Die Deutsche Bahn hat auch im ersten Halbjahr 2025 ihr selbst gestecktes Pünktlichkeitsziel klar verfehlt – und sorgt damit einmal mehr für Frustration bei ihren Kunden. Eigentlich hatte sich der Staatskonzern vorgenommen, die Quote pünktlicher Fernverkehrszüge (definiert als weniger als sechs Minuten Verspätung bei Ankunft) auf 65 bis 70 Prozent zu steigern. Doch laut Bahnchef Richard Lutz lag die tatsächliche Pünktlichkeitsrate deutlich darunter: Mehr als ein Drittel aller ICE- und IC-Verbindungen kam verspätet an.
Chronische Überlastung und Investitionsstau
Als Hauptgrund nennt die Bahn – wenig überraschend – die überalterte und vielfach überlastete Infrastruktur. Jahrzehntelange Investitionsdefizite, technische Störungen, Personalmangel und zahlreiche Baustellen haben das Schienennetz in einen Dauerzustand der Überforderung versetzt. Gerade in Ballungsräumen wie Frankfurt, Köln oder Berlin kollabiert das System regelmäßig – Engpässe im Netz treffen dort auf einen immer dichteren Fahrplan.
Lutz selbst sprach von einem „maroden Rückgrat“ und mahnte erneut, dass ohne grundlegende Modernisierung keine nachhaltige Verbesserung zu erwarten sei. Zahlreiche Großbaustellen, etwa auf der Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim oder im Knoten Hamburg, führten zu massiven Einschränkungen. Paradox dabei: Die notwendigen Sanierungen zur Verbesserung der Lage sorgen kurzfristig für noch mehr Chaos.
Verspätung mit Ansage – für viele Fahrgäste Alltag
Für Reisende bedeutet das: verpasste Anschlüsse, geplatzte Termine, Umplanen in Echtzeit – oft begleitet von mangelhafter Kommunikation oder chaotischer Wagenreihung. Die vielzitierte Verkehrswende bleibt für viele eine Zumutung auf Schienen. Dass ausgerechnet ein zentraler Akteur wie die Bahn immer wieder am eigenen Anspruch scheitert, wirft Fragen zur strategischen Führung und politischen Verantwortung auf.
Wirtschaftliche und politische Konsequenzen
Der wirtschaftliche Schaden ist erheblich: Rückerstattungen an Kunden, zusätzliche Energie- und Personalkosten sowie ein wachsender Vertrauensverlust belasten die Bilanz. Besonders kritisch ist die Lage mit Blick auf den politischen Druck: Die Ampel-Regierung will den Anteil des Schienenverkehrs am gesamten Verkehrsaufkommen deutlich erhöhen – bis 2030 soll sich die Zahl der Fahrgäste im Fernverkehr verdoppeln. Doch mit einem so unzuverlässigen System droht diese Zielmarke zur Farce zu werden.
Kritik am Bahnmanagement – und am Eigentümer
Verkehrsexperten und Fahrgastverbände fordern inzwischen nicht nur mehr Investitionen, sondern auch strukturelle Reformen im Konzern. Die enge Verflechtung von Infrastruktur- und Verkehrsbereich, ineffiziente interne Prozesse und ein mangelhafter Wettbewerb gelten als zentrale Bremsen. Der Bundesrechnungshof warnte bereits mehrfach vor Missmanagement und fehlender Erfolgskontrolle bei Investitionsprogrammen. Auch der Eigentümer – der Bund – steht in der Kritik, weil er klare Weichenstellungen und Kontrollen bislang vermissen lässt.
Aussichten auf Besserung?
Die Bahn verweist auf ihre Großprojekte: Ab 2026 sollen die Modernisierungskorridore, also systematische Totalsanierungen ganzer Strecken, für spürbare Verbesserungen sorgen. Doch bis dahin müssen sich die Kunden weiter in Geduld üben – wenn die Züge überhaupt kommen.
Fazit aus Anlegersicht: Wer auf die Bahn als Symbol einer nachhaltigen und modernen Mobilität setzt, braucht aktuell vor allem eines – sehr viel Geduld. Die angekündigte Verkehrswende bleibt einstweilen ein Versprechen auf dem Papier, solange die Realität aus Signalstörungen, Stellwerksausfällen und unpünktlichen Zügen besteht.