Von außen sieht das Hochhaus noch ganz passabel aus. Ein solides Gebäude, könnte man meinen. Und wenn dann noch Hochglanzbroschüren attraktive Renditen zwischen 7 und 9 Prozent versprechen – wer würde da nicht investieren? Rund 5.000 Anleger bundesweit haben genau das getan. Jetzt steckt das Immobilienunternehmen DEGAG in einem vorläufigen Insolvenzverfahren – und für viele ist der Traum von einer sicheren Altersvorsorge zum Albtraum geworden.
In der Dortmunder Nordstadt, in einem der betroffenen Gebäude, möchte ein Mieter anonym bleiben. Die Zustände in seiner Wohnung beschämen ihn. Schimmel, undichte Fenster, eine Heizung, die kaum funktioniert. Das Badezimmer teilt er sich mit seinen Kindern. Die meisten Nachbarn sind schon ausgezogen – zurückgelassen wurden Müllberge und ein Gefühl von Verwahrlosung.
Immobilienversprechen statt Immobilienwert
Schon vor zwei Jahren besuchte die damalige NRW-Bauministerin das Haus. Passiert ist seither wenig – außer, dass die Immobilie nun zwangsverwaltet wird. Die Spur führt zur DEGAG, die eigenen Angaben zufolge 5.000 Wohnungen bundesweit hält. Nun ist sie insolvent – und hinterlässt neben verwahrlosten Gebäuden auch eine Spur enttäuschter Kleinanleger.
Einer von ihnen ist Willert. Er hat 30.000 Euro investiert, seine Ersparnisse. „Bis Oktober kam regelmäßig Post – alles klang positiv. Plötzlich war Schluss mit den Auszahlungen.“ In bunter Werbung hatte man ihm eine konservative, sichere Geldanlage versprochen – investiert wurde allerdings nicht in konkrete Immobilien, sondern in sogenannte Genussrechte. Diese Finanzprodukte versprechen feste Zinsen, bergen aber hohe Risiken – und sind auf dem sogenannten „grauen Kapitalmarkt“ angesiedelt, fernab der strengen Bankenaufsicht.
Schicke Broschüre, marode Realität
Vor Ort zeigt sich ein anderes Bild: Leerstand, Verfall, ungepflegte Häuser, teils zweckentfremdet. In Halle, in Augustdorf, an der polnischen Grenze – immer wieder dasselbe: leere Gebäude, unbezahlte Handwerker, und Mieter, die sich selbst überlassen bleiben.
Rechtsanwalt Peter Mattil spricht von einer „leeren Hülle“, die Anlegern verkauft wurde. „Sie bekommen ein Hochglanzversprechen – und halten am Ende nichts in der Hand.“ Besonders perfide: Viele DEGAG-Produkte wurden so gestückelt, dass sie nicht unter die Prospektpflicht fielen – ein juristischer Trick, um Informationspflichten zu umgehen. So konnte die DEGAG tausende Anteile verkaufen, ohne ein vollständiges Risikoprospekt vorzulegen.
Kontrollversagen und Gesetzeslücken
Obwohl Verbraucherschützer und die Stiftung Warentest bereits 2022 vor der DEGAG warnten, blieb eine offizielle BaFin-Warnung aus. Die Behörde beruft sich auf gesetzliche Vorgaben und äußert sich nicht zu einzelnen Unternehmen. Doch genau hier sehen Experten wie Professor Bernd Nolte den Kern des Problems: „Der graue Kapitalmarkt ist ein Paradies für juristisch kreative Anbieter. Der Gesetzgeber schaut viel zu lange weg.“
Die Insolvenz der DEGAG wird wohl Jahre dauern. Ob Anleger jemals ihr Geld wiedersehen, ist ungewiss. Und die Politik? Verspricht seit Jahren, die Gesetzeslücken zu schließen – zuletzt im aktuellen Koalitionsvertrag.
Fazit:
Marode Immobilien, verzweifelte Mieter, geprellte Anleger – die Geschichte der DEGAG ist ein weiteres Mahnmal für die Risiken des grauen Kapitalmarkts. Wer in Immobilien investiert, sollte nicht nur auf die Fassade schauen – sondern tief ins Fundament. Und die Politik? Die steht erneut in der Pflicht, nicht nur schöne Versprechen zu machen – sondern endlich zu handeln.