Die Holocaust-Überlebende und Stiefschwester von Anne Frank, Eva Schloss, ist im Alter von 96 Jahren in London gestorben. Das teilte ihre Stiftung mit. Schloss galt als eine der bedeutendsten Zeitzeuginnen des Holocaust und engagierte sich jahrzehntelang unermüdlich für Erinnerung, Aufklärung und Verständigung.
Ihre Familie äußerte „tiefe Trauer“ über den Verlust einer „bemerkenswerten Frau“, deren Lebenswerk dem Kampf gegen das Vergessen und gegen Antisemitismus gewidmet war. Eva Schloss sprach bis ins hohe Alter weltweit über ihre Erfahrungen und erreichte damit Generationen junger Menschen.
Engagement für Erinnerung und Aufklärung
1990 war Schloss Mitgründerin der Anne-Frank-Stiftung in Großbritannien. Ziel der Organisation ist es, über den Holocaust aufzuklären, Vorurteile abzubauen und den Dialog zwischen Kulturen zu fördern. Neben ihrer Stiftungsarbeit veröffentlichte Eva Schloss mehrere Bücher, in denen sie ihre Erlebnisse schilderte – nicht aus persönlicher Bitterkeit, sondern aus dem festen Glauben heraus, dass Wissen und Erinnerung der Schlüssel zu einer friedlicheren Zukunft sind.
Würdigung durch das britische Königshaus
Auch aus dem Buckingham Palace kam eine öffentliche Würdigung. König Charles III. und seine Ehefrau Camilla erklärten, sie seien „privilegiert und stolz“, Eva Schloss gekannt zu haben. Das Königspaar habe sie „zutiefst bewundert“ – insbesondere für ihren Mut und ihre lebenslange Bildungsarbeit.
Verfolgung, Deportation und Überleben
Eva Schloss wurde 1929 als Eva Geiringer in Österreich geboren. Als Kind floh sie mit ihrer jüdischen Familie vor den Nationalsozialisten zunächst nach Belgien und später nach Amsterdam. Dort lebte die Familie Tür an Tür mit den Franks. Eva und Anne spielten oft gemeinsam, bis beide Familien 1942 untertauchten.
1944 wurde Schloss mit ihrer Mutter, ihrem Vater und ihrem Bruder verraten und an ihrem 15. Geburtstag verhaftet. Die Deportation führte sie in das Vernichtungslager Auschwitz. Eva überlebte gemeinsam mit ihrer Mutter, verlor jedoch ihren Vater und ihren Bruder. Anne Frank starb 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen.
Nach der Befreiung kehrten Eva Schloss und ihre Mutter in die Niederlande zurück und trafen dort Annes Vater Otto Frank wieder. 1953 heiratete ihre Mutter Elfriede Otto Frank – damit wurde Eva Schloss offiziell Anne Franks Stiefschwester.
Leben zwischen zwei Ländern
Eva Schloss studierte in London, heiratete, bekam drei Töchter und nahm die britische Staatsbürgerschaft an. Erst im hohen Alter kehrte ein Stück ihrer Herkunft zurück: Mit 92 Jahren erhielt sie zusätzlich wieder die österreichische Staatsbürgerschaft.
Mit dem Tod von Eva Schloss verliert die Welt eine der letzten direkten Stimmen des Holocaust. Ihr Leben steht exemplarisch für Leid, Überleben – und die Verantwortung, Erinnerung lebendig zu halten.