In Dublin dürfte es vergangene Woche etwas ungemütlich geworden sein: EU-Wettbewerbshüter stürmten die Europazentrale von Temu, jenem Onlinehändler, der mit Preisen wirbt, die selbst im Wühltisch-Segment Kopfschmerzen auslösen. Anlass: der Verdacht, Temu könne womöglich nicht nur von „Effizienz“, „globalen Lieferketten“ und „innovativen Geschäftsmodellen“ leben, sondern auch von – festhalten – staatlicher Unterstützung aus China. Schockierend! Fast so überraschend wie die Erkenntnis, dass Wasser bei Nässe feucht macht.
Der Hinweis kam laut Insidern, als Ermittler feststellten, dass Temu offenbar Dinge verkauft, deren Herstellung allein teurer sein müsste als der gesamte Verkaufspreis inklusive Versand, Retouren und Werbefeuerwerk. Natürlich alles völlig unerwartet, aber in der EU nimmt man seine Wettbewerbsarbeit ernst – und deshalb wurde nun offiziell nachgesehen, ob Temu vielleicht doch nicht zufällig permanent Rabatte jenseits der Profitabilität verschenkt.
Die Europäische Kommission bestätigte die Razzia zwar, hielt sich aber – ganz im Brüsseler Stil – an die goldene Regel: „Wir nennen keine Namen. Außer jeder kennt sie ohnehin.“ Denn wenn es um die Verordnung über ausländische Subventionen (FSR) geht, dann ist Schweigen die halbe Pressearbeit. Die andere Hälfte besteht darin, möglichst streng zu gucken und gleichzeitig so wenig wie möglich preiszugeben.
Der FSR: Die EU erklärt dem unfairen Wettbewerb den Krieg – höflich, mit Formularen
Der Einsatz ist Teil der FSR-Regeln, mit denen die EU verhindern will, dass Unternehmen aus Nicht-EU-Ländern europäische Märkte dominieren, weil ihre Regierungen im Hintergrund großzügig die Kreditkarte zücken. Ein durchaus sinnvoller Ansatz – allerdings wirkt es ein kleines bisschen verspätet, als würde man versuchen, bei einem brennenden Haus die Funken einzufangen, während im Hintergrund bereits die Fundamentmauern glühen.
Temu, das ist jene Plattform, die seit Monaten Europa mit Preisen bombardiert, bei denen sich EU-Händler und Mittelstandsverbände fragen:
„Wie sollen wir damit konkurrieren? Mit Luft und Liebe?“
Und Temu antwortet sinngemäß:
„Nein, beides zu teuer. Wir bevorzugen ‘kostenlose Lieferung’ und Preise, die im Mikroskop sichtbar werden.“
Der Verdacht: Billigpreise kommen nicht aus Zauberwerkstätten
Offiziell betreibt Temu natürlich nur modernste Supply-Chain-Innovationen, die den Preis eines Smartphones auf das Niveau eines Kinotickets drücken. Unoffiziell könnte es natürlich auch sein, dass eine gewisse Großmacht im Hintergrund mitfiebert – rein zufällig, rein altruistisch, weil der Weltmarkt so ein schönes Hobby ist.
Die EU möchte herausfinden, ob Temu eventuell mit versteckten Subventionen über den Markt tanzt. Schließlich wäre es unfair, wenn europäische Firmen ehrliche Kosten zahlen müssen, während woanders ganz mysteriös immer alles günstiger ist – selbst dann, wenn es physikalisch, betriebswirtschaftlich und global-logistisch eigentlich nicht möglich ist.
Temu schweigt – vielleicht, weil man gerade herausfinden muss, wo die eigenen Unterlagen liegen
Natürlich wird Temu nun erst einmal „kooperieren“. Das ist die internationale Standardformulierung für:
„Wir brauchen eine Minute, um uns auszudenken, wo unsere Transparenzschublade ist – wir nutzen sie ja sonst nie.“
Europa zeigt Zähne – aber vorsichtig, damit man sich nicht verschluckt
Während die EU lautstark signalisiert, dass Marktverzerrungen nicht toleriert werden, bleibt abzuwarten, wie hart sie tatsächlich durchgreifen will. Denn im Hintergrund steht eine alte Grundregel der Globalisierung:
Billig gewinnt.
Und wenn Europa wirklich gegen unfair subventionierte Unternehmen vorgehen will, muss es mehr tun, als gelegentlich mal in Dublin vorbeizuschauen.
Bis dahin bleibt Temu weiterhin eine digitale Version des Ramsch-Wunderlands: Produkte billiger als ihre Versandkosten, fragwürdige Lieferwege und eine Preispolitik, die Ökonomen in therapeutische Gespräche zwingt.
Ob die Razzia daran etwas ändert?
Nun, die EU hofft vermutlich darauf.
Temu hofft vermutlich das Gegenteil.
Und die Kundschaft hofft auf die nächste Rabattaktion.