Die Deutsche Steuer-Gewerkschaft (DSTG) hat sich deutlich für eine grundlegende Vereinfachung des deutschen Einkommensteuerrechts ausgesprochen – mit einem bemerkenswerten Vorschlag: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollen künftig keine eigene Steuererklärung mehr abgeben müssen. Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft, Florian Köbler, erklärte gegenüber den Funke-Medien, es sei an der Zeit, die Steuerbürokratie grundlegend zu überdenken und an moderne technische Möglichkeiten anzupassen.
Steuererklärung abschaffen – was steckt hinter dem Vorschlag?
Im Zentrum der Forderung steht die Idee, dass für die Mehrheit der abhängig Beschäftigten die jährliche Einkommensteuererklärung überflüssig geworden ist. Der Grund: Viele steuerrelevante Daten – etwa zu Lohn, Sozialversicherungsbeiträgen oder Vorsorgeaufwendungen – liegen den Finanzbehörden ohnehin digital vor. Auch Pauschalen für Werbungskosten, Sonderausgaben oder Berufspendler seien längst standardisiert und würden für die meisten Arbeitnehmer zutreffen.
Köbler schlägt deshalb vor, dass das Finanzamt auf Basis dieser vorhandenen Daten automatisch einen Steuerbescheid erstellt. Der Bürger müsse diesen nur noch prüfen und bei Bedarf ergänzen – etwa um außergewöhnliche Belastungen, Spenden oder zusätzliche Werbungskosten. „Das würde Millionen Menschen Zeit, Geld und Nerven sparen“, so Köbler. Denn viele Arbeitnehmer seien auf die Hilfe von Steuerberatern oder kommerziellen Softwarelösungen angewiesen, obwohl die Rückerstattungen meist nur gering ausfielen.
Technisch möglich, politisch umsetzbar?
Die Forderung der DSTG ist nicht neu, erhält aber angesichts des zunehmenden Digitalisierungsdrucks in der öffentlichen Verwaltung neue Aufmerksamkeit. Länder wie Estland oder Schweden zeigen bereits, dass ein solches Verfahren funktionieren kann – dort erhalten Bürger einen automatisch erstellten Steuerbescheid und müssen nur noch bestätigen, korrigieren oder ergänzen.
In Deutschland allerdings ist das Einkommensteuerrecht hochkomplex, und viele Regelungen setzen nach wie vor auf Einzelnachweise und individuelle Abrechnungen. Die Steuer-Gewerkschaft fordert deshalb auch, Pauschalen verstärkt einzusetzen, wo immer dies möglich sei – zum Beispiel bei Berufsausgaben oder der Haushaltsnahen Dienstleistung.
Kritik am bisherigen System
Die DSTG kritisiert, dass der jährliche Aufwand in keinem Verhältnis zum Ertrag steht: Rund 30 Millionen Steuerpflichtige reichen jedes Jahr eine Steuererklärung ein, viele davon aus rein formalen Gründen oder mit minimalen Rückerstattungen. Das belaste nicht nur die Steuerpflichtigen, sondern auch die Finanzämter, die ohnehin unter Personalmangel und Überlastung leiden. Durch automatische Verfahren könnten Verwaltungsressourcen frei werden und gezielter für die Bearbeitung komplexer Fälle eingesetzt werden.
Nächste Schritte
Ob und wann der Vorschlag politisch aufgegriffen wird, bleibt abzuwarten. In der Ampelkoalition gab es bereits Überlegungen zur stärkeren Digitalisierung des Steuerverfahrens, allerdings keine konkreten Pläne zur Abschaffung der Steuererklärungspflicht für Arbeitnehmer.
Die Forderung der DSTG dürfte jedoch neue Impulse in die Debatte bringen – gerade auch im Kontext der anhaltenden Diskussion über Bürokratieabbau, Verwaltungsmodernisierung und die Vereinfachung staatlicher Prozesse.
Fazit
Ein automatischer Steuerbescheid statt aufwendiger Formulare – was in der digitalen Welt längst möglich scheint, könnte auch in Deutschland Realität werden. Die Steuer-Gewerkschaft macht deutlich: Ein vereinfachtes Verfahren würde Millionen Steuerpflichtige entlasten, die Verwaltung modernisieren und das Steuersystem transparenter machen. Jetzt ist die Politik am Zug.