Ein ungewöhnlicher Schritt mit hoher Tragweite: Das Land Sachsen-Anhalt hat den Weiterbetrieb der insolventen Domo-Produktionsanlagen im Chemiepark Leuna angeordnet. Ziel ist es, akute Gefahren für Mensch und Umwelt abzuwenden. Die Entscheidung fällt in einer Phase, in der das Traditionsunternehmen finanziell am Abgrund steht – und markiert zugleich einen letzten Versuch, Zeit für eine Rettung zu gewinnen.
Domo hatte am ersten Weihnachtsfeiertag überraschend Insolvenz angemeldet. Nur wenige Tage später scheiterten die Verhandlungen mit Gläubigern über eine Zwischenfinanzierung. Die Folge: Das Unternehmen konnte wichtige Ausgaben für Energie, Spezialgase und Kühlmedien wie flüssigen Stickstoff nicht mehr stemmen. Ein geregelter Weiterbetrieb war kaum noch möglich, ein Übergang in den Notbetrieb wurde angekündigt.
Doch genau dieser Notbetrieb stellte sich als Problem heraus. Das kontrollierte Herunterfahren der Anlagen ließ sich unter den aktuellen winterlichen Wetterbedingungen nicht sicher umsetzen. Nach Angaben des Unternehmens hätte dies erhebliche Risiken mit sich gebracht. Um einen möglichen Störfall zu verhindern, griff das Land ein und ordnete eine sogenannte Ersatzvornahme an: Die Anlagen müssen weiterlaufen – wenn auch in reduziertem Umfang.
Für den insolventen Chemieproduzenten ist das ein Hoffnungsschimmer. Insolvenzverwalter Lucas Flöther sprach von einer „sehr guten Nachricht“. Die Entscheidung verschaffe dem Unternehmen dringend benötigte Zeit, um doch noch einen Investor zu finden, der den Standort übernimmt. Ohne den staatlich angeordneten Weiterbetrieb hätte eine sofortige Stilllegung gedroht.
Wirtschaftsminister Sven Schulze (CDU) machte deutlich, dass es bei der Maßnahme nicht nur um Sicherheit, sondern auch um industriepolitische Perspektiven geht. Er hält es für realistisch, dass Domo weiterbestehen kann, und setzt auf laufende Gespräche mit potenziellen Interessenten. Das Land lässt sich den Schritt allerdings etwas kosten: Ein hoher einstelliger bis niedriger zweistelliger Millionenbetrag wird veranschlagt, um den Betrieb vorübergehend zu sichern.
Die Krise kam für viele überraschend. Noch im Frühjahr hatte das Unternehmen investiert und von stabiler Auslastung gesprochen. Hauptgrund für die Insolvenz ist die Überschuldung der belgischen Muttergesellschaft Domo Chemicals Holding. Hinzu kommen eine angespannte Marktlage, billige Konkurrenz aus Asien und die schwache Nachfrage aus der Automobil- und Baubranche.
Am Standort Leuna produziert Domo unter anderem Polyamid 6, einen wichtigen Hochleistungskunststoff, der in Fahrzeugen, der Elektrotechnik und sogar in Outdoor-Bekleidung eingesetzt wird. Der Fortbestand des Werks ist daher nicht nur für die Beschäftigten, sondern auch für ganze Wertschöpfungsketten von Bedeutung.
Ob die staatliche Intervention tatsächlich den Weg zu einer nachhaltigen Lösung ebnet, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Klar ist jedoch schon jetzt: Der Fall Domo zeigt, wie eng Industriepolitik, Umweltschutz und wirtschaftliche Stabilität miteinander verflochten sind – und wie weit ein Bundesland gehen kann, um Risiken zu beherrschen und Arbeitsplätze zu sichern.