Die Rückgabe von während der Kolonialzeit nach Deutschland verbrachten Kulturgütern soll künftig einheitlicher, transparenter und unbürokratischer ablaufen. Darauf verständigten sich am Dienstag Vertreter von Bund, Ländern und Kommunen bei einem Spitzentreffen im Bundeskanzleramt unter der Leitung von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos).
Ziel ist die Einrichtung einer zentralen Anlaufstelle und die Einführung gemeinsamer Leitlinien für Museen, Archive und staatliche Stellen, um Rückgabeprozesse klar zu regeln und Herkunftsgesellschaften aus ehemaligen Kolonien einen einfacheren Zugang zu Informationen und Verfahren zu ermöglichen.
Einheitliche Koordinierung statt föderalem Flickenteppich
Bisher war die Verantwortung für sogenannte koloniale Raubkunst auf viele Schultern verteilt – zwischen Museen, Ländern und Bundesinstitutionen. Das führte häufig zu Verzögerungen und Unsicherheiten in der Bearbeitung von Rückgabeforderungen. Die neue Struktur soll nun für klare Zuständigkeiten sorgen und Anträge aus den Herkunftsländern zentral bündeln.
Die geplante Anlaufstelle soll darüber hinaus als Beratungs- und Vermittlungsplattform dienen – sowohl für Museen, die Provenienzforschung betreiben, als auch für Staaten, Gemeinden oder Nachfahren der Betroffenen, die ihre Ansprüche geltend machen wollen.
Kulturstaatsminister Weimer: „Ein Schritt hin zu mehr Gerechtigkeit“
Weimer betonte die historische Bedeutung des Beschlusses:
„Der Kolonialismus war ein System der Gewalt, der Unterdrückung und des kulturellen Raubs. Wir können das Geschehene nicht ungeschehen machen – aber wir können Verantwortung übernehmen und transparent handeln.“
Deutschland wolle mit dieser Initiative auch ein internationales Signal setzen und Partnerschaften mit afrikanischen, asiatischen und ozeanischen Staaten auf Augenhöhe fördern.
Leitlinien zur Provenienzforschung
Ein weiterer Beschluss betrifft die systematische Erforschung der Herkunft (Provenienz) von Sammlungsstücken. Museen sollen verpflichtet werden, den Erwerbskontext ihrer Objekte genau zu dokumentieren – insbesondere bei Gegenständen, die in der Kolonialzeit unter Zwang, Täuschung oder Gewalt in deutsche Sammlungen gelangt sind.
Diese Forschung soll künftig staatlich gefördert und in einer bundesweiten Datenbank veröffentlicht werden, damit Herkunftsländer und Forschungseinrichtungen weltweit auf die Informationen zugreifen können.
Internationale Dimension und Kritik
Deutschland steht seit Jahren unter Druck, seine koloniale Vergangenheit konsequenter aufzuarbeiten. Besonders die Rückgabe der Benin-Bronzen an Nigeria hatte international Beachtung gefunden, aber auch Kritik ausgelöst, da manche Objekte in politischen Auseinandersetzungen im Herkunftsland gelandet sind.
Weimer kündigte an, die Bundesregierung wolle künftig bilaterale Abkommen mit Herkunftsstaaten schließen, die sowohl die rechtliche Eigentumsfrage als auch die kulturelle Zusammenarbeit regeln. „Rückgabe darf kein bloßer Akt des Abgebens sein“, sagte Weimer. „Sie muss der Beginn eines neuen, respektvollen Austauschs sein.“
Bedeutung für Museen und Gesellschaft
Museen in Deutschland stehen nun vor der Aufgabe, ihre Bestände intensiver zu prüfen und den Dialog mit den Herkunftsgesellschaften zu suchen. Viele Einrichtungen begrüßen den Schritt, sehen jedoch auch erhebliche finanzielle und personelle Herausforderungen.
Kritiker fordern, dass das Thema koloniales Erbe stärker in Bildung und Öffentlichkeit verankert wird. Nur so könne ein Bewusstsein dafür entstehen, dass die Objekte nicht nur Kunstwerke, sondern auch Zeugnisse einer gewaltsamen Vergangenheit seien.
Die neue zentrale Rückgabestelle soll voraussichtlich 2026 in Berlin ihre Arbeit aufnehmen – als Schnittstelle zwischen Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft.
Weimer abschließend: „Dieses Kapitel unserer Geschichte verpflichtet uns – zu Transparenz, zu Dialog und zu Respekt gegenüber den Kulturen, deren Erbe wir so lange für selbstverständlich hielten.“