Hundert Jahre nach der Gründung der ersten Lufthansa stellt sich der heutige Konzern seiner historischen Verantwortung. Mit ungewöhnlich klaren Worten hat Vorstandschef Carsten Spohr die Rolle der damaligen Lufthansa im Nationalsozialismus benannt. „Die Lufthansa war ganz klar Teil des Systems“, sagte Spohr anlässlich des Jubiläums – ein Satz, der bewusst keine Relativierung zulässt.
Damit verabschiedet sich Deutschlands größte Fluggesellschaft von einer lange verbreiteten Sichtweise, die die historische Verantwortung des Unternehmens eher technokratisch oder distanziert behandelte. Zwar ist die heutige Deutsche Lufthansa AG juristisch nicht identisch mit ihrer Vorgängerin aus der Zeit des „Dritten Reiches“. Moralisch und historisch jedoch, so macht der Konzern nun deutlich, trägt man Verantwortung für das, was unter dem Namen Lufthansa geschah.
Heimliche Aufrüstung und Kriegswirtschaft
Die erste Lufthansa, gegründet 1926, spielte bereits vor der offenen Remilitarisierung Deutschlands eine zentrale Rolle in der nationalsozialistischen Aufrüstung. Unter dem Deckmantel des zivilen Luftverkehrs beteiligte sich das Unternehmen an der Ausbildung von Piloten und Technikern, die später in der Luftwaffe eingesetzt wurden. Historiker sprechen von einer „heimlichen Luftwaffe“, die eng mit militärischen Planungen verflochten war.
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die Lufthansa vollständig in die Kriegswirtschaft integriert. Sie transportierte Material, Personal und Technik, arbeitete direkt für militärische Zwecke und passte ihre Strukturen den Bedürfnissen des Regimes an. Wirtschaftlicher Erfolg und politische Loyalität gingen dabei Hand in Hand.
Ausbeutung von Zwangsarbeitern
Besonders schwer wiegt aus heutiger Sicht der Einsatz von Zwangsarbeitern. Tausende Menschen aus besetzten Ländern wurden in Lufthansa-Betrieben eingesetzt – unter teils menschenunwürdigen Bedingungen. Die Ausbeutung erfolgte „bedenkenlos“, wie Spohr es formulierte. Die Betroffenen hatten keine Wahl, litten unter Hunger, Gewalt und Entrechtung und trugen dennoch maßgeblich zur Funktionsfähigkeit des Unternehmens bei.
Diese dunkle Seite der Unternehmensgeschichte wurde jahrzehntelang nur zögerlich aufgearbeitet. Erst spät beteiligte sich Lufthansa an Entschädigungsfonds für ehemalige Zwangsarbeiter, und auch die historische Forschung erhielt lange keinen zentralen Platz in der Konzernkommunikation.
Späte, aber klare Worte
Dass der heutige Vorstandschef die Verantwortung nun so deutlich benennt, gilt Beobachtern als bewusster Schritt. Spohr betonte, dass Erinnerung nicht bei formalen Hinweisen auf fehlende juristische Kontinuität enden dürfe. Zwar wurde die heutige Lufthansa erst nach dem Zweiten Weltkrieg neu gegründet, doch Name, Tradition und öffentliche Wahrnehmung knüpfen direkt an die Vorgängerin an.
Der Konzern will die Auseinandersetzung mit seiner Geschichte künftig stärker sichtbar machen – etwa durch Ausstellungen, Publikationen und interne Bildungsarbeit. Ziel sei es, Verantwortung nicht nur zu benennen, sondern daraus auch Lehren für Gegenwart und Zukunft zu ziehen.
Verantwortung jenseits der Rechtslage
Der Fall Lufthansa steht exemplarisch für den Umgang deutscher Unternehmen mit ihrer NS-Vergangenheit. Viele Konzerne profitierten vom Regime, beteiligten sich an Zwangsarbeit oder Rüstungsprojekten – und beriefen sich nach 1945 auf rechtliche Neugründungen. Erst in den vergangenen Jahrzehnten hat sich ein breiteres Verständnis von historischer Verantwortung durchgesetzt, das über juristische Fragen hinausgeht.
Mit dem offenen Bekenntnis markiert Lufthansa nun einen Punkt, der nicht nur rückwärtsgewandt ist. In Zeiten, in denen autoritäre Tendenzen, Nationalismus und Geschichtsrelativierung wieder zunehmen, versteht der Konzern seine Positionierung auch als gesellschaftliches Signal.
Ein Jubiläum ohne Selbstbeweihräucherung
Das 100-jährige Jubiläum der Lufthansa ist damit weniger eine Feier technischer Pionierleistungen als ein Anlass zur kritischen Selbstreflexion. Der Konzern macht deutlich: Erfolgsgeschichte und Schuldgeschichte gehören zusammen. Wer die eine erzählt, darf die andere nicht verschweigen.
Ob diese Offenheit dauerhaft bleibt und sich auch im praktischen Umgang mit Erinnerungskultur widerspiegelt, wird sich zeigen. Der Satz des Vorstandschefs ist jedoch unmissverständlich – und selten deutlich für ein deutsches Großunternehmen: Die Lufthansa war Teil des nationalsozialistischen Systems.