Moderator: Herr Schlautmann, die großen US-Tech-Konzerne Meta, Microsoft und Alphabet investieren dieses Jahr zusammen unglaubliche 228 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur – und dann kommt plötzlich ein chinesisches Startup namens Deepseek und zeigt, dass es auch mit einem Bruchteil dieser Summen geht. Hat das niemand kommen sehen?
Tim Schlautmann: Es war tatsächlich eine Überraschung. Die großen Player dachten lange, sie hätten ein Monopol auf wirklich leistungsstarke KI-Modelle. Deepseek hat bewiesen, dass das nicht mehr stimmt. Besonders bemerkenswert ist, dass ihr Modell nicht nur leistungsfähig, sondern auch Open Source ist – also für alle einsehbar. Während OpenAI seine Technologie unter Verschluss hält, macht Deepseek genau das Gegenteil.
Moderator: Bedeutet das, dass die großen Konzerne überinvestieren? Sind 228 Milliarden Dollar eine Fehlinvestition?
Schlautmann: So einfach ist es nicht. Die Investitionen gehen nicht nur in die Entwicklung von KI-Modellen, sondern vor allem in Infrastruktur – riesige Rechenzentren, leistungsfähige Chips, spezialisierte Hardware. Deepseek hat gezeigt, dass man mit cleveren Algorithmen viel erreichen kann, aber es braucht trotzdem enorme Rechenleistung, um KI weiterzuentwickeln und massentauglich zu machen.
Moderator: Aber Deepseek soll sein Modell mit nur 5,6 Millionen Dollar trainiert haben. Klingt nach einem Schnäppchen.
Schlautmann: Diese Zahl sollte man mit Vorsicht genießen. Unsere Berechnungen zeigen, dass es wahrscheinlich doppelt oder zweieinhalbmal so teuer war, aber keinesfalls um den Faktor 100 günstiger als vergleichbare Modelle von OpenAI oder Google. Der eigentliche Schock für die Branche ist eher, dass man geglaubt hat, nur mit gigantischen Budgets konkurrenzfähig zu sein – und jetzt kommt ein kleines Team aus China und zeigt, dass es auch schlanker geht.
Moderator: Apropos China – muss man sich wegen Sicherheitsrisiken Sorgen machen?
Schlautmann: Ja und nein. Natürlich gibt es Datenschutzbedenken, genau wie bei amerikanischen Anbietern. Interessanterweise bietet Deepseek aber eine Lösung an: Ihr Modell kann auf europäischen Servern laufen, sodass Nutzer selbst kontrollieren können, was mit ihren Daten passiert. Theoretisch könnte man also sogar sicherer unterwegs sein als mit US-Clouds, wo niemand genau weiß, wer alles mitliest.
Moderator: Es gibt Gerüchte, dass Deepseek von OpenAI geklaut hat. Ist da was dran?
Schlautmann: Die Vorwürfe drehen sich um sogenannte „Destillation“ – also das Trainieren eines Modells anhand der Antworten eines anderen. Das ist aber keine Spionage, sondern ein bekanntes Verfahren, das auch von westlichen Unternehmen genutzt wird. OpenAI hat das Internet jahrelang mit seinen Outputs geflutet – dass ein Modell darauf trainiert wurde, ist fast unvermeidlich.
Moderator: Also eher Inspiration als Industriespionage?
Schlautmann: So kann man es sagen. Deepseek hat OpenAI nicht gehackt oder kopiert, sondern eine ähnliche Technologie entwickelt und sie intelligenter weitergedacht. Ihr Algorithmus ist effizienter – das ist der eigentliche Durchbruch.
Moderator: Was bedeutet das alles für die KI-Zukunft?
Schlautmann: Wir stehen erst am Anfang einer riesigen Transformation. KI wird unser Leben komplett verändern – in der Wirtschaft, in der Forschung, im Alltag. Unternehmen, die heute nicht auf KI setzen, werden in zehn Jahren nicht mehr existieren. Dass jetzt mit Deepseek auch China in die Spitzenklasse aufsteigt, wird den Wettbewerb anheizen und Innovationen beschleunigen.
Moderator: Und was bedeutet das für Investoren?
Schlautmann: KI ist ein riesiger Wachstumsmarkt, aber man muss klug investieren. Wer nur auf die großen Player setzt, könnte enttäuscht werden – es gibt Platz für viele neue Gewinner. Und Deepseek hat bewiesen: Auch ein Underdog kann plötzlich den Markt aufmischen.
Moderator: Herr Schlautmann, vielen Dank für das Gespräch!