben auf Distanz. Erik Hanell, Chef der schwedischen Tankerfirma Stena Bulk, sagte, sein Unternehmen werde die Passage erst wieder nutzen, wenn vollständige Sicherheit für die Besatzungen garantiert sei.
„Wir brauchen Sicherheitsgarantien“, sagte Hanell.
Sein Unternehmen habe derzeit keinen direkten Kontakt mit iranischen Stellen und werde keine Gebühren zahlen, solange es keine klaren offiziellen Regelungen gebe.
Sein Vergleich ist deutlich:
„Langfristig wäre es so, als müsste man Gebühren zahlen, um den Ärmelkanal zu benutzen.“
Fazit
Die Lage in der Straße von Hormus bleibt hochgefährlich. Trotz Waffenstillstand bewegt sich der Schiffsverkehr kaum, die Reedereien halten Abstand – und die Vorstellung, Iran könnte künftig für die Durchfahrt kassieren, sorgt international für massiven Widerstand.
Für die Branche ist klar:
Freie Schifffahrt in internationalen Gewässern darf nicht zur Verhandlungsmasse werden.