Die Zahl der Existenzgründungen in Deutschland ist deutlich gestiegen. Laut einer Studie der KfW wagten im vergangenen Jahr rund 690.000 Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit – ein Plus von etwa 18 Prozent. Auffällig dabei: Der Anstieg kommt vor allem durch Gründungen im Nebenerwerb zustande.
Haupttreiber: steigende Lebenshaltungskosten
Der wichtigste Grund für diese Entwicklung liegt in der finanziellen Realität vieler Haushalte. Steigende Preise für Energie, Miete und Lebensmittel setzen Einkommen zunehmend unter Druck.
Für viele Menschen wird eine zusätzliche Einnahmequelle daher zur Notwendigkeit. Eine Nebentätigkeit in Form einer kleinen Selbstständigkeit bietet dabei mehrere Vorteile:
- flexible Zeiteinteilung
- zusätzliche Einnahmen ohne sofortige Aufgabe des Hauptjobs
- Möglichkeit, Risiken zu begrenzen
Aus wirtschaftlicher Sicht handelt es sich also weniger um einen klassischen Gründerboom aus Innovationslust, sondern vielmehr um eine Anpassungsreaktion auf steigende Kosten.
Nebenerwerb statt klassischem Unternehmertum
Der starke Zuwachs bei Nebenerwerbsgründungen zeigt eine klare Verschiebung:
Viele Gründungen entstehen nicht aus dem Ziel, ein großes Unternehmen aufzubauen, sondern dienen primär der Einkommenssicherung.
Typische Beispiele sind:
- Onlinehandel oder Dienstleistungen
- kreative Tätigkeiten oder digitale Angebote
- kleinere Beratungs- oder Serviceleistungen
Diese Form der Selbstständigkeit ist oft weniger kapitalintensiv, aber auch weniger wachstumsorientiert.
Chancen und Risiken aus Anlegersicht
Der Trend hat zwei Seiten. Positiv ist:
- steigende unternehmerische Aktivität
- mehr Eigeninitiative und Flexibilität
- potenziell neue Geschäftsmodelle
Kritisch zu sehen ist jedoch:
- geringere Nachhaltigkeit vieler Gründungen
- hohe Abhängigkeit vom Haupteinkommen
- begrenzte Skalierbarkeit und geringe Investitionsvolumina
Viele Nebenerwerbsgründungen bleiben klein und erreichen keine wirtschaftliche Stabilität auf Dauer.
Gesellschaftlicher Wandel im Arbeitsmarkt
Die Entwicklung zeigt auch einen strukturellen Wandel. Klassische Karrierewege werden zunehmend ergänzt durch:
- hybride Erwerbsmodelle
- Kombination aus Anstellung und Selbstständigkeit
- projektbasierte Tätigkeiten
Die Grenze zwischen Arbeitnehmer und Unternehmer verschwimmt damit zunehmend.
Fazit
Der Anstieg der Gründungszahlen ist auf den ersten Blick positiv, sollte aber differenziert betrachtet werden. Es handelt sich weniger um einen klassischen Gründerboom als vielmehr um eine wirtschaftliche Reaktion auf steigende Lebenshaltungskosten.
Aus Anlegersicht bedeutet das: Viele neue Gründungen entstehen aus Druck heraus – nicht aus langfristig tragfähigen Geschäftsmodellen. Entscheidend wird sein, wie viele dieser Projekte den Schritt vom Nebenerwerb zu nachhaltigem Unternehmertum schaffen.