Der Stadtrat von Ingolstadt hat dem langjährigen Verleger des Donaukurier, Wilhelm Reissmüller, posthum die Ehrenbürgerwürde entzogen. Die Entscheidung fiel angesichts neuer Erkenntnisse über Reissmüllers tiefe Verstrickung in das NS-Regime – und markiert eine deutliche Distanzierung der Stadt von ihrer Vergangenheit.
Im Zentrum der Aufarbeitung steht eine Archivakte der Ludwig-Maximilians-Universität München, die belegt, dass Reissmüller bereits ab 1933 Mitglied in der SS, der SA und dem NS-Studentenbund war. Besonders schwer wiegt sein Engagement als Leiter der nationalsozialistischen Lokalzeitung Donaubote, die offen antisemitische Hetze verbreitete und gegen politische Gegner agitierte.
Trotz dieser belastenden Fakten hatte Reissmüller seine NS-Vergangenheit zu Lebzeiten stets geleugnet – auch in seiner Rolle als prägender Verleger des Donaukurier nach dem Zweiten Weltkrieg. Er galt über Jahrzehnte hinweg als einflussreiche Figur des regionalen Medienwesens, was ihm 1990 die Ehrenbürgerwürde der Stadt Ingolstadt einbrachte.
Mit dem aktuellen Beschluss zieht der Stadtrat nun eine klare historische Konsequenz. Die Aberkennung sei laut Oberbürgermeister ein „notwendiger Schritt der moralischen Verantwortung gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus und im Sinne eines ehrlichen Gedenkens“. Sie reiht sich ein in die bundesweite Aufarbeitung von NS-Biografien, die nach Jahrzehnten des Schweigens zunehmend ans Licht kommen.
Der Fall Reissmüller verdeutlicht einmal mehr, wie wichtig ein kritischer Umgang mit historischen Ehren und öffentlichem Ansehen ist – besonders dann, wenn neue Erkenntnisse ein lange gepflegtes Bild in Frage stellen.