Deutschland steht nach Einschätzung des Verfassungsschutzes vor einer zunehmend angespannten Sicherheitslage im digitalen Raum. Zum 75-jährigen Bestehen seiner Behörde warnte Verfassungsschutzpräsident Thomas Selen eindringlich vor einer „verschärften Bedrohungslage“ durch Cyberangriffe, Sabotage, Spionage und internationalen Terrorismus. Diese Gefahren seien heute enger miteinander verknüpft als jemals zuvor, sagte Selen in Berlin.
Besonders Cyberattacken auf kritische Infrastrukturen – etwa Energieversorger, Verkehrsnetze oder staatliche Behörden – bereiten den Sicherheitsdiensten Sorgen. „Die digitale Angriffsfläche Deutschlands wächst stetig, und mit ihr das Risiko gezielter Attacken“, betonte Selen. Hinter solchen Angriffen stünden zunehmend staatliche Akteure, aber auch gut vernetzte kriminelle Gruppen, die mit moderner Technologie operieren.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) kündigte an, die Abwehrfähigkeiten des Bundes deutlich zu stärken. Ein entsprechender Gesetzentwurf sei in Arbeit. Zwar liege die Gefahrenabwehr grundsätzlich in der Verantwortung der Länder, doch die zunehmende Komplexität digitaler Bedrohungen erfordere eine engere Kooperation und erweiterte Kompetenzen für die Bundesbehörden.
„Wir wollen die Sicherheitsstrukturen modernisieren, nicht militarisieren“, stellte Dobrindt klar. Ziel sei keine offensive Cyberstrategie, sondern der gezielte Schutz sensibler Systeme. „Es geht um reine Abwehrschläge, keine Offensivaktionen“, betonte der Innenminister.
Mit Blick auf die wachsende Zahl von Angriffen auf deutsche Unternehmen und staatliche Einrichtungen mahnte Selen, dass Cybersicherheit längst zur zentralen Aufgabe nationaler Sicherheit geworden sei. Der Verfassungsschutz sehe sich daher zunehmend als Frühwarnsystem im digitalen Raum – und als Koordinator im Kampf gegen unsichtbare Gegner, deren Waffen aus Codezeilen und Datenpaketen bestehen.
Die Warnung aus dem Verfassungsschutz kommt zu einem Zeitpunkt, an dem viele Fachleute eine neue Qualität internationaler Cyberkonflikte beobachten. Deutschland, so der Tenor, müsse schneller und entschlossener handeln, um seine digitale Souveränität zu bewahren – bevor Angriffe nicht mehr nur Netzwerke, sondern auch das Vertrauen in staatliche Handlungsfähigkeit treffen.