In Göttingen sorgt ein stark heruntergekommener Wohnkomplex an der Groner Landstraße erneut für Entsetzen. Wie die Stadtverwaltung mitteilt, ist rund ein Drittel der Wohnungen in dem Gebäude derzeit unbewohnt – die verbliebenen Einheiten weisen teils gravierende Mängel auf. Bei einer behördlich organisierten Begehung durch verschiedene städtische Ämter wurde ein Bild des Verfalls sichtbar, das nach Einschätzung der Stadt „unhaltbare Zustände“ dokumentiert.
Schockierende Funde bei Begehung – Müll, Ungeziefer und herrenlose Hundewelpen
Die Begehung, koordiniert von der Stabsstelle für prekäre Wohnverhältnisse, brachte eine Vielzahl an Missständen ans Licht. Neben großflächigem Müll und deutlichen Brandschäden wurden auch Ungezieferbefall sowie vier herrenlose Hundewelpen festgestellt, die offenbar ohne Versorgung im Haus lebten. Vertretende des Veterinäramtes, Mitarbeitende der Ordnungsbehörde sowie ein Repräsentant der Hausverwaltung verschafften sich vor Ort ein Bild. Die Stadt spricht in ihrem offiziellen Schreiben von einem „besorgniserregenden Zustand“, der sofortige Maßnahmen erfordere.
Oberbürgermeisterin Broistedt: „Diese Wohnungen sind unbewohnbar“
Die Göttinger Oberbürgermeisterin Petra Broistedt (SPD) fand nach dem Ortstermin deutliche Worte: „Offene, nicht verschließbare Wohnungen, kaputte Fenster, defekte Sanitäranlagen, große Müllberge – diese Wohnungen sind unbewohnbar.“ Sie forderte die Eigentümer der betroffenen Einheiten auf, umgehend Maßnahmen zur Beseitigung der Mängel zu ergreifen. Gleichzeitig richtete sie auch einen Appell an die Bewohnerschaft, ihren Beitrag zur Instandhaltung des Gebäudes zu leisten. Besonders das fortwährende Werfen von Müll aus den Fenstern sei nicht nur ein hygienisches, sondern auch ein sicherheitsrelevantes Problem.
Stadt sieht Systemversagen bei Mietkostenübernahme – Gesetzesänderung gefordert
Ein besonders brisantes Detail: Trotz der teils katastrophalen Zustände gehören die Mieten in dem Komplex laut Stadt zu den höchsten in Göttingen – und das, obwohl ein Großteil der Bewohnerinnen und Bewohner auf Sozialleistungen angewiesen ist. Die Mietkosten werden demnach in vielen Fällen vollständig von der Kommune übernommen. Für Eigentümer bedeutet das lukrative Einnahmen bei gleichzeitig minimalem Sanierungsaufwand.
Die Stadt kritisiert, dass sie aufgrund bundesgesetzlicher Vorgaben keinen Einfluss auf die Kostenübernahme nehmen könne, selbst wenn die Wohnung unzumutbar sei. Oberbürgermeisterin Broistedt fordert daher eine gesetzliche Neuregelung, die es Kommunen ermöglicht, bei nachweislich prekären Wohnverhältnissen die Übernahme der Miete durch die Sozialbehörde zu verweigern. „Das wäre ein wirksames Instrument gegen den Missbrauch öffentlicher Gelder“, so Broistedt.
Hausverwaltung weist Verantwortung zurück – verweist auf hohe Betriebskosten
Die verantwortliche Hausverwaltung, vertreten durch Geschäftsführer Dominik Fricke von Coeles/Reimann, weist die Kritik zurück. Man könne nicht von einer gezielten Bereicherung sprechen. Vielmehr entstünden gerade in Wohnanlagen mit sozial schwächeren Mietergruppen überdurchschnittlich hohe Kosten – etwa durch erhöhtes Müllaufkommen, Vandalismus oder wiederkehrende Schädlingsbekämpfungen. „Das Mietklientel verursacht höhere Betriebsausgaben“, so Fricke. Sanierungsmaßnahmen seien daher mit erheblichem wirtschaftlichem Risiko verbunden.
Fazit: Göttinger Stadtverwaltung unter Handlungsdruck
Der Göttinger Fall steht exemplarisch für ein Problem, das viele Kommunen bundesweit beschäftigt: Wie geht man mit verwahrlosten Immobilien um, deren Eigentümer von Sozialleistungszahlungen profitieren, ohne ihrer Instandhaltungspflicht nachzukommen? Die Stadt Göttingen kündigte an, weitere rechtliche Schritte zu prüfen und das Gespräch mit Landes- und Bundespolitikern zu suchen, um die Rahmenbedingungen zu verändern.