Handyvertrag abschließen, Konto eröffnen, erste Steuern zahlen oder einen Kredit aufnehmen – viele junge Menschen stehen schon kurz nach dem Schulabschluss vor wichtigen finanziellen Entscheidungen. Doch viele fühlen sich dabei allein gelassen. Finanzwissen? Fehlanzeige. In den meisten Schulen gehört es nicht zum Unterricht, wie man einen Mietvertrag prüft, einen Kredit vergleicht oder erkennt, ob ein Handyvertrag wirklich günstig ist.
Im Gespräch mit Anja Keber erklärt Margit Siller von der BR-Wirtschaftsredaktion, warum genau hier eine riesige Lücke klafft – und was sich mit der neuen nationalen Finanzbildungsstrategie ändern soll.
„Finanzcoach“ – ein neues Wort für eine alte Idee
Ein zentraler Begriff in der neuen Strategie ist der „Finanzcoach“. Damit sind keine Verkäufer oder klassischen Berater gemeint, sondern speziell geschulte Personen, die Verbraucherinnen und Verbraucher unabhängig durch den Finanzdschungel begleiten sollen. Gerade jungen Erwachsenen sollen sie helfen, grundlegende Themen wie Girokonto, Dispokredit, Sparformen, Versicherungen oder Altersvorsorge zu verstehen.
Diese Unterstützung soll dort ansetzen, wo bisher viele überfordert sind: beim Schritt in die finanzielle Eigenverantwortung. Die Coaches sollen Schulen, Vereine oder digitale Angebote ergänzen – und zwar lebensnah, verständlich und ohne Verkaufsabsicht.
AGB, Gebühren, Kreditkosten – kaum durchzublicken
Margit Siller weist im Gespräch darauf hin, dass Finanzbildung viel mehr ist als zu wissen, wie man Geld spart. Es geht um das Verstehen von Verträgen, das Einschätzen von Risiken und das Lesen des Kleingedruckten – zum Beispiel in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) von Banken oder Mobilfunkanbietern. Wer hier unvorbereitet ist, tappt schnell in teure Fallen – sei es durch versteckte Kontogebühren, unflexible Handyverträge oder überteuerte Kredite.
Was macht die Schule – und was nicht?
Obwohl einige Bundesländer begonnen haben, Wirtschaft und Finanzen in den Unterricht zu integrieren, passiert das vielerorts noch nicht systematisch. Viele Lehrkräfte sind selbst nicht ausreichend auf das Thema vorbereitet oder es fehlt schlicht an Zeit im Lehrplan. Deshalb fordert die nationale Strategie, dass finanzielle Bildung fester Bestandteil des Unterrichts wird – nicht nur in der Theorie, sondern mit ganz praktischen Inhalten: Wie mache ich eine Steuererklärung? Wie erstelle ich ein Haushaltsbuch? Was passiert, wenn ich eine Rechnung nicht bezahle?
Digital, niedrigschwellig und alltagsnah
Die Strategie der Bundesregierung sieht außerdem vor, dass zentrale, kostenlose Informationsplattformen geschaffen und beworben werden. Denn auch im Internet ist es für viele nicht leicht, seriöse Quellen von Werbung oder manipulativen Angeboten zu unterscheiden. Ziel ist es, dass sich Jugendliche und junge Erwachsene an einem Ort kompakt und verständlich informieren können – egal ob zu Onlinebanking, Mietkaution oder Konsumschulden.
Fazit: Finanzwissen ist Selbstschutz
Margit Siller macht deutlich: Wer Finanzentscheidungen ohne Wissen trifft, geht hohe Risiken ein. Die Folgen reichen von unnötigen Kosten bis hin zu dauerhafter Überschuldung. Deshalb sei es höchste Zeit, das Thema „Finanzkompetenz“ aus der Nische zu holen – und zwar schon in jungen Jahren.
Die nationale Finanzbildungsstrategie ist ein Schritt in die richtige Richtung. Entscheidend wird aber sein, ob sie tatsächlich flächendeckend ankommt – in Schulen, Familien, digitalen Angeboten und der Beratung vor Ort. Denn gute Finanzbildung ist nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch eine Frage von Chancengleichheit.