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Hermann (CC0), Pixabay

Das 9-Euro-Ticket hatte die Bundesregierung für den Zeitraum Juni bis August konzipiert, um neben finanzieller Entlastungen auch einen Anreiz zum Umstieg vom Auto auf den klimaschonenden öffentlichen Nahverkehr zu bieten.

Dass die Aktion diesen zweiten Effekt nur in geringem Umfang erzielen konnte, untermalen jetzt die Ergebnisse einer Umfrage der Schlichtungsstelle Nahverkehr der Verbraucherzentrale NRW. Bei der Online-Untersuchung beantworteten Verbraucher:innen über den gesamten Geltungszeitraum des Tickets und kurz danach Fragen zu ihrem Mobilitätsverhalten und ihren Bedürfnissen im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV).

Bei der Umfrage wurden laufend 2500 Personen im Zeitraum vom 3.6. bis 6.9.2022 online befragt. Hatten im Juni noch 9,4 Prozent der Befragten angegeben, ab September den ÖPNV häufiger nutzen zu wollen, so ist diese Zahl im August auf 6,9 Prozent gesunken. „Wir lesen daraus, dass die anfängliche Begeisterung, die das Ticket für den öffentlichen Nahverkehr hervorgerufen zu haben scheint, etwas nachgelassen hat“, erklärt Melanie Schliebener von der Schlichtungsstelle Nahverkehr. „Offenbar hat der ÖPNV die Erwartungen der Menschen während der drei Monate nicht in dem Maße erfüllt, dass sich mehr einen dauerhaften Umstieg vorstellen könnten.“ Man könne es aber auch als einen positiven Anfang einer möglichen Verkehrswende sehen, so Schliebener, denn immerhin konnten neue Nutzer:innen für die klimaschonende Fortbewegung gewonnen werden.

Mehr Beschwerden betonen den Wunsch nach Qualität

Gründe für die geringere Nachhaltigkeit der Aktion lassen sich teilweise aus der Umfrage ablesen. Denn gleichbleibend stark bewerteten die Menschen über den gesamten Zeitraum einen zentralen Punkt: Rund zwei Drittel der Befragten nannten die Pünktlichkeit und verlässliche Umstiege als besonders wichtig für eine weitere Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs. Ähnlich stark gewichteten sie eine enge Taktung im ÖPNV, um ihn dauerhaft als Alternative zu anderen Fortbewegungsmitteln zu nutzen. An den Antworten besonders auffällig: Während in größeren Städten nur 14,7 Prozent der Menschen angaben, dass sie aufgrund der Verbindungen und der Taktung nicht dauerhaft Bahn fahren wollten, war das in dünn besiedelten Gebieten für fast 40 Prozent das Ausschlusskriterium für Bus und Bahn. Dass die Verlässlichkeit und Qualität der Verbindungen für die Menschen eine große Rolle spielt, drückt sich auch in der Zahl der Beschwerdefälle bei der Schlichtungsstelle Nahverkehr aus. Melanie Schliebener: „Die Verkehrsunternehmen mussten während des 9-Euro-Tickets drastisch mehr Beschwerden zu Fahrten entgegennehmen, die teilweise nun bei uns in der Schlichtung landen. Angesichts der großen Zahl an Fahrgasteingaben sind einige Unternehmen mit der Bearbeitung stark im Verzug.“

Preisgestaltung von hoher Relevanz

Die Umfrage macht noch einen weiteren Punkt deutlich: Auch die Einfachheit des Preissystems ist entscheidend für den Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel. Rund ein Drittel der Befragten gaben diesen Aspekt als relevant an für einen regelmäßigen Gebrauch. „Unser Eindruck ist, dass komplizierte Tarifsysteme die Menschen eher von der Nutzung von Bus und Bahn abhalten“, resümiert Melanie Schliebener. „Und für rund die Hälfte aller Befragten spielt vor allem die Höhe des Preises eine Rolle. Wir schließen daraus, dass der ÖPNV angesichts der stark gestiegenen Lebenshaltungskosten mit attraktiven Ticketangeboten mehr Kund:innen gewinnen könnte. Aber die Qualität und Quantität der Verbindungen muss dann stimmen.“

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